Zwei zentrale Eigenschaften von Wissenschaft

von philohof E-Mail

Ich glaube, dass unser Bild von Wissenschaft auf einer falschen (verkürzten) allgemein geteilten Vorstellung beruht. Diese Vorstellung besagt, dass die Wissenschaft objektive Erkenntnisse suche und auffinde. Das mag schon richtig sein, aber das allein genügt nicht. Wissenschaftliche Erkenntnis mag wahr und objektiv sein, aber durch ihre Wahrheit und Objektivität allein wird noch keine Erkenntnis zu einer wissenschaftlichen. Zu einer wissenschaftlichen wird sie erst durch ihre Einordnung in das wissenschaftliche System des Wissens, das heißt im Konkreten: in den Wissensbestand des jeweiligen wissenschaftlichen Fachs.

Wissenschaftlich ist eine Erkenntnis also erst dann, wenn sie Teil der Wissenschaft (des wissenschaftlichen Wissens) wird. Dadurch dass sie Teil des wissenschaftlichen Gesamtwissens wird, wird die einzelne Erkenntnis tendenziell aus meinem Erkenntniszusammenhang (wie aus dem Erkenntniszusammenhang eines jeden Einzelmenschen) herausgerissen. D.h. ich verliere tendenziell die Erkenntnis (als Einzelmensch) dadurch, dass sie wissenschaftliche Erkenntnis wird. Das muss natürlich nicht immer der Fall sein: Bisweilen ist mir eine Erkenntnis, auch nachdem sie Teil der Wissenschaft geworden ist, noch weiterhin zugänglich und verständlich. Aber, und das ist wichtig, ab diesem Zeitpunkt geht es nicht mehr in der Hauptsache um mein Verständnis: Ob ich (als Einzelmensch) etwas aus ihr lerne, macht eine wissenschaftliche Erkenntnis weder wissenschaftlicher noch weniger wissenschaftlich.

Ich gestehe also wissenschaftlichen Erkenntnissen durchaus prinzipiell Wahrheit und Objektivität zu. Paradoxerweise rücken jedoch diese Eigenschaften von Erkenntnissen nach deren Eingliederung in die Wissenschaft in den Hintergrund, weil nun andere Faktoren wichtiger werden. Was ich damit meine, möchte ich nun am Beispiel des Marketing zeigen. Und falls nun jemand als Gegenargument die Wissenschaftlichkeit von Marketing anzweifeln möchte: Selbst wenn dieses Fach nicht denselben Grad an Wissenschaftlichkeit erreichen sollte wie andere Fächer, so ist es doch an denselben wissenschaftlichen Grundeinstellungen orientiert, die heute überall in der Gesellschaft Eingang gefunden haben. Und vielleicht ist es sogar besser geeignet, diese wissenschaftlichen Grundeinstellungen zu zeigen, weil sich in ihm viele gewöhnliche Menschen tummeln und nicht nur der enge Kreis der WissenschaftstheoretikerInnen.

PREISPOLITIK
maßgebliche Größen dafür:
• Kostenstruktur d. Unternehmens
• auf dem Markt erzielbare Preise
• Konkurrenzpreise
• staatl. Regulative

Ziele d. Preispolitik
• Gewinnmaximierung
• Umsatzmaximierung
• Absatzmaximierung

Fragen
• Welchen Preis will ich erzielen?
• Welchen Preis kann ich erzielen?
• Welchen Preis muss ich mindestens erzielen?

Preisfindung
• nach eigenen Kosten
• nach dem Markt
• nach dem Mitbewerb

Preis-Qualität-Strategien
• Billigwaren-Strategie
• Vorteilsstrategie (hohe Qualität, niedriger Preis)
• Mittelfeldstrategie
• Übervorteilungsstrategie (niedrige Qualität, hoher Preis)
• Premiumstrategie

Preis-Mengen-Strategie
• Aufbau d. eindimensionalen Präferenz Preis-Menge
• Marketingaktivitäten über Preispolitik
• Ansprache d. größtmögliche Zahl. v. Kunden
• höhere Absatzmengen sollen niedrigeren DB kompensieren

Präferenzstrategie
• Schaffung mehrdimensionaler Präferenzen
• Ziele: Erzielung überduchschnittlichen Preises, Schaffung eines evoked-sets

Dieses Beispiel soll dazu dienen, um zu veranschaulichen, welche Form Marketingwissen annimmt: Aus Inhalten werden Schlagworte. Aus solchen Schlagworten kann jedenfalls ich nichts lernen bzw. zu keinem tieferen Verständnis der Materie kommen. Im Gegenteil, sie lenken zwar meinen Blick (weil die Differenzierungen vorstellen), aber sie halten mein Denken an der Oberfläche bzw. stellen es ab, weil sie meine Fragen ausschalten. Meine Fragen schalten sie aus, weil sie mich mit etwas schon Fertigem konfrontieren, das gar nicht mehr befragt werden will, dessen Sinn es auch gar nicht ist, befragt und bedacht zu werden.

Die entscheidende Frage ist aber nun: Soll ich denn überhaupt etwas aus ihnen lernen? Wäre das die Intention, die hinter ihnen steht, wäre das der Sinn der Sache? Aber hier ist die Erkenntnis: Nein! Wenn man mich derart mich bloßen Begriffen und abstrakten Einteilungen bewirft, kann gar nicht der Sinn dahinter stehen, etwas über die Sache selber (Marketing als Tätigkeit) lernen, sondern man will mir zeigen, wie die Dinge in Marketing als (wissenschaftlichem) Fach aussehen. Im Wesentlichen soll ich Vokabel lernen, also wissen, wie im Fach Marketing die Dinge benannt werden und welche wichtigen Unterscheidungen dort getroffen werden.

Und hier sind wir an einem wichtigen Punkt angekommen, den ich gern klar machen würde. Wissenschaft bedeutet nicht in erster Linie eine Erkenntnis oder ein Wissen, das wahr oder objektiv ist, sondern Wissenschaft bedeutet, über das wissenschaftliche Wissen in einem bestimmten Fach Bescheid zu wissen: zu wissen, wie in einem bestimmten Fach die Dinge benannt werden und welche wichtigen gedanklichen Konzepte es dort gibt.

Damit ist aber praktisch eine ganz andere Ebene erreicht: Nicht mehr die Richtigkeit eines Wissens macht jetzt seine Wissenschaftlichkeit aus, sondern die Tatsache, dass es im entsprechenden Fach vorkommt. Ob diese Begriffe, die ich oben angeführt habe, auch richtig und vernünftig sind oder inwieweit die damit verbundenen Konzepte auch der Wahrheit entsprechen, ist auf dieser Ebene nicht mehr so sehr wichtig – wichtig ist zuvorderst, diejenigen geistigen Schablonen zu besitzen, die nötig sind, um im Fach mitreden zu können. Wissenschaftliches Wissen zu besitzen bedeutet also grundsätzlich, zu wissen, was im einem bestimmten Fach los ist, und zwar ohne dass dabei eigentlich noch wichtig wäre, ob diese Inhalte auch wahr und objektiv sind.

