Würdigung eines der größten deutschen Philosophen

von philohof E-Mail

Jetzt zur Weihnachtszeit wird’s auch mir im Herzen ein wenig feierlich zumute, und ich möchte die Gelegenheit nutzen, einen Menschen zu würdigen, der als einer der größten deutschsprachigen Philosophen unserer Zeit gelten kann – Gerhard Polt.

 Gerhard Polt ist in erster Linie als Kabarettist bekannt; dass seine Kabarett-Dramolette tatsächlich philosophische Analysen sind, erkennt man daran, wie sie gearbeitet sind – nämlich begrifflich. Hier ein gutes Beispiel:

 Die Garage

http://www.youtube.com/watch?v=eEbLICnYVNM

 

„Ich baue in meinem Leben bloß noch einmal eine Garage. […] Aber wenn ich eine Garage baue, dann ist das auch eine Garage – und eine Garage, die den Namen „Garage“ verdient!“

 

Was Gerhard Polts philosophische Arbeit am Begriff auszeichnet, ist, dass sie – wie man es hier am Beispiel des Begriffes „Garage“ sehen kann, dem tatsächlichen Gebrauch des jeweiligen Begriffs in der sozialen Realität nachspürt. Oft hört oder liest man ja Dinge wie: Dieser oder jener Begriff werde in der Alltagssprache auch gebraucht; der alltagssprachliche Gebrauch sei jedoch zu ungenau für eine philosophische Behandlung und deshalb müsse er zuerst definiert werden, damit man philosophisch mit ihm arbeiten könne. Aber damit geht man methodologisch genau in die falsche Richtung. Ein Begriff wird nicht richtiger dadurch, dass man ihn unter den Glassturz stellt.

 Anstatt dessen sollte man – wie Gerhard Polt es vorzeigt – dem sozialen Gebrauch des Begriffs nachspüren und dabei möglichst das gesamte Bedeutungsspektrum, welches ihm im Alltagsgebrauch innewohnt sowie auch alle inneren Widersprüche in diesem Gebrauch miteinbeziehen – und auf diese Weise das erreichen, was Gilles Deleuze „einen Begriff zum Schwingen bringen“ nannte. Der Begriff wird zum Leben erweckt, indem man seinen sozialen Gebrauch genau nachzeichnet. Tut man das nicht, sondern definiert die Begriffe, bevor man mit ihnen arbeitet, dann betreibt man nicht Philosophie sondern Wissenschaft.

 Unter Wissenschaft verstehen wir jene Form der Darstellung von Wissen aus kollektiver Perspektive, welche für den Einzelmenschen nicht immer unbedingt zugänglich ist (und auch nicht den Zweck hat, dem Individuum die Welt zu eröffnen), während Philosophie jene Disziplin ist, mit welcher das Individuum sich darum bemüht, Zugang zur Welt zu gewinnen. Wissenschaft vermehrt das Wissen der Menschheit, ohne dadurch das Wissen des Menschen zu vermehren.

 Hier in weiteres Beispiel für ein philosophisches Meisterwerk von Gerhard Polt; in diesem Monolog geht es um den zentralen philosophischen Begriff der Freiheit:

 Freiheit

http://www.youtube.com/watch?v=HQs9ReCEUM0&feature=more_related  

“…Freiheit, das geht natürlich im Grunde, wenn man sie aufrechterhalten will, nur mit billiger Arbeitskraft.“

 

Den Wert dieses großartigen philosophischen Werkstücks kann erst derjenige  so richtig schätzen, der Kenntnis davon besitzt, welch langweilige und gegenstandslose Gedanken PhilosophInnen sonst etwa zum Thema der Freiheit entwickeln. Indem sie die soziale Dimension dieses Problems von vornherein ausblenden, reduzieren sie dieses Problem häufig auf jenes der Willensfreiheit und lassen es so erscheinen, als ob unser Kampf um Freiheit hauptsächlich einer mit den Naturgesetzen wäre.

 

Die philosophischen Analysen von Gerhard Polt arbeiten jedoch nicht nur begrifflich, sondern  machen auch aus logischer Sicht viel Spaß; ganz besonders ist das im folgenden Monolog über Minderheiten der Fall, in welchem Polt uns Dinge erklärt wie, dass die Minderheit immer ursächlich für die Mehrheit ist und dass Minderheiten ihre dummen Ideen aus dem Fernsehen haben, weil sie zur falschen Zeit fern sehen, also nicht das Hauptabendprogramm – und dass sie das deshalb tun können, weil sie morgens nicht zeitig aufstehen müssen...

