Wie wird es sein, wenn es unverständlich geworden ist, was eine Idee ist? (5)

von philohof E-Mail

Ich suche nach Konkretisierungen meiner Gedanken. Denn jemand könnte mir vorwerfen, sie seien abstrakt und ungreifbar. Was soll das schon bedeuten: dass uns die Ideen abhandengekommen sein sollen? Was soll man sich darunter vorstellen? Meiner Meinung nach ist das ganz einfach: Es geht darum, ob man es einem Menschen gestattet, sich über eine Angelegenheit seine eigene Meinung – also eine eigene Idee – zu bilden oder nicht.

Aber wer soll einem denn das absprechen? Wir leben doch in einer freien Gesellschaft!

Ach so? Wirklich? Es könnte natürlich auch der Fall sein, dass man meint, es gäbe bestimmte Probleme einfach deshalb, bloß weil man sie nicht anspricht.

Betrachten wir einmal folgenden Fall. So behandelt die philosophische Erkenntnistheorie – insbesondere jene der Analytischen Schule der Philosophie – die Frage der Erkenntnis:

Gemäß der so genannten Standardanalyse des Wissens weiß ein Mensch S eine Proposition (also einen Satz) p genau dann, wenn folgende drei Bedingungen erfüllt sind:

 

  1. Die Person S hält den Satz p für wahr;
  2. p ist auch tatsächlich wahr;
  3. und S ist gerechtfertigt (also hat Gründe dafür oder ist wie auch immer sonst gerechtfertigt) darin, p für wahr zu halten.

 

An die Standardanalyse des Wissens schloss sich das so genannte Gettier-Problem an, in dem Edmund Gettier im Jahr 1963 zwei Gegenbeispiele gegen die Standardanalyse des Wissens vorbrachte, in denen alle drei Bedingungen für Wissen zwar erfüllt sind, wir aber dennoch nicht sagen würden, dass es sich um Beispiele von Wissen handelt.

Im ersten Gettier-Gegenbeispiel ist die Meinung, die sich Smith bildet, die, dass sein Freund Jones einen Ford besitzt oder sein anderer Freund Brown in Barcelona ist. Ich weiß, dieses Beispiel ist merkwürdig, aber das kommt daher, dass die analytischen Philosophen (formale) Logik gelernt haben – aus dem Grund ist es verständlich, dass ihre Beispiele seltsam anmuten.

In den Jahrzehnten darauf sind zig Aufsätze und mehrere Bücher über das Gettier-Problem geschrieben worden, und das hatte meines Erachtens vor allem eine (unbeabsichtigte) Funktion: Indem man sich am Gettier-Problem erhitzte und abarbeitete, ließ man die Standardanalyse des Wissens in Ruhe.

Mit der Standardanalyse des Wissens ist aber meiner Meinung nach einiges nicht in Ordnung, und mir würden gleich mehrere Bedingungen für Wissen einfallen, die da fehlen. Aber was mich am meisten an ihr verblüfft, ist ganz etwas anderes: nämlich dass man auf eine Grundbedingung und Voraussetzung für die anderen Bedingungen völlig vergessen hat:

Auf die Bedingung, dass man es der Person S überhaupt zuerst einmal gestattet, sich eine Vorstellung von einem Sachverhalt zu bilden, die sie für wahr halten kann.

Warum ist das wichtig? Es ist deshalb wichtig, weil in es in der Praxis einige häufig vorkommende Praktiken gibt, wie es dem einzelnen Menschen verboten wird, sich eine eigene Vorstellung – oder wie ich es im Zyklus dieser Texte nenne: eine eigene Idee – von einer Sache zu machen:

1) Da ist zum Ersten die Option, dass man dem Menschen die Erkenntnisfähigkeit abspricht.