Die Eigenschaft der Wahrheit des Wissens, die an und für sich durchaus wichtig sein mag in der Wissenschaft, wird also abgelöst durch Bescheidwissen über ein Fach. Wer heute etwas von Marketing versteht, ist nicht in erster Linie jemand, der etwas von der Sache Marketing versteht, sondern jemand, der etwas vom Fach Marketing versteht, so wie es in wissenschaftlichen Büchern vorgestellt wird. Und die heutigen Menschen sind so tief wissenschaftlich geprägt, dass sie einer solchen Unterrichtsmethode gar nicht entkommen könnten, weil sie Wissen über eine Sache automatisch mit Wissen über das jeweilige Fach, das diese Sache behandelt, identifizieren. Wissenschaft bedeutet somit: alles vom Fach her zu denken. Das ist eine geistige Prägung, die man praktisch bei allen heutigen Menschen findet, und zwar, fast möchte man sagen: Wenn die Menschen weniger über die Wissenschaft wissen, denken sie sogar oft noch stärker in dieser Weise.

Freilich nimmt nun wissenschaftliches Wissen nicht in jedem Fach eine solche schablonen- und schlagworthafte Form an wie im Marketing – aber das Schlagworthafte ist eben auch eine der möglichen Formen, die wissenschaftliches Wissen annehmen kann. Und es ist nun auch klar, warum: Dadurch, dass wissenschaftliches Wissen in erster Linie in seiner Zugehörigkeit zum Wissensganzen eines Fachs besteht, zeigt man den Besitz von wissenschaftlichem Wissen nicht dadurch an, dass man die Wahrheit über etwas weiß, sondern dadurch, dass man weiß, was ein bestimmtes wissenschaftliches Fach enthält – dadurch, dass man die Konzepte in diesem Fach kennt und Dinge über dieses Fach zu erzählen weiß. Wenn dieses Wissen nun nur sehr schlagwortartig ist, so ist das vielleicht nicht ganz im ursprünglichen Sinne der Wissenschaft, aber was soll’s?

Wenn man also Marketing in der oben dargestellten Form lernt, soll man nicht Marketing (die Sache) lernen, sondern man lernt, welche Begriffe und Unterscheidungen im Fach Marketing wichtig sind. Am Ende versteht man vielleicht nicht viel mehr von der Sache, weiß jetzt aber ein bisschen etwas darüber, wie dieses Fach „schmeckt“. Noch wahrscheinlicher ist jedoch bei einem fragenden Charakter wie dem meinen, dass ich solche Schlagwörter, mit denen ich sachlich nichts verbinden kann, bald wieder vergesse, weil sie mir wie das Lernen von sinnlosen Silben erscheinen. Wünschte ich mir aber nun, dass man mir die Begriffe des Marketing gemeinsam mit der Sache lehrte, so würde man mir entgegnen (da ginge ein großer Aufschrei los) – und das ist eine zweite Auswirkung der Wissenschaft auf die geistige Prägung der heutigen Menschen – dass man die Sache erst dann verstehen könne, nachdem man ihre Grundbegriffe verstanden hat.

Hier ist aber ein Denkfehler verborgen: Wenn ich mir die oben angeführten Begriffe anschaue, dann sehe ich ziemlich deutlich, dass ich zuerst viel mehr von der Materie selbst verstehen müsste, um diese Begriffe selbst in ihrem vollem Umfang verstehen und beurteilen zu können. Dass man also immer mit den Grundbegriffen anfangen müsste, ist ein Vorurteil, weil die Grundbegriffe selber die Sache immer schon voraussetzen und sich mit der Sache gemeinsam gegenseitig (in einer Art hermeneutischem Zirkel) konkretisieren: Verstehe ich mehr von der Sache, verstehe ich auch den Begriff besser, der sie benennt. Definiere ich demgegenüber wissenschaftliche Begriffe einfach auf dem weißen Blatt Papier, so tappt der Lernende, der mit der Sache, um die es geht, nicht vertraut ist, hilflos im Dunkeln.

Damit habe ich nun eine zweite Eigenschaft von Wissenschaft aufgezeigt (es gibt sicher noch weitere), die ebenfalls in wissenschaftstheoretischen Diskussionen, in welchen es hauptsächlich um die Wahrheit und Objektivität wissenschaftlichen Wissens geht, gewöhnlich nicht vorkommt. Also, erstens: Wissenschaftliches Wissen ist nicht so sehr wahres und objektives Wissen als Bescheidwissen über die Wissenschaft (= Bescheidwissen über bestimmte Fächer und ihre Inhalte). Zweitens: Wissenschaftliches Wissen ist auch charakterisiert von einer bestimmten Reihenfolge in der Vermittlung dieses Wissens, von der alle heutigen Menschen überzeugt sind. Man müsse mit den Grundbegriffen anfangen, so meinen sie. Ich möchte darauf hinweisen, dass mit dieser Forderung auch nicht so sehr gemeint ist, man solle die Sache, um die es geht, genau lernen, sondern man solle das Fach von seinem Anfang an lernen: Das Fach macht sich wichtig.

Dieses Anfangen mit den Grundbegriffen führt natürlich aus der Sicht des Individuums zur Unmöglichkeit des direkten Zugriffs auf jenes Wissen, das einen Menschen zurzeit gerade interessiert, denn es herrscht überall der Imperativ, dass mit dem Anfang anzufangen sei. Der Umgang mit Wissen wird also durch die Wissenschaft sehr umständlich, weil das Wissen durch seine Einfügung in das Wissensganze des jeweiligen wissenschaftlichen Fachs zu großen, unhandlichen Brocken verklumpt. Der häufigste Fall in unserer wissenschaftsgeprägten Welt mit Drang und Zwang zur Weiterbildung wird sicherlich der sein: dass man die Grundbegriffe eines bestimmten Fachs lernt und sie dann – weil man aus ihnen allein nichts lernt und es zu einer so genannten „Vertiefung“ aus Zeit- oder anderen Gründen nicht kommt – sehr bald wieder vergisst.

18 Kommentare

Kommentar von: Jochen Ebmeier [Mitglied] E-Mail · http://www.jochen-ebmeier.de
Lieber Herr Hofbauer, das Beispiel für Ihre Beweisführung haben Sie unglücklich gewählt. Marketing ist keine Wissenschaft, sondern eine technische Disziplin mit dem einzigen Zweck der Umsatzsteigerung. Auf Wahrheit erhebt sie doch keinen Anspruch, sondern auf Brauchbarkeit, und daher verwendet sie gar keine Begriffe, sondern Termini technici, die sich im Geschäftsleben bewähren müssen. Sobald sich die Marktbedingungen ändern, zögert sie nicht, sie durch inzwischen tauglichere zu ersetzen.

