Wie wird es sein, wenn es unverständlich geworden ist, was eine Idee ist? (2)

von philohof E-Mail

 

Rekapitulation: Wo liegt denn hier überhaupt das Problem?

Das Problem besteht darin, ob der Mensch heute frei ist, sich seines eigenen Verstands zu bedienen und nach eigener Fasson zu denken und zu lernen.

Gewiss, es gibt heute keine Zensur und man kommt nicht ins Gefängnis, wenn man seine eigene Meinung im privaten Kreis oder auch öffentlich zum Ausdruck bringt.

Aber: Es gibt gegenwärtig eine starke Tendenz, Denken nicht als das Denken von Menschen aufzufassen, sondern Gedanken als etwas zu verstehen, das unabhängig vom Menschen fortbestehen kann und ganz einfach nur die Eigenschaft hat, wahr oder falsch zu sein.

Das führt zu Problemen und Missverständnissen bei der Mitteilung von Ideen, da von der einzelnen Person nun erwartet wird, ihre Ideen so zum Ausdruck zu bringen, als wären es gar nicht ihre Ideen.

Beispiel:

Person A erzählt Person B von einer Idee, die sie gehabt hat.

Person B: „Das stimmt nicht! Wahr ist vielmehr, dass…!“

Die Antwort von Person B frustriert Person A und hilft ihr nicht weiter. Sie ist deshalb wenig hilfreich, weil sie das Problem, an dem Person A gearbeitet hatte, nicht berücksichtigt, sondern anstatt dessen von einem allgemeinen Standpunkt aus spricht.

Besser wäre es gewesen, Person B hätte geantwortet: „Für welches Problem ist deine Idee eine Lösung? Ist sie eine gute Lösung für das Problem? Kann man dein Problem anders sehen, sodass sich andere Lösungsmöglichkeiten ergeben?“

Die Antwort von Person B ist aus meiner Sicht ein Problem, weil sie unmittelbar in eine kommunikative Sackgasse führt. Also: Ich sehe hier ein Problem.

Mir ist aber auch bewusst, dass es viele Menschen gibt – vor allem technisch und naturwissenschaftlich orientierte -, die hier aufgrund ihres Mindsets kein Problem sehen können.

Und außerdem gibt es gewiss Kommunikationssituationen – z.B. akademische, wissenschaftliche -, die es verbieten, Probleme und Fragen in einer persönlichen Gestalt zu formulieren.

Gut. Nun gehe ich aber über diese Umstände hinaus und frage: Sind wir heute noch in der Lage, wenn uns ein Mensch von seiner Idee erzählt, die er gehabt hat, in dieser Idee den Menschen wahrzunehmen, der ein bestimmtes Problem hat und mithilfe seiner Idee eine Lösung dafür sucht?

Und hier würde ich mich schon auf den Standpunkt stellen, dass es genau das ist, was „Idee“ oder „Gedanke“ in der Alltagsprache bedeutet: Also wenn ein Mensch einem anderen Menschen erzählt, er habe eine Idee gehabt, dass der Gesprächspartner diese im Kontext der Person des Erzählers der Idee wahrnimmt. Also: Mein Freund hat eine bestimmte Problemsicht, und seine Idee erscheint ihm in irgendeiner Weise als Lösungsansatz für dieses Problem. (Nicht aber: Mein Freund erzählt mir von einer Idee, für die er sich nicht interessiert, um in abstrakt-allgemeiner Form deren Richtigkeit zu behaupten und meine Zustimmung zu erheischen, durch die er ebenfalls nichts gewinnt.)

Nun ist meine Erfahrung die, dass mir scheint, es gibt heute schon viele Menschen, die nicht (mehr) in der Lage sind, hinter einer Idee, die ihnen erzählt wird, einen Menschen zu sehen, der auf der Suche nach der Antwort für ein Problem ist.

Mein vorangegangener Text mutmaßt nun: Vielleicht ist es ja so, dass sie nicht einmal das Konzept oder die Wortbedeutung von „Idee“ mehr verstehen? Vielleicht ist die Entwicklung ja wirklich mittlerweile soweit fortgeschritten, dass viele Menschen nicht mehr auf die Idee kommen, einen Menschen vor sich zu haben, der an einem Problem arbeitet, wenn ihnen jemand ihnen erzählt, was er (oder sie) sich ausgedacht hat.

(Was werden sie anstatt dessen denken? Ganz einfach: Hier ist jemand, der etwas behaupten will, was grundsätzlich wahr oder falsch sein kann – und dem ich zustimmen kann, wenn ich es für wahr halte.)

