Wohin mit dem persönlichen Erkennen?

von philohof E-Mail

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Julian Marías: Razón de la filosofía. Alianza Editorial, Madrid 1993.

 

1. Meine philosophische Heimat

 

“La filosofía es siempre asunto personal” [“Die Philosophie ist immer eine persönliche Angelegenheit.”] (S. 13)

 

Das ist der erste Satz von Julian Marías’ (1914-2005) Buch Razón de la filosofía [Vernunft der Philosophie] (1993)!

 

Diesen Satz widme ich an allen Anhängern der objektiven Erkenntnis in der Philosophie, weil ja auch gewiss so mancher sich fragen wird: „Was der Hofbauer immer so schreibt, das ist merkwürdig. Wo kommt denn das her?“ Und tatsächlich: Es gibt einen Ort, wo es herkommt. Auch ich habe meine intellektuelle Heimat! Das vergesse ich von Zeit zu Zeit, weil ich zumeist nur lese, „was die anderen tun“. Dann aber beeindruckt und schockiert es einen natürlich schon ganz gewaltig, wenn man dem eigenen philosophischen Herkommen in einem Buch, das man noch gar nicht kannte, überraschend und in solcher Deutlichkeit begegnet.

 

2. Was erzählt Julian Marías in dem Buch eigentlich?

 

Das alles bedeutet aber jetzt nicht, dass ich mich mit diesem Herrn aus Spanien, mit dem ich einer Meinung darüber bin, wo wir herkommen, auch darüber verständigen könnte, wo der Weg der Philosophie denn hingehen sollte. Und eben darum schreibe ich ja auch diese Zeilen: Weil ich nämlich aus diesem Buch, das mir philosophisch so nahe steht wie kaum ein anderes, am Ende unzufrieden herausgekommen bin. Es findet darin nämlich meiner Meinung nach auch eine gewisse Realitätsverweigerung statt, vor allem eine soziologischer Art.

 

Aber was erzählt Julian Marías in dem Buch überhaupt? Er erzählt davon, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreiche neue philosophische Konzepte entwickelt wurden, die nun bereit stünden und auf ihre Anwendung und auf die Weiterentwicklung der begonnenen neuen Philosophie warten. Doch obwohl das 20. Jahrhundert philosophisch so fruchtbar gewesen sei wie kein anderes vorher, habe man sich überraschenderweise und aus keinem für Marías erkennbaren besonderen Grund von diesen philosophischen Errungenschaften abgewandt.

 

Marías nennt die Namen von Brentano, Dilthey, Husserl, Bergson, Unamuno, Scheler, Hartmann, Heidegger, Jaspers, Ortega, Marcel, Zubiri, Whithead, Collingwood, William James, Santayana und Wheelwright („und einiger mehr“) als jene Philosophen, die seiner Meinung nach eine „teoría general“, eine allgemeine Theorie aufgestellt haben, die Ausgangspunkt für eine gegenwärtige Philosophie sein könnte und sollte (S. 114).

 

Anstatt dessen habe so etwas wie eine „Invasion der Dinge“ stattgefunden (S.48). Das bedeutet vor allem, dass man alle Phänomene der Realität nach dem Vorbild der Dinge zu verstehen versucht. Aber eigentlich ist das ja schon immer so gewesen: Die Vorsokratiker hatten das Sein von der Erscheinung unterschieden, um im Sein einen festen und unveränderlichen Grund für die Erkenntnis zu finden. Die Dinge haben denselben Vorteil, sie bleiben sich gleich und verändern sich nicht, weshalb die Erkenntnis des unveränderlichen Seins der ersten Philosophen und die dingliche Erkenntnis dieselbe Absicht teilen.