Das geschieht häufig dadurch, dass man sagt, er sei nicht qualifiziert zu dieser Art von Erkenntnis. Es läuft in der Praxis darauf hinaus, dass er kein Zeugnis vorweisen kann, welches ihn berechtigt, diese Art von Erkenntnis zu machen. Man sagt also z.B., Smith habe nicht Wirtschaftsgeschichte studiert und sei daher nicht in der Lage, einen Ford von einer anderen Automarke mit Sicherheit zu unterscheiden. Dieses Beispiel war für die Nichtakademiker. Bei den Akademikern spielt sich dasselbe Spiel eine Ebene höher ab: Dort gelten die Magister und Doktoren als die geistig Minderbemittelten, die zu schweigen haben, wenn ein Habilitierter spricht. Man würde also sagen, Smith habe sich nicht im Fach Geografie habilitiert, er sei daher nicht qualifiziert zu beurteilen, ob Brown sich in Barcelona befinde oder nicht.

2) Zum Zweiten ist es auch sehr beliebt, jemandem die Erkenntnisfähigkeit aufgrund eines Mangels in seiner Erkenntnismethode (oder überhaupt: aufgrund mangelnder Methodik in seiner Erkenntnis) abzusprechen.

Man sagt also beispielsweise, Smith könne gar nicht wissen, ob Jones einen Ford besitzt und ob Brown in Barcelona weilt, weil er das nicht mit wissenschaftlichen Methoden untersucht habe, weil er die Daten nicht mit einer gesicherten Methode erhoben und sie nicht mit statistischer Rechnung untermauert habe. Außerdem sei bei einer Gruppe von zwei Personen natürlich das Untersuchungskollektiv viel zu klein, als dass man statistische Signifikanz erreichen könne. Der Vorwurf des Mangels an wissenschaftlicher Vorgehensweise trifft im Falle dieses konkreten Beispiels natürlich zu, deshalb erreicht dieser Vorwurf hier leicht sein Ziel. Allerdings ist zu bemerken, dass der Vorwurf des Mangels in der Erkenntnismethode immer darauf vergisst, dass im konkreten Leben und praktischen Handeln der Aufwand bei der Datenerhebung stets in einem Verhältnis zum Nutzen der Erkenntnis stehen muss. Smith hat in seinem Leben wahrscheinlich auch noch andere Dinge zu tun, als mit Sicherheit festzustellen, ob Jones wirklich einen Ford besitzt. Deshalb hat der Wissenschaftler, der den gewöhnlichen Menschen in Erkenntnisangelegenheiten kritisiert, fast immer Recht und tut ihm doch gleichzeitig schrecklich Unrecht.

3) Und jetzt kommen wir zum dritten Punkt, und das ist derjenige, der uns an dieser Stelle interessiert: Es geschieht auch häufig, dass einem Menschen die Vernunft und Erkenntnisfähigkeit abgesprochen wird, weil er seine Ideen nicht in der richtigen Weise formuliert.

Wie will man es denn haben, dass er seine Ideen formulieren soll? – Nun so, dass es so aussieht, als ob sie nicht seine Ideen wären. Eine beliebte Weise, dieses Ziel zu erreichen sind –ismen. Anstatt sich die Meinung zu bilden, Jones besitze einen Ford, sollte Smith besser einen „Jones-besitzt-einen-Ford-ismus“ vorschlagen und einen Barcelonismus von Brown vertreten. In der gegenwärtigen Philosophie werden eine ganze Reihe von –ismen diskutiert, und ihr Hauptzweck besteht darin, dass der Sprecher oder die Sprecherin allein dadurch, dass er/sie diese Sprechweise wählt, damit implizit behauptet: „Das ist nicht mein Problem, sondern ein Problem von allgemeinem Interesse, über das ich hier sprechen will.“

Nebenbei gesagt ist das auch der Grund, warum ich hier das Gettier-Problem diskutiere: Ob Jones einen Ford besitzt, ist nämlich gerade kein Problem von allgemeinem Interesse. Es ist das eine lokale, kontingente (also eine, die auch anders sein könnte) Einsicht von Smith, die eigentlich nur Smith interessiert. Und das trifft auf die meisten Erkenntnisse zu, die wir im Alltag machen: Die wenigsten von ihnen sind solche, bei denen es sich lohnt, sie in der Öffentlichkeit zu diskutieren und wissenschaftliche Erkenntnisse aus ihnen zu destillieren.

