Wie wird es sein, wenn es unverständlich geworden ist, was eine Idee ist?

von philohof E-Mail

Dieser Text ist der Versuch, ein Problem zu beschreiben. Das Problem lautet: Wie wird es sein, wenn es unverständlich geworden ist, was eine Idee ist?

Dabei verstehe ich unter einer Idee etwas, das ein Mensch denkt,

-weil es ihn interessiert,

-um sich etwas zu erklären

-und um Orientierung über einen Ausschnitt der Welt zu gewinnen.

Jetzt werden Sie mich fragen: Wie könnte das unverständlich werden? Nun, ganz einfach: Waren Sie schon einmal auf einem Kongress für Philosophie? Wenn nicht, dann erzähle ich Ihnen jetzt ganz kurz, wie das abläuft: Also, da sitzt Einer vorn (oder Eine) und erzählt unmotiviert etwas, von dem Sie sich fragen: Warum erzählt er mir das? Und was soll ich damit?

Das ist deshalb so, weil Ihnen der Vortragende keine Idee erzählt, die er selbst gehabt hat. Er erzählt Ihnen weder irgendetwas, das ihn interessiert, noch etwas, das er Ihnen mitteilen könnte. Anstatt dessen erzählt er Ihnen irgendeinen Inhalt aus dem Fundus der Fachphilosophie. Und was er damit eigentlich möchte, ist nicht, Ihnen irgendetwas zu sagen, sondern – je nachdem, an welcher Stelle er sich in der Ausbildung befindet – sein Studium abzuschließen oder an einer Universität „Fuß zu fassen“ (= eine Anstellung erlangen).

Das bedeutet, dass bei einem solchen akademisch-philosophischen Vortrag Inhalt und Interesse auseinanderfallen: Was anderes will er, als was er erzählt. Und was er erzählt, das will er nicht. Und was er will, darüber spricht er nicht.

Nun kommt dazu, dass bei akademischen Vorträgen eine unausgesprochene Übereinkunft darüber besteht, dass das gut so ist und dass man genauso vortragen soll. Man rechtfertigt das gewöhnlich mit Gründen der Wissenschaftlichkeit.

Mir ist an dieser Stelle mal gleichgültig, woher das kommt, ich möchte nur festhalten, dass wir ganz heftig daran trainieren, Menschen zu werden, die Dinge reden, die sie nicht interessieren, und diese Dinge anderen Menschen mitzuteilen, ohne ihnen damit etwas sagen zu wollen.

An anderer Stelle habe ich schon beklagt, dass dieser Brauch zu Kommunikationsschwierigkeiten mit akademischen Philosophen führt. Man kann PhilosophiestudentInnen und –absolventInnen praktisch keinen Gedanken mehr kommunizieren, den man gedacht hat. Sie werden sofort die Notwendigkeit empfinden, diesen Gedanken im theoretischen Universum des Fachs einzuordnen. Die Vorstellung, dass es jemand gewesen ist, der etwas gedacht hat, ist ihnen infolge ihres Studiums nicht länger geläufig.

Der gegenständliche Text soll übers Klagen hinausgehen und danach fragen: Wie ist das eigentlich, wenn wir die Bedeutung von „Idee“ vergessen haben werden? Wie kann man sich das vorstellen?

Also das Problem, das ich beschreiben möchte ist: Wie wird das sein, wenn wir erfolgreich vergessen haben, was eine Idee ist (worum wir uns gegenwärtig offenbar heftig bemühen)? Wie wird es uns gehen, wenn wir nicht mehr verstehen, was das Wort „Idee“ bedeutet und was wir einmal damit anfangen wollten?

Meine Vision ist, dass die Menschen, sobald die Bedeutung von „Idee“ vergessen ist, herumlaufen werden und den ganzen Tag Dinge erzählen werden, die sie nicht interessieren und die ihnen auch keine bessere Orientierung in der Welt ermöglichen. Im Umgang mit diesen Menschen wird man vergessen, dass man über die Dinge nachdenken könnte, um sich für sie zu interessieren – um also eine emotionale Verbindung mit diesen Dingen aufzubauen – und um Orientierung über eine bestimmten Ausschnitt der Welt zu gewinnen.

Wie also wird sich das Denken verändern?