 

Eben diese Reduktion der Erkenntnis auf den dinglichen Aspekt hatten die Philosophen zu Beginn des 20. Jahrhunderts überwunden, zuerst durch eine Erweiterung des Realitätsbegriffs und dann natürlich – für Julian Marías als Schüler von Ortega y Gasset – durch die Lebensphilosophie Ortegas. Für die Erweiterung des Realitätsbegriffs steht etwa Wilhelm Diltheys Unterscheidung zwischen Erklären und Verstehen, mit der die Behauptung einhergeht, dass es eben nicht nur das naturwissenschaftliche Erklären gibt, und Edmund Husserls Unterscheidung zwischen Tatsachen und Ideen, welche behauptet, dass es eben nicht nur Tatsachen gibt (S. 98-99).

 

Die Lebensphilosophie Ortega y Gassets ist eine Weiterentwicklung der Phänomenologie von Edmund Husserl. Woran Edmund Husserl arbeitete, war das von Kant her ungelöste Problem der „Dinge an sich“. Es kann letzten Endes einfach nicht überzeugen, dass Erkenntnis etwas ist, das sich allein in der Vernunft des Menschen abspielt und wie die äußere Realität (= die Dinge an sich) wirklich aussieht, das weiß man nicht und darüber kann man keine Aussage treffen. Erkenntnis muss doch in einer Verbindung des erkennenden Subjekts und der erkannten äußeren Objekte bestehen, wenn sie tatsächlich Erkenntnis sein soll. Diese Verbindung herzustellen, das war das große Projekt der Phänomenologie: Der Mensch sieht einen Tisch, einen Baum oder einen anderen Gegenstand, und indem er diese Gegenstände denkt und sich ihrer bewusst wird, ist er zugleich schon draußen, mitten unter ihnen in der äußeren Realität.

 

Ebenso wie die Phänomenologie hielt auch José Ortega y Gasset Subjektivismus und Objektivismus, Rationalismus und Empirismus sowie Idealismus und Realismus – die großen Gegenpositionen in der Philosophiegeschichte – für einseitige und beschränkte Gesichtspunkte. Allerdings hielt er im Gegensatz zu Husserl die phänomenologische Reduktion für schlichtweg unmöglich (S. 93). Durch die phänomenologische Reduktion sollen wir nach Vorstellung der Phänomenologen durch eine Art geistige Willensentscheidung unser Vorverständnis von den Dingen ausschalten, um sie so sehen zu können, wie sie wirklich sind. Was durch die phänomenologische Reduktion erreicht werden soll, ist die Konstitution eines reinen Bewusstseinsraums, in dem die Dinge uns in der Erkenntnis erscheinen können – und da sagt Ortega, diesen reinen und ein für allemal bestehenden Bewusstseinsraum gibt es nicht. Hingegen sind wir immer von unserem Vorverständnis der Dinge beeinflusst und unser Bewusstsein hat eine Entwicklung durchlaufen, ohne deren Berücksichtigung unverständlich bleibt, warum wir einen Gegenstand so auffassen, wie wir es tun.

 

Allerdings heißt Ortegas Lebensphilosophie nicht deshalb „Lebensphilosophie“, weil es in ihr eine geheime Lebenskraft gibt, um deren Verständnis sich das gesamte Projekt der Lebensphilosophie dreht, sondern deshalb, weil das Leben für uns eine Aufgabe ist, die wir zu erfüllen haben. Mit anderen Worten: Wir haben es hier mit einer völligen Dynamisierung der Perspektive zu tun. Während die herkömmliche Herangehensweise – und die allgemein bekannte – diejenige ist, dass dasjenige, was wir erkennen können, die Realität ist, und diese Realität IST irgendwie oder auch anders, erkennen wir nach Ortega alle Wirklichkeit auf der Basis der radikalen Realität unseres Lebens, und dieses Leben IST eben nicht irgendwie, denn das Leben VERÄNDERT sich, es WIRD fortwährend, aber es WIRD auch nicht von allein, sondern wir müssen unseren Teil DAZU TUN.