Eine zweite Möglichkeit der Enteignung von Ideen ist die, aus einer Einsicht oder Tatsachenvorstellung eine „Position“ zu machen. Bei theoretischen oder wissenschaftlichen Positionierungen stellt man sich gleichsam eine Landkarte vor, auf der alle möglichen Meinungen zu einer Fragestellung an verschiedenen Positionen auf der Karte eingetragen sind. Eine dieser Positionen vertritt man dann selbst, und indem man nicht seine eigene Idee vertritt, sondern eine (objektive) Position auf einem Feld oder einer Matrix möglicher Positionen, macht man sich ebenfalls zum Anwalt einer Angelegenheit von allgemeinem Interesse, deren Bedeutung von der Bedeutung der Fragestellung herrührt, nicht aber vom eigenen Involviertsein in sie. Smith würde in dem Fall also die Position vertreten, dass Jones einen Ford besitze im Gegensatz zu der Position, die man auch vertreten könnte, dass er einen Peugeot fährt oder einen Fiat. Und er würde dafür debattieren, dass sich Brown in Barcelona befindet, während sein Diskussionsgegner alle Argumente auflisten wird, warum Brown notwendigerweise in Brest-Litowsk sein muss.

Die ersten beiden Optionen, wie einem Menschen die Erkenntnisfähigkeit abgesprochen hat, sind auch interessant, aber ich habe hier die dritte im Blick, wenn ich über die Frage nachdenke, ob uns gegenwärtig unser Begriff von dem, was eine Idee ist, nicht etwa vielleicht schon abhandengekommen ist.

Es geht mir darum, dass eine Vorstellung von einem bestimmten Sachverhalt ein Wissen nicht erst dann ist, wenn eine Person diese Vorstellung hat, sie auch wahr ist und die Person zusätzlich auch noch Gründe oder eine andere Art von Rechtfertigung dafür anzugeben weiß, warum sie diese Vorstellung aufrecht erhält. Zuerst – und vor diesem allem – muss man es diesem Menschen überhaupt einmal erlauben, sich eine eigene Vorstellung von einem Sachverhalt zu bilden. Bitte, es ist freilich auch möglich, es ihm ganz einfach nicht zu verbieten, in dem Fall braucht man es ihm nämlich auch nicht extra zu erlauben. Aber meine Beispiele zeigen, dass die Verbote bereits existieren und die Verbieter fleißig unterwegs sind, weshalb es nun doch nötig ist, es dem einzelmenschlichen Erkenntnissubjekt gesondert zu erlauben: „Du darfst dir in deiner Erkenntnis eine Tatsachenüberzeugung „…dass p“ bilden, die in der Folge wahr oder falsch sein kann und die sich hoffentlich als wahr herausstellen wird!“

Dazu gehört natürlich auch, dass man der erkennenden Person nicht grundsätzlich die Fähigkeit und Kompetenz, Erkenntnisse zu machen, abspricht, wie das sehr häufig geschieht. Und es gehört zu einer solchen Erlaubnis auch dazu, dass man es dem Menschen erlaubt, seine Erkenntnisse in einer Weise durchzuführen, wie es ihm im Alltag vom Zeitaufwand und Mitteileinsatz her zumutbar ist. Aber es gehört letztendlich eben auch dazu – und das scheinen viele Menschen nicht auf ihrem „Radar“ zu haben – dass man es dem Menschen erlaubt, sich Vorstellungen – oder wie ich es hier nenne: Ideen – von den Dingen zu bilden, die dann auch seine Ideen sind. Ebendas aber verbietet man ihm, indem man ihn zwingt, seine Ideen in eine ihm fremde Gestalt zu bringen und sie so zu formulieren, als wären sie nicht seine, sondern solche von allgemeinem Interesse.

Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Menschen an diesem Punkt gar nicht wissen werden, wovon ich rede: „meine“ Idee, „seine“ Idee, „unsere“ Idee – ist es nicht gleich, wem eine Idee gehört? Hauptsache ist doch dass sie da ist, und dass sie richtig ist, denn dann dient sie uns allen!