Hätten Sie als Beispiel eine Disziplin aus Physik oder Biologie gewählt, wäre Ihnen Ihre Demonstration nicht gelungen, oder allenfalls an diesem oder jenem Lehrbuch oder diesem oder jenem Institut – aber nicht an der jeweiligen Wissenschaft als ganzer. Dass nicht jede Wissenschaft zu jeder Zeit, und schon gar nicht jeder Wissenschaftler den Ansprüchen der Wissenschaft gerecht wird, beweist nichts gegen die Ansprüche.

02.02.10 @ 12:48
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Sehr geehrter Herr Ebmeier,

ich freue mich, dass Sie auch diesen Blogeintrag von mir mit einem Kommentar beehren, doch würde ich Sie ersuchen, Ihr Urteil noch einmal zu überdenken. (Ich möchte allerdings vorweg auch sagen, dass mir Ihr Kommentar sehr wertvoll ist, weil es sicherlich viele Menschen gibt, die so denken wie Sie und dieselben Einwände gegen meinen Text formulieren würden.)

1) Sie schreiben, dass ich mein Beispiel unglücklich gewählt hätte, weil Marketing keine Wissenschaft sei und auch keine Begriffe, sondern bloß Termini technici verwende, deren Sinn in ihrer Bewährung im Geschäftsleben liege.
Ich würde so sagen: Wenn wir das einmal hinnehmen, dass Marketing keine Wissenschaft ist, dann würde ich trotzdem behaupten, dass Marketing ein gutes, ja vielleicht sogar ein besonders gutes Beispiel ist - und zwar deshalb, weil mein Beispiel zeigt, dass selbst in einem praktischen Fach, in einem Themengebiet, das gar keinen anderen Sinn hat als den, sich in der Praxis zu bewähren, die wissenschaftliche Sozialisation, die wissenschaftliche Prägung so tief in allen heutigen Menschen steckt, dass sie nicht mehr in der Lage sind, daraus auszusteigen, und unfähig geworden sind, praktisches Wissen als praktisches zu vermitteln. Das ist übrigens ein interessanter Punkt: Sie schreiben, Marketing sei so sehr praktisch, dass es nicht zögere, seine Begriffe duch tauglichere zu ersetzen, wenn sie sich als untauglich erwiesen hätten. Meiner Analyse zufolge hingegen zeigt sich das genau gegenteilige Ergebnis: eine Art Begriffsbarock, die einen wissenschaftlichen Eindruck erwecken will und dabei ihren praktischen Konsequenzen gar nicht viel Beachtung schenkt.

2) Aber jetzt muss ich einen zweiten Schritt machen, in welchem ich das im ersten Schritt Gesagte gleich wieder einklammere, denn es ist ja gar nicht gewiss, dass Marketing keine Wissenschaft ist. Ich würde so sagen: Es gibt Professuren für Marketing, es gibt Lehrstühle für Marketing, es gibt wissenschaftliche Literatur zum Thema Marketing, das heißt: Es gibt für Marketing in unserer Gesellschaft eine wissenschaftliche Institutionalisierung. Und selbst wenn also Marketing nun nicht eine Wissenschaft vom selben (wissenschaftlichen) Rang wie die Biologie oder die Physik sein sollte, so darf man doch nicht annehmen, dass die Gesellschaft Marketingwissen als definitiv unwissenschaftlich, also als esoterisch und irrational, ansieht. Im Gegenteil, Marketingwissen wird von der Gesellschaft wissenschaftsanalog aufgefasst und von den Menschen deshalb auch wie wissenschaftliches Wissen behandelt - andernfalls würde mein Blogeintrag ja auch gar keinen Sinn ergeben.

3) Sie schreiben, dass mir meine Demonstration für die Physik oder die Biologie nicht gelungen wäre - ich schließe daraus, dass sie mir also für das Marketing gelungen ist - richtig? Aber die eigentliche Frage ist, warum ich das Gleiche bei der Physik und der Biologie zeigen sollte - warum sollten gerade diese Fächer die geeigneten Prüfsteine für meinen Gedanken sein? Dabei glaube ich gar nicht, dass in diesen Fächern nichts zu finden wäre, allerdings habe ich durchaus schon in meinem Blogeintrag die Bemerkung gemacht, dass dasjenige, was sich im Marketing in der Verschlagwörterung äußert, in anderen Einzelwissenschaften wahrscheinlich andere Formen annehmen wird. Diese hängen sehr stark damit zusammen, wie alltagsnah oder fern, wie allgemein zugänglich oder eine spezielle Realität betreffend das jeweilige Wissen ist; auch natürlich davon, ob es sich um ein Wissen handelt, wo allgemeines Interesse daran besteht (wie beim Marketing) es vielen Menschen zu vermitteln oder um solches (wie oft in den Geisteswissenschaften), wo ein solcher expliziter Wunsch nicht besteht.

4) Sie schreiben: "Dass nicht jede Wissenschaft zu jeder Zeit, und schon gar nicht jeder Wissenschaftler den Ansprüchen der Wissenschaft gerecht wird, beweist nichts gegen die Ansprüche." Also diesen Satz verstehe ich in dem Zusammenhang nicht, weil ich in meinem Blogeintrag ja nichts von Ansprüchen der Wissenschaft geschrieben habe und von Menschen oder von einer Praxis dieser Wissenschaft, die den wissenschaftlichen Ansprüchen nicht gerecht würde. Im Gegenteil: Ich habe ja nicht in dem Sinn eine Kritik der Wissenschaft geschrieben, sondern einfach neutral beschrieben, wie Wissenschaft ist. Mein Anliegen war es, zusätzliche Elemente in die Reflexion einzubringen, die in der Realität sichtbar sind, aber in der Diskussion über Wissenschaft nicht berücksichtigt werden. Es handelt sich also nicht um eine Kritik der Wissenschaft in dem Sinne, dass ich die Ansprüche der Wissenschaft retten wollte (gleichsam nach dem Bild: Der Mensch ist im Alltag ein bisschen faul und hält sich nicht ganz an die strenge wissenschaftliche Zucht), sondern ganz im Gegenteil: Ich zeige, wie die Menschen überall bemüht sind, sich an wissenschaftliche Grundsätze zu halten und was dann dabei herauskommt - auch was für ein Widersinn und was für Schwierigkeiten für den lernenden Menschen dabei herauskommen.

Gut, soviel zu meiner Verteidigung. Aber wenn wir jetzt über die Ansprüche der Wissenschaft reden wollten, dann müsste ich zugeben, dass ich gar nicht weiß, welche das sind. Gehört dazu etwa auch, dem Menschen etwas beizubringen? Oder gehört dazu bloß, das gesamtgesellschaftliche Wissen zu mehren? Besteht der Anspruch darin, wahres Wissen zu generieren in dem Sinne, dass dieses Wissen, wissenschaftliches Wissen, unangreifbar ist durch Individuen oder andere gesellschaftliche Institutionen? Besteht der wissenschaftliche Anspruch schließlich darin, gehaltvolles Wissen hervorzubringen in dem Sinne, dass die technische Entwicklung und das Wirtschaftswachstum vorangetrieben werden? Ich weiß also gar nicht, was dieser wissenschaftliche Anspruch, wenn die Wissenschaft selber über sich spricht, überhaupt besagt. Teilweise zweifle ich sogar daran, dass es ihn gibt, denn ist es nicht die Gesellschaft, die Ansprüche an die Wissenschaft hat und deminfolge Lehrstühle einrichtet und Forschungsgelder vergibt, sodass die Wissenschaft in diesem Prozess jene Gestalt annimmt, welche die Gesellschaft ihr gibt und immer so aussieht, wie die Gesellschaft sie sehen möchte, egal wie wissenschaftlich oder unwissenschaftlich das sein möge?