 

Auf welche Art von Erkenntnis läuft Ortegas Konzept der Lebensphilosophie hinaus? Nun, im Gegensatz zur dinglichen Erkenntnis der Naturwissenschaften, in welcher die Dinge irgendwie sind, und man kann das ein für allemal aussagen, weil sie in tausend Jahren noch ebenso sein werden, gibt es in der Erkenntnis aus der Perspektive der Lebensphilosophie, wenn man nach vorn schaut, Wünsche, Projekte und Aufgaben und wenn man zurück schaut, Erinnerungen sowie den Vergleich zwischen dem, was man vorher angestrebt hat und dem, was am Ende dabei herausgekommen ist. Aus diesem Grund spielt auch das Erzählen für Julian Marías eine große Rolle, weil diese an sich uralte Kulturtechnik im Grunde genau jene dynamische Perspektive nachvollzieht, die die Lebensphilosophie Ortegas im Blick hat: Die Dinge sind nicht irgendwie, denn es gibt kein Sein in dieser Perspektive, sondern zuerst einmal erscheinen sie uns irgendwie, und wir verbinden mit ihnen irgendwelche Wünsche und Projekte; dann durchlaufen wir sie gleichsam im Strudel des Handelns und hinterher blicken wir auf sie zurück und sehen in ihnen immer noch, was wir einmal von ihnen gewollt hatten.

 

Julían Marías hat beeindruckende Beispiele für die Radikalität des Perspektivenwechsels durch die Lebensphilosophie anzubieten. So meint er etwa, dass das bekannte Buch Max Schelers Die Stellung des Menschen im Kosmos eigentlich besser heißen müsste: „Die Stellung des Kosmos in meinem Leben“, denn die herkömmliche Auffassung geht davon aus, dass der Mensch sich im Kosmos befindet, aber den Kosmos gibt es auch nicht, wenn er nicht im Leben des einzelnen Menschen erscheint. Ein anderes faszinierendes Beispiel sind Kants vier Fragen der Philosophie im weltbürgerlichen Sinne – Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? – die Marías durch zwei von einander abhängige Fragen ersetzen würde, nämlich: Wer bin ich? – und: Was wird aus mir werden? In diesen beiden Fragen zeigt sich die Dynamik der Ortegaschen Perspektive deutlich, denn je mehr ich weiß, was aus mir werden wird, desto mehr verdingliche ich (=meine Zukunft steht fest) und desto mehr hört die erste Frage auf, beantwortbar zu sein (denn ich bin ja nun kein „wer“ mehr, sondern ein „was“). Je mehr ich hingegen weiß, wer ich bin und also weiß, was ich will, was ich mir wünsche und was ich vorhabe, desto weniger werde ich wissen, was aus mir werden wird.

 

3. Mit der radikalen Befragung der Realität lasse ich mich nicht abspeisen

 

Die Lebensphilosophie bietet auch erstaunliche Einsichten in das Erzählen; so sagt Marías etwa, dass man immer „von den Projekten her“ erzähle (S. 134). Das alles ist interessant und gut und wichtig, aber womit ich mich nicht abspeisen lasse, ist Marías’ Klage, dass man heute keine „radikalen Fragen“ mehr an die Realität stelle und die Wissenschaft das ja schon von Vornherein nicht tue, weil sie auf der Hypothese der Realität des Realen aufbaue und diese Hypothese nicht weiter hinterfrage. Es geht auch irgendwie nicht an, die radikale Erkenntnis der Philosophie der wissenschaftlichen Erkenntnis entgegenzustellen in einer Welt wie der unseren, die tagtäglich gespannt auf wissenschaftliche Erkenntnisse wartet, um daraus neue technische Gerätschaften zu entwickeln; Wissen für neue technische Produkte ist von der persönlichen Erkenntnis nämlich nicht zu erwarten.