Nun, auch mir geht es nicht so sehr darum, wem eine Idee „gehört“, sondern darum, dass die Person S versteht, was denn eine Erkenntnis denn überhaupt ist. Nämlich dass es zu einer Erkenntnis notwendig dazugehört, dass das Licht, dass sie mit einer einzelnen Tatsachenerkenntnis anzündet, es auch bewirkt, dass es bei ihr, in ihrem eigenen Bewusstsein, hell werde. Anders gesagt: Wenn die wahre und gerechtfertigte Einsicht, dass Jones einen Ford besitzt bei Smith keinen Wissensbedarf deckt und keine brennende Frage beantwortet, dann ist sie keine Erkenntnis, sondern sinnloses Wissen, aus dem Smith nichts lernt, sondern das ihn sogar davon abhält, sich mit denjenigen Erkenntnisinhalten auseinanderzusetzen, die er zu wissen dringend nötig hat.

Das ist der Grund, warum ich so sehr auf die Möglichkeit einer persönlichen Formulierung von Einsichten oder Überzeugungen bestehe: Der Mensch muss ja schließlich unterscheiden können, bei welcher Erkenntnis ihm „ein Licht aufgeht“ und bei welcher anderen – obgleich sie wahr ist – sich ihm nichts erhellt, was darauf hinweist, dass er nichts aus ihr gelernt hat, obwohl er sie nun weiß.

Dadurch wird nun auch der Grundfehler der Standardanalyse des Wissens offenbar: Sie unterscheidet nicht zwischen Erkenntnis und nutzlosem, belastendem Wissen. Aus diesem Grund favorisiert sie letztlich das nutzlose, belastende Wissen. Denn schließlich kann auch nutzloses Wissen (=Wissen, das einem nicht weiterhilft, Wissen, dass einem zu keiner Orientierung verhilft) wahr sein, man kann es glauben und man kann auch darin gerechtfertigt sein, es für wahr zu halten – es entspricht also ganz der Definition von Erkenntnis.

Es scheint mir typisch für die Vertreter der wissenschaftlichen Philosophie zu sein, dass sie mit der Standardanalyse des Wissens ein Konzept von Wissen verteidigen, in dem eine gerechtfertigte, wahre Überzeugung ausreicht, um einer Person Wissen zuzusprechen, und dass sie die Wissensbedürfnisse dieser Person als Erkenntnissubjekt in der Definition von Wissen nicht berücksichtigen. Allein in dieser Vorgehensweise zeigt sich eigentlich bereits die Idee und Überzeugung davon, dass sich der Mensch überhaupt gar keine eigenen Ideen machen müsse, um etwas verstehen zu können, weil ja ein jeder mögliche Erkenntnisinhalt für verständlich und für das Wissen einer jeden Person bereichernd gehalten wird, wenn es sich bei ihm bloß um eine gerechtfertigte, wahre Überzeugung handelt.

Ein Wissen, das wahr und gerechtfertigt, aber unbrauchbar und überflüssig ist (wenngleich es für einen anderen Menschen brauchbar und notwendig sein könnte), kommt in der Standardanalyse des Wissens einfach nicht vor.

Dahinter steht das Konzept der Erkenntnis-ohne-Erkenntnissubjekt der Wissenschaft. Die Wissenschaft als kollektive Erkenntnisbemühung ist blind für das Funktionieren des menschlichen Erkenntnisapparats, mit dem die Notwendigkeit einhergeht, dass man es einem Menschen gestatten muss, sich zuerst einmal seine eigene Vorstellung von einem Sachverhalt zu bilden – die auch tatsächlich seine eigene Idee von diesem Sachverhalt ist – damit diese in der Folge dann möglicherweise zu einer Erkenntnis für ihn werden könnte. Denn die Bildung einer eigenen Idee von einem Gegenstand hat die Funktion, dem um Erkenntnis bemühten Menschen die Entscheidung zu ermöglichen, ob es für ihn einen Unterschied macht, ob sich die Sache so verhält, wie er es zu erkennen glaubt oder anders.

Wenn es einen Unterschied für einen Menschen macht, ob sich etwas so verhält, wie er denkt oder auch anders, so ergibt sich daraus die Möglichkeit, eine Lernerfahrung zu machen. Ohne dieses Sensorium kann der Mensch nicht zwischen sinnlosem Wissen und solchem, das ihm weiterhilft, unterscheiden. In dem Fall wird seine Erkenntnis- oder Lernbemühung reine Informationsaneignung sein, ohne dass er aus diesem Wissen etwas lernt.

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