An meine Mutmaßung, dass das Wort „Idee“ unverständlich geworden sein könnte, musste sich nun folgerichtig ein Ausdruck des Unverständnisses anschließen, denn ich bin ja tatsächlich nicht in der Lage zu begreifen, wie man – also der einzelne Mensch in seinem konkreten praktischen Handeln – ohne dieses Wort auskommen könnte.

Doch das sind Spekulationen. Oder vielleicht wäre es ein lohnendes Forschungsprogramm für Psychologen, die zum Beispiel experimentell zwei grundverschiedene Arten von Menschen untersuchen könnten: die einen, die die Notwendigkeit verspüren, ihren persönlichen Entwicklungsweg fortzusetzen, um Neues lernen zu können; und die anderen, die ohne die Vorstellung eines solchen persönlichen Entwicklungswegs auskommen, weil sie aufgrund ihrer Selbstbestimmung als „vernünftige Wesen“ den Eindruck haben, dass ihnen alle Themen – wirklich alle – gleich nahe und gleich fern liegen.

Ich wollte nur das Problem beschreiben, und das besteht darin, dass ein solcher Mensch, der sich selbst für ein „vernünftiges Wesen“ hält, mit einem von der anderen Sorte spricht und kein Verständnis dafür hat, dass dieser erst seinen geistigen Entwicklungsweg fortsetzen und sein Denken entwickeln muss, um den Erkenntnisgegenstand erfassen zu können, über den sie miteinander sprechen. (Mit anderen Worten, der „vernünftige“ Mensch tut so, als wären alle Themen „an sich“ verständlich.)

Diese Denkweise des Menschen, der sich selbst für „vernünftig“ hält, führt zu jenem schmerzhaft empfundenen Kommunikationsproblem, das ich oben beschrieben habe, in dem Person A Person B etwas erzählt, das sie sich ausgedacht hat und Person B einfach sagt: „Stimmt!“ – oder: „Stimmt nicht!“ – ohne sich überhaupt für das Problem zu interessieren, über das Person A nachgedacht hat.

Es führt aber auch dazu, dass Menschen von der Art wie Person B (so wie sie hier beschrieben ist) in wissenschaftlichen Texten und Vorträgen Inhalte vorbringen, die von Menschen wie von Person A (so wie sie hier beschrieben ist) nicht verstanden werden können, weil verabsäumt wurde, Situationen mitzuliefern, in welchen Menschen üblicherweise ein solches Problem haben, für welches die im wissenschaftlichen Text oder Vortrag dargestellten Inhalte eine Lösung darstellen.

Viele wissenschaftliche Texte sind von der Art, dass der Leser sich sagt: „Gut, das mag ja alles richtig sein. Aber was fange ich damit an?“ Und diese Frage ist nicht erst eine der praktischen Umsetzbarkeit von theoretisch Eingesehenem, sondern bereits eine solche, die die Verständlichkeit der mitgeteilten Inhalte selbst betrifft.

Abgesehen davon, dass das in meinem Text beschriebene Problem schmerzhaft ist, zu kommunikativen Missverständnissen und Konflikten führt und Menschen mit brennenden Fragen nicht weiterhilft, hat es aber noch einen weiteren Aspekt von grundsätzlicherer Natur: Es geht darum, dass in einer (Menschen-)Welt, in der die Bedeutung von „Idee“ und „Gedanke“ unverständlich geworden sind, der einzelne Mensch, der denkend redlich um Verständnis sich bemüht, nicht mehr gesehen wird. Ja, mehr noch, hinter dem Gedanken, dass das Wort „Idee“ unverständlich geworden sein könnte, steht die Vision, dass es von vielen Menschen nicht mehr für notwendig gehalten wird, dass der Einzelmensch sich eine eigene, infolge seines Erfahrungshorizonts beschränkte Vorstellung von der Sache, also eine Idee – die aufgrund der Beschränktheit des Erfahrungshorizonts dieses Menschen natürlich auch nicht allgemeingültig sein kann – machen müsse, um diesen Erkenntnisgegenstand überhaupt erfassen zu können.

Kurz, hinter meiner Idee vom Unverständlichwerden der Idee steht die Vorstellung, dass es allgemein nicht mehr für notwendig erachtet wird, dass Menschen sich ihre eigenen, individuellen Vorstellungen von den Dingen fabrizieren, damit diese „Dinge“ oder eben Erkenntnisgegenstände erlernt werden können.

Oder noch einmal umformuliert: Hinter der Idee davon, dass die Wörter „Idee“ und „Gedanke“, so wie wir sie bisher verwendet haben, aktuell gerade dabei sind, unverständlich zu werden, steht die Vorstellung, dass Menschen so funktionieren, dass sie nicht selbst nachdenken müssen, um Dinge zu erkennen und sie zu erlernen.