 

Wie soll ich das sagen? Damit man einen solchen Diskurs wie den von Julián Marías akzeptiert, muss man auch die Ehrfurcht vor der Phänomenologie und vor anderen philosophischen Unternehmungen teilen, die sich der Mammutaufgabe stellten, der Realität ganz auf den Grund zu gehen und die Frage nach den ersten und den letzten Dingen zu stellen. Wenn man das nicht tut – und ich tue das nicht – dann stellt sich einem die Situation so dar: Ich teile Ortegas Konzept der Lebensphilosophie. Auch ich kann nicht sehen, wie ein Objektivismus oder der Empirismus der Wissenschaft zu menschlicher Erkenntnis werden können. Die Erkenntnis muss ja irgendwie in den Menschen hineinkommen, um Erkenntnis zu sein. Es ist also irgendeine Verbindung zwischen Subjekt und objektiver Realität nötig, damit es Erkenntnis geben kann. Doch so, wie es Husserl versucht hat, das stimme ich Ortega zu, so geht es auch nicht. Ich bin also auch nicht gescheiter als Ortega und halte seinen Vorschlag für richtig, das phänomenologische Erkenntniskonzept zu dynamisieren und auf diese Weise ein realitätsgerechteres Bild zu erhalten vom Menschen, wie er erkennt und lernt.

 

Aber was erhalte ich auf diese Weise? Ich erhalte dadurch ein Modell individualisierter, persönlicher Erkenntnis. Dieses Modell mag richtig sein, aber es bringt mich nicht soweit, durch emphatische Betonung der Radikalität philosophischen Fragens zu übersehen, dass die überwiegende Mehrheit alles dessen, was in unserer Gesellschaft unter dem Titel „Erkenntnis“ läuft, nicht nach diesem Modell funktioniert. Es scheint so zu sein – und ich glaube, es ist auch so – dass sich diejenigen Phänomene der Realität, die Dinge sind, tatsächlich besser auf rationalistische oder empiristische Weise erkennen lassen, auch wenn das begrenzte und einseitige Blickpunkte sind und sie der spezifisch menschlichen Realität in der Erkenntnis nicht gerecht werden.

 

Damit will ich sagen, ich glaube, dass Marías nicht sagt, was zu sagen ist angesichts der heutigen sozialen Realität und dass er nicht reagiert auf die Vorstellungen, die die heutigen Menschen in ihren Köpfen tragen und auf die Vorwürfe, die sie einer Position wie der seinen machen würden. Anstatt dessen zieht er sich zurück in eine historische Situation, als der Theaterzauber von bärtigen Männern, die umhüllt von Zigarrenrauch mit bedeutungsvoller Stimme die Realität radikal hinterfragten, noch wirkte.

 

4. Braucht der Mensch eine persönliche Erkenntnis?

 

Nimmt man diesen Theaterzauber samt seinem Pathos weg, dann bleibt eine einfachere Situation übrig, die sich ungefähr so charakterisieren lässt: Die Wissenschaft erkennt heute sehr erfolgreich die Dinge und liefert Erkenntnisse, die auf die spezifische Perspektive des Menschen keine Rücksicht nehmen. Die Lebensphilosophie Ortegas mag richtig sein, aber die heutige Welt braucht sie nicht. Womit für mich nur noch eine Frage zu beantworten bleibt: Was ist mit dem einzelnen Menschen? Braucht er eine persönliche Erkenntnis oder genügt ihm die unpersönliche und anonyme Erkenntnis der Wissenschaft? Das Problem besteht aus meiner Sicht also nicht so sehr darin, dass heute keine radikalen philosophischen Fragen mehr gestellt werden, sondern dass die persönliche Erkenntnis oder das Bedürfnis nach ihr einfach übrigbleiben.

 

Wenn wir uns dieses Problem zu Bewusstsein bringen, dann müssen wir uns eigentlich Folgendes fragen: Haben wir heute überhaupt noch einen Begriff von „Wissen“, in welchem „Wissen“ irgendetwas anderes bedeutet als dingliches Wissen? Antwort: Nein. Also, dass ein Mensch sich auskennt und den Eindruck hat, seine Lebenssituation jetzt besser zu verstehen, das würden wir heutigen Menschen nicht mehr als „Wissen“ bezeichnen. Man hat zwar versucht, so etwas „Orientierungswissen“ zu nennen und der Philosophie dieses zuzuschreiben, aber mit geringem Erfolg, denn Orientierungswissen würden die heutigen Menschen nicht als Wissen bezeichnen.