Nach diesen schwierigen Problemen -
herzliche Grüße von philohof!
02.02.10 @ 20:05
Kommentar von: Jochen Ebmeier [Mitglied] E-Mail · http://www.jochen-ebmeier.de
Das warf nur ein Schreibfehler. Eigentlich wollte ich sagen, Sie hätten Ihr Beispiel etwas zu geschcikt gewählt.
05.02.10 @ 17:33
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Sehr geehrter Herr Ebmeier,

???

Da aus Ihrem letzten Eintrag ein gewisser ironischer Unterton für mich herausklingt, möchte ich sagen, dass ich hoffe, dass mir eine grundsätzliche Ernsthaftigkeit des Denkens zugestanden wird ebenso wie ich sie den hier publizierenden Personen zugestehe.

09.02.10 @ 14:45
Kommentar von: Jochen Ebmeier [Mitglied] E-Mail · http://www.jochen-ebmeier.de
Schade, dass Sie den Unterton erst beim zweiten Mal bemerkt haben. Schon beim erstenmal wollte ich auf den Umstand anspielen, dass Sie mir immer, wenn ich von Wissenschaft rede, die Fährnisse des akademischen Alltagsbetriebs entgegenhalten. Wie Sie andernorts richtig bemerken, ist das ein Markt. Auch gegen den Warenmarkt kann man einwenden: "DAS soll frei sein?! Wohin man guckt - allüberall dieselbe Tendenz zur Monopolbildung!" Ja, aber der Witz ist, dass JEDER sein Monopol errichten will; und so gleicht sich das am Ende aus.

Was haben Sie übrigens gegen Ironie? "Witz ist eine ernst Sache", sagt mein Gewährsmann Fichte.
09.02.10 @ 20:11
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Sehr geehrter Herr Ebmeier,
ich habe nichts gegen Ironie, wohl aber dagegen, dass man sich über mich lustig macht.
Aber mal ganz im Ernst: Was soll ich denn daraus lernen, wenn mir jemand sagt, wie die Wissenschaft (in einer idealen Welt) sein sollte? Das hat man mir ohnehin immer gesagt, und ich habe mich gewundert, wenn ich es mit meinen Erfahrungen verglichen habe. Bis mich ein Verdacht beschlich: Man erklärte mir das vielleicht darum, damit ich den realen Betrieb der Wissenschaft nicht verstehe, damit ich durch das Idealbild der Wissenschaft geblendet werde.
Und bezüglich der Monopolbildung irren Sie sich: Die EU hat einen Wettbewerbskommissar, damit kein wirtschaftlicher Betrieb zu mächtig wird und in den USA hat man schon einmal durch Anti-Trust-Gesetze die mächtige Ölindustrie zerschlagen müssen. Aber viel grundsätzlicher: Keine gesellschaftliche Organisation funktioniert wirklich ohne Kontrolle von außen. Die Wissenschaft wehrt aber gewöhnlich solche Kontrollen ab, indem sie sagt, außen stehende Kontrolleure hätten den Sachverstand nicht, um wissenschaftliche Sachverhalte beurteilen zu können. Diese Argumentation mag weit gehend stimmen, aber es führt eben in der Wissenschaft zu Auswüchsen und Günstlingswirtschaft wie in jeder anderen sozialen Organisation.
Das Wichtigste noch einmal: Was soll ich daraus lernen, wie die Wissenschaft sein sollte - täusche ich mich damit denn nicht bloß über die Wirklichkeit?
10.02.10 @ 00:52
Kommentar von: Jochen Ebmeier [Mitglied] E-Mail · http://www.jochen-ebmeier.de
Sie schießen ein Eigentor. Denn worüber wacht der EU-Kommissar, wozu dienen die Anti-Trust-Gesetze? Dazu, darüber, dass der Markt seinem Begriff treu bleibt: Wettbewerb; Zugänglichkeit des Markts für alle.

Die Kontrolle der Wissenschaft durch die Öffentlichkeit (ich habe sie gelegentlich schon erwähnt) besteht darin, dass sie darüber wacht, dass im wissenschaftlichen Betrieb das Prinzip der... Öffentlichkeit gewahrt bleibt.

Jener unbotmäßige Außenseiter, der den Climatgate-Skandal ausgelöst hat, konnte dies, weil es in Großbritannien über die Öffentlichkeit des Wissenschaftsverkehrs ein GESETZ gibt. Ich möchte in keinem Land leben, in dem die Wissenschaft 'von außen' eine ANDERE Art von Kontrolle erfährt. Das hatten wir in Deutschland schon zweimal, das hat gereicht.

Wozu ist es gut, darüber zu reden, was Wissenschaft zu sein hat und was nicht als Wissenschaft gelten kann? "Die Frage stellen heißt sie beantworten."
10.02.10 @ 01:12
Kommentar von: johannes [Besucher] E-Mail
Mir gefällt dieser Eintrag sehr gut, und ich meine Sie beschreiben darin die Methode sehr schön ("Auswendiglernen von sinnlosen Silben"), die mir in der Schule den Spaß und das Interesse am Lernen fast verdorben hätte. Schule oder die Lern-Institutionen allgemein sollten meiner Meinung nach viel mehr am Interesse der einzelnen ausgerichtet sein: man kann nicht einfach allen das gleiche zur gleichen Zeit in den Kopf stopfen. Dadurch kriegt man im besten Fall disziplinierte Auswendiglerner, und auch das nur wenn man Zwang anwendet. Sobald man keinen Zwang mehr anwendet kriegt man eher Amokläufer und Leute die gar nichts mehr wissen wollen, und das ist meiner Meinung nach genau das, was grade passiert, weil in den Schulen die Fähigkeit zum Interessiertsein zerstört wird aber der Zwang zum Auswendiglernen nicht mehr groß genug ist um "wirksam" zu sein. Worst of both worlds.
15.02.10 @ 10:09
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Johannes, danke für Ihren Kommentar! Ich bin ganz Ihrer Meinung. Nur würde ich die inhaltliche Reichweite Ihrer Aussage in verschiedenen Richtungen ausweiten. Einerseits gibt es nicht nur Schulen, sondern es gibt auch Universitäten und dann den ganzen großen Bereich der Weiterbildung, in dem sich dasselbe abspielt. Und zweitens geht es, ginge es, glaube ich, auch nicht darum, dass die Schulen sich mehr am Interesse des Einzelnen ausrichten, sondern erst einmal grundsätzlich darum, dass das Interesse des Einzelnen und seine geistiges Leben von der Gesellschaft als Wert erkannt und positiv eingeschätzt werden. Bislang wird es nämlich negativ veranschlagt. Das zeigt sich daran, dass man den Menschen, wenn man ihnen Wissen vermitteln will, nicht verspricht, dass dieses interessant sei, sondern dass Sie damit erfolgreicher auf dem Arbeitsmarkt sein und mehr verdienen werden. Leider geht es in dieser Richtung oft nicht mehr weiter: Das Wissen in vielen Gebieten ist heute bereits so spezialisiert, dass persönlicher Wissensaufbau in ihnen zu "Überqualifikation" und Unvermittelbarkeit auf dem Arbeitsmarkt führt. Ich sehe also in unserer Gesellschaft eine grundsätzlich verkehrte Einstellung zu Wissen und Lernen, welche mitverursacht ist von der Wissenschaft, die uns verspricht, alle Probleme zu lösen, um uns von ihnen zu befreien.
15.02.10 @ 12:43
Kommentar von: johannes [Besucher]
Ich wollte das gar nicht auf die Schulen beschränken. Über Schulen kann ich mehr aussagen als über Universitäten, weil ich selber nicht studiert habe. Dass dieses "Phänomen" Universitäten genauso betrifft kriege ich aber natürlich z. B. über bekannte Studenten mit, und es ist ja auch logisch, weil die Unis den Trends und äußeren (gesellschaftlichen, wirtschaftlichen) Gegebenheiten genauso unterliegen wie die Schulen.