  • Der Mensch wird sachlich denken. Das heißt, er wird konzentriert sein auf die inneren Zusammenhänge der Elemente in seinem Erkenntnisgegenstand. Hingegen wird er vergessen, was er von seinem Erkenntnisgegenstand überhaupt will und was er mit ihm machen will. Dem entsprechen als Ergebnis von geistiger Aktivität Ideen, die nicht länger Lösungen für Probleme von Menschen sind; die menschliche Dimension geht verloren, weil der sachlich Nachdenkende Probleme nur in den sachlichen Zusammenhängen seines Erkenntnisgegenstandes wahrnimmt.
  • Die Wahl seiner Erkenntnisgegenstände wird eher zufällig und fremdgesteuert sein. Denn wenn wir annehmen, dass Verstehen eine Antwort auf ein Orientierungsbedürfnis des Menschen ist und wir gleichzeitig annehmen, dass mit der Wortbedeutung von „Idee“ der Gedanke verloren geht, dass man sich in der Welt mittels eigenem Nachdenken orientieren könnte, dann geht auch der Antrieb des einzelnen Menschen verloren, sich mittels Nachdenken in der Welt zu orientieren. Er wird daher nicht über die Dinge nachdenken, um sich zu orientieren, sondern wird zufällig über irgendwelche Dinge nachdenken, und er wird über diejenigen Dinge nachdenken, über die man es ihm anschafft nachzudenken, weil ihm ja im Grunde einerlei ist worüber er nachdenkt.
  • Schon im letzten Punkt angedeutet, aber hier noch einmal eigens erwähnt: Der Mensch wird dann keinen Antrieb mehr haben, sich in der Welt zu orientieren. Ja, mehr noch, er wird die Vorstellung verloren haben, dass man sich überhaupt in der Welt orientieren könnte, weil er mit der Wortbedeutung von „Idee“ auch die Vorstellung hat, dass eine Idee etwas ist, dass den Wahrnehmungen, die man von der Welt macht, Struktur und damit Verständlichkeit verleiht.

Wir dürfen ja nicht vergessen, dass wir – entgegen der gegenwärtigen allgemeinen Praxis – heute immer noch geistig von jenen Erzählungen aus früheren Zeiten leben, in welchen Menschen nachdachten, um etwas in der Welt zu verstehen und sich in ihr zu orientieren. Wenn diese Geschichten einmal nicht mehr erzählt oder gelesen werden, könnte die Vorstellung verloren gehen, dass der Mensch in erster Linie über etwas nachdenkt, um es zu verstehen. Wir profitieren heute gewissermaßen noch „parasitär“ von diesen Erzählungen, die lange schon nicht mehr unserer gängigen Praxis entsprechen. Das verhält sich ebenso wie die Geschichten aus der Philosophiegeschichte, die uns darüber erzählen, wie Philosophie einmal praktiziert worden ist, obwohl die vergangene philosophische Praxis mit der gegenwärtigem in eklatantem Gegensatz steht – und die bisweilen einen gewissen korrektiven Einfluss auf unser gegenwärtiges Philosophieverständnis ausüben.

Nur scheint mir eben, wir halten die fortwährende Präsenz dieser alten Geschichten für gesichert und gehen davon aus, dass sie uns immer begleiten werden. Aber das muss nicht der Fall sein. Es könnte durchaus sein, dass die nächste Generation aufhört, sie zu lesen und sich dadurch das Verständnis dessen, was eine Idee ist, angleicht an den heutigen Gebrauch dieses Worts.

Wie wird es dann einem Menschen gehen, der einen Gedanken denken will, aber der nicht weiß, was ein Gedanke ist, weil die Vorstellung verschwunden ist, dass man sich mittels Denken in der Welt orientieren könnte? – Nun, vor allem stelle ich mir vor, dass er irr werden wird an seinem Bedürfnis, in der Welt Orientierung zu finden.

Es könnte sehr gut sein, dass er die Idee hat, dass es für ihn notwendig sei, eine Idee zu haben. Dass er also gleichsam die Idee von der Idee wiedererfindet. Er könnte das machen, indem er sich beispielsweise sagt: Um mich in der Welt, die mich umgibt, besser zurechtzufinden, muss ich mir über meinen Standpunkt in ihr klarer werden sowie über meine Bedürfnisse, die mich mit den Dingen in ihr verbinden. Daraus folgt dann eine Beschreibung, die jedoch nicht objektiv ist, sondern perspektivisch, weil sie Ausdruck ist meines zeitlich und räumlich lokalisierten sowie durch meine Stellung innerhalb der menschlichen Gesellschaft beeinflussten und durch die Bedürfnisse und durch die Handlungsreichweite meines Körpers beschränkten Orientierungsbedürfnisses in der Welt ist.