 Minderheiten

http://www.youtube.com/watch?v=BmGh2NpmhU8&feature=more_related

 

“Jeder hat das Recht sich einer Mehrheit anzuschließen und sich anständig zu benehmen.” „Die Minderheitden, das sind immer so Singles, Invidiuen, Querulanten, so Einzelgänger, die immer: Quack, quack, quack!““

 

Es gibt noch zahlreiche weitere Beispiele für das philosophische Genie von Gerhard Polt; hier nur einige wenige von ihnen:

 

Toleranz

http://www.youtube.com/watch?v=vCML-0NN-ro

 

Der Standort Deutschland

http://www.youtube.com/watch?v=d7VUhZbOVHc

 

Democracy

http://www.youtube.com/watch?v=UZe4LzAG1lA

 

Ein Nichtschwimmer ersäuft

http://www.youtube.com/watch?v=wJlLHw11Joc&feature=more_related

  

Jetzt werden sich wohl manche fragen: Ist dieser Blogeintrag als Scherz gemeint?

 Antwort: Nein, ganz sicher nicht! Es ist mir todernst damit, Gerhard Polt zu den größten Philosophen deutscher Sprache zu zählen. Aber es ist mir nicht nur ernst damit, sondern dieses Thema ist zudem von allergrößter Wichtigkeit: Viele Menschen nehmen sich heute das Recht zu behaupten, nichts von Philosophie zu verstehen, weil sie die PhilosophInnen und PhilosophieprofessorInnen, die offiziell zum Fach Philosophie gehören, nicht kennen und deren Texte nicht gelesen haben. Und auf der anderen Seite gibt es Menschen, die über Fachwissen über Philosophie verfügen und aus diesem Grund das Recht beanspruchen, über  Philosophie sprechen zu dürfen.

 Auf diese Weise wirken in unserer Gesellschaft Ein- und Ausschlussmechanismen, welche alle gewöhnlichen Menschen aus der Philosophie ausschließen und die Philosophie in einem winzigen Teilbereich der Gesellschaft einschließen, in welchem es ihr nicht länger gelingen kann, etwas Relevantes oder für viele Menschen Interessantes auszusagen.

 Philosophie wird nicht überleben können, wenn wir sie aus der dunklen Ecke, in die wir sie hineingedrängt haben, nicht wieder herausbekommen. Und um das zu erreichen, ist es notwendig, ihre Äußerungen überall dort anzuerkennen, wo immer sie auftreten, z.B. in den Kabarett-Monologen von Gerhard Polt. D.h., es ist den Menschen zu vermitteln, dass Philosophie nicht nur dort ist, wo sich etwas explizit „Philosophie“ nennt oder offiziell als „Philosophie“ gilt.

 Umgekehrt ist auch die philosophieschädliche Praxis zu unterlassen, von einer „aktuellen philosophischen Diskussion“ über ein bestimmtes Thema zu sprechen, weil das die Existenz einer fachinternen  Philosophiediskussion suggeriert (so als ob es so etwas gäbe!) und philosophische Äußerungen, die keine fachspezifischen sind (auch besonders wichtige wie jene von Gerhard Polt), als unphilosophische erscheinen lässt und sie auf diese Weise ausgrenzt.

3 Kommentare

Kommentar von: oxnzeam [Besucher] · http://oxnzeam.de
Chapeau! Wurde auch mal Zeit für eine Würdigung der sprachphilosophischen Tiefe des 'Bayern an und bei sich', wie ihn Polt verkörpert...
29.12.10 @ 13:07
Kommentar von: Karl [Besucher]
Aus dieser Sicht habe ich Polt´s kaparettistische Leistungen bisher nicht betrachtet. Aber es trifft m.E. absolut zu.
Speziell seine Sicht der Freiheit ist für mich das beste und intelligenteste seiner bisherigen Werke.
07.04.12 @ 14:48
Kommentar von: markus [Besucher]
das mit dem Ein- und Ausschlussverfahren kenne ich gut, denn es wird von unserem Ego (auch meinem) vornehmlich dazu benutzt, um durch das kleinmachen (Macht) des Gegenübers sich zu erhöhen - deshalb habe ich aufgehört zu philosophieren und mich der Anthroposophie gewidmet.
08.02.17 @ 12:42

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