Übrigens würde ich nicht unbedingt "Die Wissenschaft" an sich verantwortlich machen. Genauso könnte man sagen, "Der Kapitalismus" ist schuld daran, dass Bildung für die Menschen nur noch als Qualilfikation für die Verwertung (Verwurstung) auf dem Arbeitsmarkt einen Wert hat und nicht als Wert für sich. Auch das ist aber nicht unbedingt näher an der Wahrheit, ich denke es gibt einen gesellschaftlichen Trend zur Angst, nichts wert zu sein, zur Existenzangst, der schon zum Teil (aber nicht nur) mit Kapitalismus, mit der wirtschaftlichen Lage oder auch mit "Wissenschaft" zu tun hat.

Dass Interesse für Leute zuweilen direkt beängstigend wirkt habe ich kürzlich gemerkt, in der "Nachbarschaft" auf Facebook, wo ich mit einer Studentin eine mehr oder weniger "philosophische" Diskussion über Rationalität und Grausamkeit geführt habe, und andere Dinge... Im Gegensatz zu dem sonstigen Unsinn der da geschrieben wird war das direkt interessant. Kurz darauf kam eine Mail, die mir mit bösesten Formulierungen "Besessenheit" attestiert hat. Grund: ich hatte jemanden, der eingeworfen hatte, "Wissenschaft ist doch auch nur eine Religion!", ein paarmal höflich dazu aufgefordert, das doch bitte zu begründen. Außerdem seien meine Texte so furchtbar lang (teilweise mehr als 10 Sätze!).

Dass man sich für ein Thema interessiert, außerhalb von Schule, Uni, Weiterbildung und ohne eine Zweckbindung, die letztlich aufs Geldverdienen abzielt, ist offensichtlich nicht normal. Auch die "wissenschaftliche" Art zu diskutieren - Argumente schärfen, überdenken, ggf. ersetzen, usw - wird als irritierend und nicht normal empfunden und sehr schnell sogar als persönlicher Angriff gesehen. Und wenn ich das so anschaue, kann ich der Aussage dass "Wissenschaftlichkeit" ins Denken der Menschen eingezogen ist nicht unbedingt zustimmen. Teile davon vielleicht, aber nicht unbedingt die besten. Vielleicht hat ja wirklich, wie Sie sagen würden, die Wissenschaftlichkeit "als Fach" Einzug gehalten. Als Programmierer könnte man sagen, es wird "Cargo Cult Science" betrieben, es werden blind irgendwelche Prinzipien übernommen, ohne sie zu verstehen oder die Gründe dafür zu kennen (vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Cargo_cult_programming).
16.02.10 @ 15:21
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Johannes,

Sie schreiben in Ihrem Blogkommentar sehr viel Richtiges z.B. darüber, dass man sich heute mit persönlichem Interesse für irgendwelche Themen in den Augen seiner Mitmenschen fast schon verdächtig macht und auch dass der Einfluss der Marktwirtschaft mit ihrem Drang zur nützlichen Verwertung von allem und jedem eine wichtige Rolle spielt.

Aber ich glaube - wenngleich ich zugebe, dass wir uns hier schon auf einem schwierigen Feld bewegen, auf dem die Phänomene oft ihre Eindeutigkeit verlieren - dass man da noch weiter denken kann. Z.B. dort, wenn Sie schreiben, dass Sie da nicht unbedingt "die Wissenschaft" an sich verantwortlich machen würden (sondern anstatt ihrer eben den Kapitalismus). Überlegen Sie sich das noch einmal: Wenn Wissenschaft eine soziale Organisation ist mit einer beschränkten Anzahl von bezahlten Posten, dann wird es sehr nahe liegend sein für die in der Wissenschaft arbeitenden Menschen, eine Mauer oder einen Graben um ihre Gruppe herum zu bilden, damit nicht neue Leute hereinkommen und ihnen ihre Stellen streitig machen. Um das zu verstehen, brauche ich gar keinen Kapitalismus als Hilfshypothese. Das Phänomen, das wir hier vor Augen haben ist das gleiche wie bei irgendeinem Verein: Ein Verein mus - schon den gesetzlichen Bestimmungen nach - für alle Menschen offen sein, er darf sich also nicht verschließen. Gleichzeitig wird man sich aber auch im Verein Sorgen machen, dass da einfach Leute von außen kommen und die Macht übernehmen. Was man also machen wird, ist so ein Mittelding zwischen Sich-Öffnen und Sich-Verschließen: Man wird zu allen neuen Mitgliedern sagen: Nur unter bestimmten Bedingungen darfst du bei uns mitmachen. Und diese Bedingungen kommen dann oft einem Quasiausschluss bei, bzw. haben sie faktisch oft nicht mehr Sinn, als Neuankömmlinge auszuschließen. Die entscheidende Frage aber ist, ob man die Wissenschaft heute immer noch unabhängig von ihrer Verfasstheit als Organisation auffassen kann und darf, ob man sie also (wie z.B. Aristoteles) als bloße Tätigkeit verstehen darf - oder ob man sie in dem Fall nicht gründlich missversteht.