 

Es ist freilich im Grunde kurios, dass wir dasjenige, was der Mensch wissen will und was ihn befriedigt, sobald er es bekommt, nicht mehr als Wissen bezeichnen wollen. Aber es ist so: Wir haben das Wort „Wissen“ heute reserviert für universelles, zeitloses Wissen, welches nur von einer Art von Erkenntnisgegenständen in der Wirklichkeit wirklich befriedigend erfüllt werden kann – von den Dingen. Die menschliche Realität oder die menschliche Lebenswelt lassen sich damit grundsätzlich nicht begreifen. Anstatt dessen wird heute versucht – in der Soziologie, der Psychologie, der Kommunikationswissenschaft und den übrigen Kulturwissenschaften – den Menschen zu verstehen, insofern er ein Ding ist. Das funktioniert auch ganz passabel, denn der Mensch ist zum Großteil ein Ding. Es wäre auch nichts Schlechtes daran, wenn wir uns dessen bewusst wären, was wir da tun; indem wir also etwa sagten: „In der Psychologie wird der Mensch erforscht, insofern er ein Ding ist und sein Verhalten wissenschaftlich vorhersehbar ist.“ (Vorhersehbarkeit ist eine wesentliche Eigenschaft von Dingen.)

 

Aber das tun wir nicht, wir halten psychologische und andere wissenschaftliche Erkenntnisse vom Menschen für Erkenntnisse an sich vom Menschen und, weil es sich um wissenschaftliche Erkenntnisse handelt, halten wir sie noch für besonders gute Erkenntnisse. Das bedeutet, dass im Wissen heute die persönliche Perspektive auf die Wirklichkeit ganz und gar ausgeschaltet wird. Ja, wir nennen eben sogar dieses Ausschalten der persönlichen Erkenntnis „Wissen“ (denn die persönliche Perspektive auf die Wirklichkeit heißt ja im Gegensatz dazu „Meinung“).

 

Ich selbst bin schon der Meinung, dass ich eine persönliche Erkenntnis der Wirklichkeit brauche. Doch nicht nur das: Ich bin eigentlich auch davon überzeugt, dass die Realität, so wie sie von einem einzelnen Menschen in der Perspektive seiner persönlichen Lebensentwicklung aufgenommen und verstanden wird, nicht als „falsch“ oder „unwahr“ bezeichnet werden kann, nur weil sie den Anforderungen an dingliches Wissen, die wir heute als die Anforderungen an Wissen überhaupt auffassen, nicht entsprechen kann. Das ist es ja, was Ortega nachgewiesen hat: dass der Maßstab für die Erkenntnis der Realität nicht unabhängig von ihr in unveränderlicher Weise besteht, sondern dass er sich im Erkenntnissubjekt schrittweise aufbaut. Der einzelne Mensch ist nun (neben der sozialen Institution der Wissenschaft) zweifellos auch ein Erkenntnissubjekt, und was es erkennt, hat daher seine prinzipielle Berechtigung. Es kann nicht falsch sein, wenn der einzelne Mensch dasjenige, was er erkennt, formuliert, um es den Anderen mitzuteilen.