Mit dieser Formel hätte sich der Mensch also die Vorstellung nachgebaut, die der „Idee“ früher einmal entsprochen hatte. Aber die Frage ist, wird er sie fassen und mit ihr arbeiten können inmitten einer menschlichen Umwelt, die völlig negiert, dass es das überhaupt gibt, wonach er da sucht? Höchstwahrscheinlich wird er sich also fragen: Bin ich verrückt oder sind es die Anderen? Und: Bin ich verrückt, weil ich ein Orientierungsbedürfnis habe und die Anderen offenbar ohne ein solches leben können? Sollte ich nicht doch darauf verzichten, mir eine eigene Vorstellung von den Dingen zu machen und anstatt dessen so zu leben versuchen, wie alle es tun?

Doch was ich hier versuche, ist künstlich: Ich versuche, mir vorzustellen, wie jemand das erste Anzeichen der Bedeutung dessen, was eine Idee ist, erahnt, obwohl er (oder sie) nicht weiß, was eine Idee ist. Das geht nicht. Man kann sich nicht vorstellen, wie es ist, wenn jemand eine bestimmte Sache nicht weiß. Wahrscheinlich würde er den Inhalt der Idee nicht einmal erfassen können. Wahrscheinlich würde ihm die Wichtigkeit der Idee für sein persönliches Handeln nicht klar werden. Und zudem wäre er ohne die Vorstellung einer Idee geistig handlungsunfähig: Man muss sich seine eigene Vorstellung von der eigenen Sichtweise der Welt bilden, um sich geistig zu positionieren; wie aber könnte man das tun, wenn „sich seine eigene Vorstellung von der eigenen Sichtweise der Welt bilden“ genau jene Aktivität ist, die der Wortbedeutung von „Idee“ und „nachdenken“ entspricht, ebendiesem Menschen aber die Vorstellung davon fehlt, was eine Idee sein könnte? Er müsste sich also zuerst die Idee machen, eine Idee von etwas haben zu können. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz.

Zugleich schreibe ich dies hier vor dem Hintergrund der Befürchtung, dass es bereits heute viele Menschen geben könnte, die nicht mehr wissen, was eine Idee ist, weil sie dieses Wort bloß in der Gestalt eines theoretischen Konzepts oder einer wissenschaftlichen Beschreibung kennen gelernt haben. Ein theoretisches oder wissenschaftliches Konzept ist aber keine Idee mehr; es fehlt ihm das Subjektive, das es ermöglicht von meiner, deiner, seiner oder ihrer Idee zu sprechen. Es ist zu erwarten, dass solche Menschen nicht einmal verstehen werden, wovon ich hier rede. Ich muss zugeben, dass ich nicht weiß, bis zu welchem Grad die Idee schon verlorengegangen ist.

Die Erfahrung, dass Kommunikationsversuche scheitern, die ich auf der unausgesprochenen Konvention aufgebaut hatte, dass mein Gesprächspartner das, was ich ihm erzähle, als meine Ideen interpretiert, die ich mir gemacht habe, um mir die Welt, in der ich lebe, verständlicher zu machen, mache ich relativ häufig. Und nicht nur auf Philosophiekongressen. Es ist also nicht mehr üblich, dass wir voneinander erwarten, uns unsere Ideen über die Dinge und die Welt zu erzählen. Gut, aber das könnte eben auch bloß aufgrund spezifischer Kommunikationsregeln so sein, die uns bei bestimmten Gelegenheiten, wie z.B. auf wissenschaftlichen Kongressen, in unserer Ausdrucksfreiheit einschränken.

Wenn man so denkt, könnte man sich vormachen, alle Menschen wüssten nach wie vor, was eine Idee ist, und man könnte ihnen eine mitteilen, wenn man sie in einer unbelasteteren Kommunikationssituation antrifft. Ja, aber vielleicht stimmt gar nicht? Vielleicht leben schon zahlreiche Menschen unter uns, die nicht mehr wissen, was eine Idee ist? Vielleicht gehöre ich schon nur mehr einer kleinen Minderheit an? Wenn das so ist, dann handelt es sich bei dem, was ich hier in diesem Text zu erfassen versuche, um gelebte Realität und um keinerlei Horror-Science fiction. In dem Fall leben Menschen unter uns, die nicht wissen, was eine Idee ist, und man könnte sie untersuchen, wie sie ohne diese Vorstellung zurechtkommen.

Ich würde zwar auch in dem Fall bezweifeln, dass jemand, der weiß, was eine Idee ist, begreifen kann, wie das ist, wenn man es nicht weiß; aber man könnte zumindest herausfinden, womit sich diese Menschen beschäftigen und aus welcher Motivation oder Veranlassung sie es tun und auf diese Weise zumindest ein indirektes Verständnis ihrer geistigen Funktionsweise gewinnen.

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