Die Sache mit Ihrer Diskussion mit der Philosophiestudentin auf facebook verstehe ich nicht, weil aus Ihren Ausführungen nicht hinreichend klar wird, worum es dabei gegangen ist. Aber, anschließend an das, was ich bereits ausgeführt haben, würde ich Ihnen nun widersprechen, wenn Sie schreiben: "Auch die "wissenschaftliche" Art zu diskutieren - Argumente schärfen, überdenken, ggf. ersetzen, usw - wird als irritierend und nicht normal empfunden und sehr schnell sogar als persönlicher Angriff gesehen." In diesem Satz sehe ich ein idealisierendes Bild von Wissenschaft, das aussagt, wie Wissenschaft sein sollte, aber nicht, wie sie ist. Tatsächlich habe ich noch keine wissenschaftliche Diskussion erlebt, in der Argumente geschärft, überdacht und ersetzt werden. Der normale Vorgang bei einer wissenschaftlichen Tagung, wie ich sie aus den Geisteswissenschaften kenne, ist so: Es kommt ein Vortrag, dann ein anderer. Der nächste Vortrag ist nicht einmal eine Antwort auf den vorherigen - also es gibt überhaupt keine Diskussion. Und die Vorträge selber sind in sich vom Vokabular und von den Bezugnahmen auf Theorietexte her sehr komplex und kompliziert - und durch diese sprachliche Komplexität versuchen sie eine Art Schutzwall um sich herum aufzubauen, der sie von vornherein vor jeder Diskussion schützt. Man will ja gar nicht diskutieren, das ist das erste, was man in der Wissenschaft eigentlich spürt, dass es um Diskussion hier gar nicht geht.

Und insofern wird Diskussion, also z.B. eine kritische Frage, vor allem in der Wissenschaft selber von den TeilnehmerInnen als "persönlicher Angriff" betrachtet. Am liebsten ist den ReferentInnen auf Kongressen Applaus, ein paar wohlwollende pro forma-Fragen und dann: "Danke, der nächste Referent, bitte!"

Vielleicht könnte Ihnen beim Weiterdenken helfen, wenn Sie einmal versuchen, Ihre Begriffe neu zu ordnen. Wenn Sie also etwa die idealistischen Wunschvorstellungen, die Sie auf die Wissenschaft projizieren, in andere Begriffe hineinlegen. Sie könnten etwa sagen: Das "Denken" sollte an sich so sein, nämlich kritisch, diskursiv, rational, interessiert etc. - und dann können Sie das, was Sie von der Wissenschaft wahrnehmen, mit diesem Idealbild vergleichen.

Ich glaube, dass es vor allem der Eindruck von Alternativenlosigkeit ist, der uns beim Thema der Wissenschaft am Weiterdenken hindert. Wir leiden zwar an der Wissenschaft, weil wir alle möglichen Praktiken in ihrem Betrieb sehen, die besser nicht existieren sollten, aber wir sehen auch ihre essentiellen Funktionen für die Vernunft und die Gesellschaft, sodass wir uns die Wissenschaft nicht wegdenken können, ohne hinter ihr bereits das Chaos heraufdräuen zu sehen. Dagegen hilft, wie ich meine, nur eines: ein Umordnen der Begriffe, mit denen man denkt, und ihren Zuschreibungen, damit so etwas wenigstens im geistigen Bereich, also beim Nachdenken darüber, nicht zur Denkblockade wird.

Tja, was meinen Sie dazu?
Herzlichst Ihr philohof
17.02.10 @ 13:13
Kommentar von: johannes [Besucher]
Möglicherweise haben Sie mich in einem Punkt falsch verstanden. Ich habe das ja auch nur kurz angerissen: Den (Turbo)Kapitalismus, die Horrormeldungen aus der Wirtschaft und so weiter, sehe ich als Gründe (nicht den einzigen!) für den Trend zur Existenzangst. Die Existenzangst führt dann dazu, dass Lernen nur noch als Weiterbildung betrachtet wird, die bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt bringen soll. Dadurch wird jedes Interesse ohne diese Zweckbindung nicht mehr als normal betrachtet und wirkt suspekt. Wenn echtes Interesse aber keinen Wert hat, dann gibt das auch der Angst wieder mehr Raum, weil ein Mensch, der kaum Werte hat, außer Geld zu verdienen (und unter Umständen nicht mal das schafft), sich eben wertlos, unsicher und klein fühlt. Das ist dann ein Mensch, der für die Wirtschaft existiert. Eigentlich sollte es andersrum sein.

Das mit dem Graben um die bezahlten wissenschaftlichen Posten klingt für mich absolut plausibel. Wie weit das in die Gesellschaft ausstrahlt, kann ich schlecht beurteilen.

Die kleine Anekdote mit der Onlinediskussion mit der Studentin sollte nur ein Beispiel sein, um einen Punkt zu verdeutlichen: wenn man sich für etwas interessiert und dann auch noch darüber diskutieren möchte und versucht gute Argumente vorzubringen, stößt das bei vielen Leuten auf Unverständnis und Irritiertheit.

Was Sie da über wissenschaftliche Tagungen u. ä. erzählen, klingt krass. Würden Sie denn sagen, dass Diskussionen in der wissenschaftlichen Praxis überhaupt nicht stattfinden? Sieht es wirklich dermaßen übel aus? Wenn man nur Tagungen betrachtet, die größtenteils aus Vorträgen bestehen, vielleicht...

Sie haben Recht: Wenn ich von Wissenschaftlichkeit oder von wissenschaftlicher Art zu diskutieren rede, dann meine ich natürlich ein Ideal. Und das ist mir auch vollkommen bewusst! Eigentlich meine ich damit Dinge wie kritisches, rationales Denken, dass man keine wilden Theorien aufstellt ohne Begründung, die Fähigkeit, ein Argument von einem persönlichen Angriff unterscheiden zu können, usw... Das alles sollten ja auch Grundbedingungen und Werte der Wissenschaft sein, zumindest in der Theorie. Oft kam dann von Bekannten der Einwand, "Aber die Wissenschaftler machen das doch selber alles falsch!". Das scheinen Sie ja zu bestätigen. Ich glaube, ich sollte daher Begriffe wie "Wissenschaftlichkeit" in Zukunft gar nicht mehr verwenden, weil das immer dazu führen wird, dass irgendwer - ob mit böser Absicht oder ohne - das als "wissenschaftliche Praxis" missversteht. Es geht mir ja ausdrücklich nicht um "das, was die Leute in den weißen Kitteln tun", sondern um Dinge wie Rationalität und eine vernünftige Diskussionskultur. Das sind eigentlich Kommunikationsskills und eine gewisse intellektuelle Redlichkeit und Fairness, die ich mir von den Leuten wünsche, mit denen ich zu tun habe. Werte und Fähigkeiten eben, die man sich aneignen sollte, und nicht das Cargo Cult-mäßige Nachahmen von Verhaltensweisen irgendwelcher Leute...
17.02.10 @ 16:46
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Johannes, nein ich habe Sie in dem ersten Punkt, den Sie erwähnen, nicht missverstanden: Das Phänomen der Existenzangst durch ein sukzessives Zusammenziehen der Maschen des ökonomischen Netzes und die daraus entspringende Not und den Zwang zur Weiterbildung ohne inhaltliches Interesse gibt es, das sehe ich ganz genau so wie Sie. Ich wollte in meiner letzten Antwort nur darauf hinweisen, dass Wissenschaft, auch wenn man dieses Phänomen abzieht, nicht die Erweckung von Interesse bei den Menschen zum Zweck hat.

