Wie wird es sein, wenn es unverständlich geworden ist, was eine Idee ist? (3)

von philohof E-Mail

Den ausgebildeten Philosophen unter Ihnen wird schon aufgefallen sein, dass meine Thematik Ähnlichkeit hat mit bekannten Diskussionen aus der Philosophiegeschichte, mit Aristoteles‘ Kritik an Platons Ideenlehre und mit dem mittelalterlichen Universalienstreit.

Existieren die Ideen unabhängig von uns an einem bestimmten Ort, im Ideenhimmel, oder tun sie das nicht? Und existieren die Allgemeinbegriffe, also die Universalien, real wie im „Realismus“ oder sind sie nur Namen von gedanklichen Abstraktionen wie im „Nominalismus“?

Ebenso könnten Sie jetzt mich nach meiner „Position“ fragen bezüglich des Problems, ob Ideen nur innerhalb des Denkens von konkreten Menschen vorkommen oder ob sie unabhängig vom Menschen Bestand haben können.

Darauf würde ich Ihnen antworten, dass mir das relativ egal ist. Denn das ist nicht mein Thema. Mein Thema ist es, ob man andere Menschen gut oder schlecht behandelt, es ist also ein ethisches Thema.

Und hier gibt es grundsätzlich zwei Wahlmöglichkeiten. Wenn sich in einem Menschen das zarte Pflänzlein des Interesses und der Erkenntnis zeigt, kann man es entweder mit dem Fliegenpracker gleich mal totschlagen oder man kann es hegen und pflegen, bis etwas daraus wird.

Für die erste Möglichkeit entscheidet man sich gewöhnlich, wenn man die Erkenntnis über den Menschen stellt. Denn die Erkenntnis ist – in Gestalt von Büchern und anderen Publikationen – dauerhaft, nahezu ewig, und diese kurzlebigen, dummen Menschen tragen meist mehr dazu bei, sie zu verwirren, wenn sie sich für sie interessieren. Wenn man also die Erkenntnis reinhalten will, wird man sie in schriftlicher Form aufbewahren und sie ausschließlich geweihten Händen anvertrauen wollen; von den schmutzigen Händen junger Leute, die noch nichts wissen von der Welt, wird man sie unter allen Umständen fernhalten.

Für die zweite Möglichkeit entscheidet man sich, wenn man den Menschen – und hier insbesondere das Lernen, die individuelle Erkenntnisbemühung – im Wert über die Erkenntnis stellt. Wenn es einem wichtig ist, dass ein Mensch etwas lernt, dann wird man sagen: Ein Gedanke, der nicht der Gedanke eines Menschen ist, ist ein lebloser Schatten, und eigentlich kein Gedanke.

Man muss sich also entscheiden, was von beidem einem lieber ist und welches von beiden man notfalls zu Bruch gehen lassen würde – die gemeinsame Erkenntnis oder den einzelnen Menschen mit seinem Lern- und Wissensbedürfnis.

In der Universität steht eindeutig die Erkenntnis über dem Menschen, während bei der Schule zumindest die grundsätzliche Entscheidung doch noch die ist, dass junge Menschen in die Schule gehen sollen, um etwas zu lernen. Es sollte also aus der Schule ein Mensch herauskommen, der etwas weiß und kann, während Universitäten hauptsächlich nach ihrem wissenschaftlichen Publikationsoutput gerankt werden.

Ich denke, es ist diese Bevorzugung der Erkenntnis gegenüber dem Lernbedürfnis der Studenten, welche die wissenschaftliche Universität ausmacht, beziehungsweise ist das überhaupt ein wichtiger, doch gern übersehener Aspekt der Wissenschaftlichkeit: dass man bereit ist eher die Lernbemühungen eines Menschen zu entmutigen und es zu riskieren, dass er die Bildungsanstalt mit einer psychischen Beeinträchtigung verlässt, als dass man es riskieren würde, dass an der gemeinsamen Erkenntnis, die man täglich poliert, ein Haar hängenbleibt.

Zur Illustration dieses Gedankens bringe ich nun zwei Zitate aus einem Buch, aus dem in Hinkunft öfters zu zitieren ich versprochen habe, nämlich aus Markus Arnold: Die Erfahrung der Philosophen. Turia + Kant, Wien 2010.