 

Wenn man dem einzelnen Menschen mit Hinweis auf die Anforderungen universellen Wissens abspricht, dasjenige mitzuteilen, was ihm unter der Brille seines persönlichen Lebens als Erkenntnis erscheint, so ist das also schon einmal grundsätzlich und von der Sache her unberechtigt. Eine andere Frage ist freilich, in welchem Ausmaß die Einzelmenschen persönliche Erkenntnis brauchen. Gestützt auf eigene Erfahrung würde ich mutmaßen: Verschiedene Menschen brauchen persönliche Erkenntnis in sehr unterschiedlichem Grade. Manchen hilft es sehr, sich ihre persönliche Situation bewusst zu machen, um bestimmte Gegenstände besser zu verstehen. Für sie bleiben Lerninhalte schlichtweg unverdaulich, wenn sie nicht sehen können, wo sie in Relation zu diesen Inhalten selber stehen und wie diese Inhalte Teil ihres Lebens werden können. Andere Menschen wiederum scheinen sich durch solche Erwägungen bloß aus dem Gleichgewicht gebracht zu sehen. Sie fühlen sich, wie es aussieht, nur sicher auf dem Boden der objektiven Tatsachen, auf dem sie selbst transparent werden und aufhören zu existieren im Licht der Dinge, die das einzige sind, was für sie besteht und Realität hat.

 

Wenn das so ist, dann würde das auch bedeuten, dass Ortegas Lebensphilosophie ebenfalls nicht an sich gilt, sondern nur für eine bestimmte Art von Menschen, für solche, denen die Charaktereigenschaft fehlt, sich selbst in der Erkenntnis ganz zurücknehmen zu können. Würde es andererseits nur objektive Menschen geben, dann hätte die Menschheit sicherlich schon ganz aufgehört zu erzählen, und es gäbe keine Erzählungen, Romane, Theaterstücke und Filme mehr. Was den „Objektiven“ in der heutigen Zeit freilich schon gelungen ist, ist, die persönliche Erkenntnis ganz aus dem Bereich von Wissen und Erkenntnis zu verbannen. Heutige Menschen sind nicht länger in der Lage zu begreifen, dass persönliche Erkenntnis unternommen wird zu dem Zweck, Erkenntnis zu sein oder dass eine Geschichte erzählt wird zu dem Zweck, eine persönliche Erkenntnis anderen Menschen zu kommunizieren.

 

Aber man kan nicht, wie Julián Marías es tut, protestieren, indem man darauf verweist, dass diese Einzelmenschen „radikale Fragen“ stellen, während die wissenschaftliche Erkenntnis immer nur abgeleitete Erkenntnis sei. Denn man muss sich dessen bewusst werden, dass die dingliche Erkenntnis heute so allgemein geworden ist, dass die Menschen sich nicht mehr vorstellen können, dass es noch etwas anderes gibt – und sie können sich deshalb nicht einmal vorstellen, wovon wir reden. Mein Vorschlag, es den Menschen zu erklären, bestünde daher darin, nicht zu sagen, DIE Philosophie stellt „radikale Fragen“, sondern: „Schau auf den einzelnen Menschen und darauf, wie er die Wirklichkeit in der Erkenntnis aufnimmt!“ Wer versteht, wie Erkenntnis im Prozessmodell des einzelnen Menschen geschieht, ist ohnehin aus der dinglichen Erkenntnis bereits ausgestiegen. Er oder sie wird dann erkennen, dass alles, was dieser Mensch als Erkenntnissubjekt erkennt, einen Bezugspunkt hat, nämlich das Leben dieses Menschen und dass es sich in einem dynamischen Prozess entwickelt, so dass man nicht sagen kann: „Das ist es jetzt!“ – oder „So ist es wirklich!“

 

Aber eine Frage wird auch derjenige oder diejenige, der/die das einmal verstanden hat, noch weiterhin haben: Es ist das die Frage, wie man die persönliche Erkenntnis in der heutigen Welt, in der alle Erkenntnis unpersönlich ist, denn nennen kann und wo man sie hintun soll, wenn in den Schubladen „Erkenntnis“ und „Wissen“ kein Platz für sie ist. (So wie sich für den Philosophierenden heute ja auch die Frage stellt, ob er sich nicht um ein Literaturstipendium bewerben soll, wenn er merkt, dass dasjenige, was er macht, im Grunde nicht zur Wissenschaft gehört.)

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