Sie fragen mich, ob Wissenschaftler überhaupt nicht diskutieren. Nun, ich kann ja nur für die Geisteswissenschaften ein bisschen sprechen. Ich würde sagen, irgendwo tun sie das schon, wenn sie z.B. zu Hause, zurückgezogen, einen wissenschaftlichen Artikel verfassen. Dann nehmen sie Bezug auf andere Wissenschaftler und bewerten deren Argumente. Jetzt ist es aber so, dass das Diskussionsverbot in der Wissenschaft derart gewichtig zu sein scheint, dass sie ihre Kritik oder ihre Argumente auch schriftlich nur sehr verklausuliert und versteckt ausdrücken, sodass man sich fragen kann, ob das überhaupt eine Diskussion ist. Das Ziel dieser Aktivität ist, glaube ich, keine Diskussion, sondern eher ein Stellungnehmen, also das Beziehen einer eigenen Position, die sich gegenüber den Angriffen anderer gut verteidigen lässt. Anders gesagt, wissenschaftliche Diskussionen scheinen mir wie italienischer Fußball zu funktionieren: Ganz wenige Angriffe, ein paar Nadelstiche nur und 10 Mann in der Verteidigung. Jetzt ist die Frage, ob Sie, ob ich, ob wir das eine Diskussion nennen wollen. Ein Kompromiss wäre, es eine fade Diskussion zu nennen.

Sie haben Recht, vielleicht sollten Sie den Ausdruck "Wissenschaftlichkeit" in Hinkunft nicht mehr verwenden, wenn Sie einfach rationales Denken meinen. Und vielleicht sollten Sie es genau aus dem Grund nicht mehr tun, den Sie genannt haben. Nur würde ich das als bloße Arbeitshypthese annehmen, es kann in diesem Bereich nicht darum gehen sich ein moralisches Gesetz auf Lebenszeit zu geben, sondern eben einfach das mal auszuprobieren und zu schauen, ob man sich so mit sich selbst und mit seinen Mitmenschen besser verständigen kann. Und Richard Rorty hat gemeint, die Menschen würden anders zu denken anfangen, sobald sie anfangen, anders über die Dinge zu reden. Wenn also neue Metaphern aufkommen und alte Metaphern in den Bereich des überkommenen und langweiligen Sprachschatz absteigen, dann ergibt sich die Möglichkeit, die Dinge in einem neuen Licht zu sehen. Genau dasselbe, nur als individuelles Programm, habe ich Ihnen angeraten, nicht mehr.
17.02.10 @ 23:10
Kommentar von: johannes [Besucher]
Sie kommen da offensichtlich aus einer ganz anderen Richtung als ich. Das ist interessant.

Wenn Sie den Begriff Wissenschaftlichkeit verwenden, was verstehen sie dann eigentlich darunter? Das Verhalten von Wissenschaftlern in der Praxis, das Sie sehen und das Sie oben beschrieben haben, inklusive die ganzen Makel - oder eher eine Idealvorstellung von Wissenschaft?
18.02.10 @ 07:10
Kommentar von: johannes [Besucher]
PS: Wenn ich Wissenschaftlichkeit sage, meine ich natürlich nicht einfach rationales Denken. Dass ich da einen Unterschied erkenne, dürfen Sie mir auch als Nichtwissenschaftler schon zugestehen...
18.02.10 @ 12:28
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Johannes,
zu Ihren letzten beiden Kommentaren: Sie schneiden da ein ziemlich schwieriges Thema an, über das ich mir schon gedacht habe, dass ich mal einen extra Blogbeitrag schreiben sollte. Und zwar sowas mit der Überschrift: "Wem gehören die Wörter?" Tatsächlich komme ich nicht einfach aus einer anderen Richtung als Sie und habe auch nicht "immer schon" anders gedacht als Sie, sondern ich denke jetzt und versuche die sinnvollste Weise zu finden, wie die Dinge zusammenpassen könnten. Und in dem Sinn, wenn Sie mich fragen, was ich unter Wissenschaft verstehe, habe ich das Gefühl oder den Eindruck, dass ich gar nicht das Recht habe, irgendwas unter Wissenschaft zu verstehen. Verstehen Sie mich? Verstehen Sie, warum ich das sage? Weil das Wort nicht mir gehört. Weil die anderen Menschen sich ohnehin nicht daran orientieren werden, was ich unter Wissenschaft verstehe, ja dass sie mein Verständnis von Wissenschaft nicht einmal berücksichtigen werden. Freilich gehört kein Wort mir. Aber - und jetzt kommt etwas Wichtiges - es macht eben doch noch einmal einen großen Unterschied, ob der Gegenstand, der von diesem Wort bezeichnet wird eine top-organisierte Sache ist oder so eine lose in den Vorstellungen der Menschen dahinschwebende Vorstellung. Und in dem Sinne habe ich doch beim Begriff der Philosophie noch ein wenig mehr das Gefühl mitdiskutieren zu dürfen, was es bedeuten soll, während mir bei der Wissenschaft praktisch alle Mittel aus der Hand genommen sind. Gewiss, wenn man in google schaut, dann ist auch Philosophie ein sehr umkämpftes Wort, da sind viele, die sich auf diesem Feld tummeln. Aber das kann man nicht vergleichen mit dem Begriff der Wissenschaft. Ok, viele Unis haben ein Philosophieinstitut und es gibt auch philosophische Gesellschaften und Zeitschriften, aber bei der Wissenschaft stehen sie einer großen, gut geölten Maschine gegenüber. Alles, was Sie dieser Maschine gegenüber oder über diese Maschine sagen, bleibt wirkungslos. Und die Gesellschaft, die Politik oder die Öffentlichkeit, wird sich immer jemanden aus dieser Maschine holen, um über das Wesen der Wissenschaft Auskunft zu geben. Ihre Frage, was ich unter Wissenschaft verstehe, wenn ich hier in Wien, am 18. Februar aus dem Fenster schaue, kommt mir vor, als ob Sie von mir wissen wollten, ob ich denke, dass hier in Österreich tropisches Klima herrschen sollte? Tut mir leid, das kann ich nicht bestimmen.

Und mein Denken, wenn Sie das nachverfolgen, stammt aus großteils aus der Überlegung oder der Einsicht in das, was ich mitbestimmen kann, wo ich zumindest noch einen kleinen Einfluss drauf habe und wo ich gar keinen Einfluss mehr habe und einer Sache völlig ausgeliefert bin. Aus dem Grund habe ich nicht das Gefühl, überhaupt bestimmen zu können, ob ich von der Wissenschaft eher eine idealistischere oder eher eine realistischere Sichtweise haben will. Wenn Sie in der Lage sind, mit einer idealistischen Sichtweise der Wissenschaft zu leben, dann würde ich Sie bitten, mir zu erklären, wie Sie das anstellen, wie Sie das zusammenbringen. Ich bringe das nicht zusammen. Denn sobald ich mich der Wissenschaft zuwende, knalle ich beinhart mit dieser riesigen Maschine zusammen, die immer stärker ist, die immer gewinnt, gegenüber der kein Argument mehr hilft und bei der daher auch alles Argumente und alles Nachdenken sinnlos werden.