 

S. 428 FREGES „DRITTES REICH“

„Wissenschaft und Erkenntnis hätten so nichts mit den Absichten der Subjekte, nichts mit ihren sozialen Kontexten zu tun, und diese müssten daher auch von der Philosophie nicht weiter bedacht werden. Diese Grundannahmen prägten mit der Analytischen Philosophie eine ganze Forschungstradition: Philosophische Probleme sollten ohne Bezug zu sozialen und historischen Kontexten allein durch eine logische Analyse der Sprache auflösbar sein, da letztlich alles, was unklar ist, auf die Unvollkommenheit der Umgangssprache zurückzuführen, und alles, was klar und eindeutig ist, mit den Mitteln logischer Analyse darstellbar sei. Um dies gewährleisten zu können, muss Frege aber die Existenz eines „dritten Reichs“ einführen, in dem die Gedanken unabhängig von den denkenden Subjekten, aber auch unabhängig von den realen Dingen existieren.“

Fußnote hierzu:

„„Wenn jeder Gedanke eines Trägers bedarf, zu dessen Bewusstseinsinhalte er gehört, so ist er Gedanke nur dieses Trägers, und es gibt keine Wissenschaft, welche vielen gemeinsam wäre, an welcher viele arbeiten könnten; […] So scheint das Ergebnis zu sein: Die Gedanken sind weder Dinge der Außenwelt noch Vorstellungen. Ein drittes Reich muß anerkannt werden. Was zu diesem gehört, stimmt mit den Vorstellungen darin überein, daß es nicht mit den Sinnen wahrgenommen werden kann, mit den Dingen aber darin, daß es keines Trägers bedarf, zu dessen Bewußtseinsinhalte es gehört.“ (Frege 2003b, 49 f.)"

 

[Anmerkung: Arnold zitiert hier Gottlob Frege: „Der Gedanke – eine logische Untersuchung“ in: ders.: Logische Untersuchungen. Hg. Von Günther Patzig, Göttingen 2003 (5. Aufl.), S. 35-62.]

Hier begegnen wir also einem Gedanken von Gottlob Frege, einem Vertreter der wissenschaftlichen Richtung der Philosophie, der ein richtiggehend moralisches Motiv transportiert: Wenn ein jeder sich seine eigenen Vorstellungen von den Dingen machen würde, dann gäbe es keine Wissenschaft, denn dann könnte es kein Gemeinsames geben. Die Menschen sollen sich also gar keine eigenen Ideen bilden, damit das Gemeinsame erhalten bleiben kann.

Markus Arnold hat seine eigene Vorstellung vom Wesen der Philosophie, die ihm ganz wichtig ist und die auch ich teile: nämlich die, dass Philosophie letztlich darin besteht, dass die philosophierenden Menschen sich jeweils individuell selbst fragen, was sie über eine bestimmte Frage denken und diesbezüglich zu einem inneren Entschluss zu kommen versuchen.

Arnold scheint nun in dem folgenden Zitat zu meinen, dass sich diese Erkenntnispraxis, die auf die innere Gewissheit im lernenden Menschen abzielt, in der Form des Seminars bis heute an den Universitäten erhalten habe. Mir fiel beim Lesen dieses Textstücks ein, dass ich es in den Seminaren während meines Philosophiestudiums an der Universität Wien immer schmerzlich vermisst habe, dass am Ende die Frage gestellt worden wäre: „Und, was wollen wir jetzt wirklich von dieser Sache halten, über die wir die ganze Seminarstunde lang gehört haben?“ Im Gegenteil, diese Frage – die ja das Kernstück im Philosophieren nach Arnolds Konzept von Philosophie bilden müsste – wurde peinlichst vermieden.

Arnolds Zitat ist nun in dieser Hinsicht nicht deutlich genug, um es mit meinen Erfahrungen zu vergleichen. Aber gewundert habe ich mich schon über seine Wirklichkeitswahrnehmung. Na gut, vielleicht ist ja im Philosophieinstitut der Universität Klagenfurt alles ganz anders?

S. 453-4 DIE STUDENTEN FRAGEN SICH SELBST IM SEMINAR, WAS SIE WIRKLICH ÜBER EINE SACHE DENKEN

„Unabhängig von ihrer theoretischen Reflexion über ihr eigenes Tun, enthielt die wirkmächtige Praxis des Sokratischen Gesprächs, wie sie in den Schriften Platons tradiert und an den Universitäten als Disputation bzw. später als Seminar neben den Vorlesungen institutionalisiert wurde, in sich jene Rollen und Normen des Denkens, die immer wieder von der Vielfalt der Meinungen ausging, um die Beteiligten dann auf ihre innere Gewissheit zu verweisen bei der Frage, ob man diese oder [S. 454] jene These für wahr halte oder nicht. Das hier eingeübte Frage- und Antwortmodell prägte – vielleicht mehr als alle theoretischen Überlegungen – das Selbstverständnis der Philosophen. Hier lernte man die Norm kennen, ohne Instrumente, allein im Gespräch mit anderen in der Vielfalt der Meinungen und Schulen nach der Wahrheit zu suchen; die Norm, niemals darauf zu verzichten, sich selbst zu fragen, ob man dem Gesagten auch zustimmen kann. Paradoxerweise war das in der Praxis vermittelte Idealbild, wie man eine Sache philosophisch untersuchen sollte, stärker als die oft nüchterne Realität universitärer Praxis.“

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