Sie müssen selbst nicht nachdenken, bedeutet in dem Zusammenhang, sie müssen sich keine eigenen Ideen oder Vorstellungen von den Dingen bilden, weil sie mit denjenigen auskommen, die von anderen Menschen, zumeist von Wissenschaftlern und Experten, als allgemein gültige Vorstellungen für diese Dinge oder Erkenntnisgegenstände für die die gesamte Gesellschaft ausgearbeitet wurden und in wissenschaftlichen und pädagogischen Texten angeboten werden.

Selbstdenken besteht aber darin, dass der einzelne Mensch sich seine eigenen Vorstellungen beziehungsweise Ideen von den Dingen macht (auch wenn diese nicht von allem Anfang an ganz richtig und wahr sein werden).

Mit anderen Worten, das Unverständlichwerden der Wortbedeutung von „Idee“ ist selbst im Grunde nichts anderes als die Meinung, dass es nicht notwendig sei, dass die Menschen individuell, für sich selber nachdenken. Und diese Meinung wird dadurch zum Ausdruck gebracht, dass man behauptet, eine Idee sei nichts, das intrinsisch mit dem Menschen, der sie hervorgebracht hat, verbunden ist. Man behauptet also, um eine Idee zu verstehen, müsse man nicht zuerst den Menschen verstehen, der sie hervorgebracht hat, und die Situation, in der er sich befunden hat, beziehungsweise, das Problem, das er mit seiner Idee lösen wollte. Sondern, so meint man, eine Idee könne für sich stehen (wie die Ideen in Platons Ideenhimmel) und uns dennoch etwas sagen, egal in welchen Situationen wir uns aktuell befinden.

Und hier habe ich eben gesagt: Aber eigentlich würde ich doch in einem Alltagsgespräch, in dem mir ein Mensch von einer Idee erzählt, die er sich ausgedacht hat, nicht davon ausgehen, dass er mir von einem Gedanken erzählen will, der unabhängig von ihm alleine bestehen kann und der der gesamten Menschheit über alle Zeiten hinweg den Weg erleuchtet. Denn so verwenden wir das Wort normalerweise nicht. Sondern er will mir von einem Gedanken erzählen, den er ausgehend von einer bestimmten Problemwahrnehmung und in Bezug auf diese gefasst hat. Diese Verbundenheit des Gedachten mit dem Denkenden und der Situation, in der er steckt, würde ich der Wortbedeutung von „Idee“ zuschreiben.

Und wenn diese Verbundenheit des einzelnen Gedachten mit dem einzelnen nachdenkenden Menschen nun wegfällt, einfach weil wir sie in dem Wort „Idee“ nicht mehr erspüren können, dann fällt damit auch der einzelne Mensch, der redlich um Erkenntnis sich bemüht weg sowie seine mühevolle Anstrengung des Nachdenkens, mit deren Hilfe er sich darum bemüht, mehr über die Welt, die ihn umgibt zu lernen, aus unserer Vorstellung von der menschlichen Erkenntnis heraus.

Das bedeutet, das „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ der Aufklärung fällt weg und anstatt dessen müsste stehen: „Vertraue darauf, dass du die Dinge, die dir die Wissenschaftler und Experten erzählen, verstehen wirst, auch ohne selbst über sie nachzudenken und ohne zu erfassen, wie sie dich in deiner Situation, in der du jetzt stehst, betreffen und welches deiner Probleme sie wie lösen könnten!“

Es ist ja nichts anderes als das, was Person A im oben vorgebrachten Beispiel frustriert: Person A wird sich denken: „Person B hat mich nicht einmal als nachdenkendes Wesen mit meinem spezifischen Problem, an dem ich gearbeitet habe, wahrgenommen!“

Damit ist im Grunde alles gesagt: Wir leben in einer Gesellschaft, in der ein jeder frei seine Meinung zum Ausdruck bringen darf. Aber zugleich ist das eine Gesellschaft, in der Meinungen und Ideen immer weniger als etwas angesehen werden, das von Menschen zum Ausdruck gebracht worden ist. Will daher heute ein Mensch eine Idee zum Ausdruck bringen, so geht das oft nicht, weil seine Idee nicht als Ausdruck seiner Person aufgefasst wird. (Anstatt dessen wird sie als etwas aufgefasst, was unabhängig von seiner Person entweder wahr oder falsch ist.) Man kann somit sagen: Freie Meinungsäußerung ist gesetzlich erlaubt, aber sie ist im Rahmen unserer Konzepte von dem, was zum Beispiel eine „Idee“ oder ein „Gedanke“ ist, eigentlich nicht mehr vorgesehen.

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