Sehen Sie meinen Punkt? Lg philohof
18.02.10 @ 14:35
Kommentar von: johannes [Besucher]
Hallo philohof,

Das ist sicher ein schwieriges Thema. Wörter sind ja immer eine Gemeinschaftssache, und im besten Fall versteht man annähernd dasselbe unter einem Begriff. Wenn zwei etwas unterschiedliches unter einem Wort verstehen, ohne das zu merken, redet man natürlich aneinander vorbei, so entstehen Missverständnisse. Meine Frage war auch gar nicht so gemeint: "Wie definieren Sie dieses Wort?", so als ob ich davon ausgehen würde, dass Sie die Gewalt über das Wort hätten. Sondern eher so: "Wie ist Ihr Verständnis von diesem Wort, was stellen Sie sich darunter vor?". Ich möchte herausfinden, ob wir unter dem Begriff Wissenschaftlichkeit dasselbe verstehen.

Und jetzt sagen Sie nicht, dass Sie Nichts darunter verstehen, weil Sie ja nicht die Deutungshoheit über das Wort haben. Irgendeine Vorstellung müssen Sie ja davon haben: Wissenschaftlichkeit. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass Sie sagen,
A) es ist etwas das mit Wissenschaftstheorie zu tun hat, das heißt, Wissenschaftlichkeit bedeutet dass sich etwas dem Ideal annähert, wie Wissenschaft sein sollte (wie auch immer dieses Ideal genau aussieht),
B) Wissenschaftlichkeit bedeutet einfach "den Durchschnitt von allem Handeln sämtlicher Wissenschaftler",
Oder etwas irgendwo zwischen A und B, oder
C) Wissenschaftlichkeit als Wort ist zu schwammig, zu ungenau, um es überhaupt sinnvoll benutzen zu können.

Was Sie unter dem Wort verstehen, das hätte mich einfach interessiert. Ich denke nämlich darunter versteht jeder etwas völlig anderes, je nachdem ob er im Wissenschaftsbetrieb ist, oder an Wissenschaft interessiert aber nicht beruflich involviert, oder mehr oder weniger esoterisch angehaucht, und so weiter.

Es ist ziemlich schwierig, gerade in dem Bereich Begriffe zu finden, die sozusagen personenübergreifend die gleiche Bedeutung haben. Etwa "Vernunft" oder "Rationalität": Wenn ich Rationalität sage, dann meine ich, ganz grob, Methoden, die ich verwende, um zu versuchen, das was ich denke oder wahrnehme möglichst sinnvoll miteinander in Beziehung zu setzen, sodass ich mir ein Bild machen kann, das nach meinem momentanen Kenntnisstand der Realität (die ich ja nicht objektiv wahrnehmen kann!) möglichst nahe kommt. Wenn ich aber zu jemandem sage: "Sei doch mal rational!", dann bedeutet das für denjenigen unter Umständen eine persönliche Beleidigung. Oder er wird mich für engstirnig halten, weil er das sozusagen als Aufforderung zur Gefühllosigkeit betrachtet oder ähnliches, was ich aber überhaupt nicht so meine. (Ich unterhalte mich immer wieder mal mit Esoterikern, und solche Dinge gehen mir dann manchmal lang durch den Kopf.)

Aber zurück zu Ihrem letzten Text. Wenn Sie da schreiben, "Aus dem Grund habe ich nicht das Gefühl, überhaupt bestimmen zu können, ob ich von der Wissenschaft eher eine idealistischere oder eher eine realistischere Sichtweise haben will. "
Da finde ich diese zwei Wörter so in dieser Nähe interessant: idealistisch und realistisch. Mag sein dass ich ein seltsames Bild von der Wissenschaft habe, aber sollte es nicht so sein, dass bei der Wissenschaft sozusagen beides zusammengeht? Dass die Wissenschaft idealerweise möglichst realistisch sein sollte. Realistisch im Sinn von "Nah an der Realität". Wenn es nicht absurd wäre sich von dieser dahinwalzenden Maschine etwas zu "wünschen", dann würde ich mir wünschen, dass die Wissenschaft so ist. Argumente sind dann sozusagen nur noch Mittel zum Zweck, um der Realität möglichst nahe zu kommen. Das klingt grausam, ja... Für einen Philosophen. Realitätsabbildung wäre dann der einzige Zweck der Wissenschaft. Vielleicht ist da die Abgrenzung zur Philosophie: Die Wissenschaft *will* nicht, und hat auch keine Werte und soll das auch gar nicht tun. Die Philosophie schon.
Ich komme mir irgendwie anmaßend vor wenn ich sowas schreibe -- ich will da aber gar nicht irgendwelche Begriffe definieren, sondern nur reflektieren. Und ich denke das ist Ok ;-)

Begriff "Wissenschaftlichkeit": Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob das wirklich eine gesellschaftliche Relevanz hat, aber in meinem Umfeld sehe ich, dass es da tendenziell zwei Lager gibt: die einen glorifizieren den Begriff "Wissenschaftlichkeit" schon fast, und sehen darin das Mittel zum Fortschritt und gegen die Unaufgeklärtheit, den Aberglauben usw. Für die anderen ist "Wissenschaft" die böse, gefühllose Maschine. Die dahinstampft, innendrin nach einem komplexen, monströsen Regelwerk funktioniert, das keiner versteht und das an Magie grenzt - jede hinreichend komplexe Technologie ist Magie! - und dann irgendwelche Ergebnisse ausspuckt, deren Wahrheitsgehalt man nicht beurteilen kann, weil man nicht versteht, wie sie zustandegekommen sind.

LG, johannes
18.02.10 @ 17:56
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Johannes,
Sie wollen also von mir wissen, was ich unter "Wissenschaft" verstehe. Nun, im Grunde meine ich, Ihnen diesbezüglich ohnehin schon die Richtung gewiesen zu haben, als ich schrieb, ich wüsste nicht, wie dieser sozialen Maschine Wissenschaft zu entkommen sei. Das heißt, in die idealistische Richtung wird es eher nicht gehen, sondern in die realistische. Nur dürfen wir da jetzt wieder nicht die Dinge durcheinanderbringen: Auch die realistische Sichtweise besteht aus einer "idealistischen" und einer "realistischen" Seite. Wenn realitische wäre, wie sich die Wissenschaftler wirklich verhalten, also die Option, die Sie mir unter B) anbieten, dann würde "idealistisch" ein Sein-Sollen meinen, nämlich dasjenige wie die Wissenschaftler arbeiten sollten, damit sie in der Wissenschaft Erfolg haben. Und Sie sehen: Dieses idealistische Element in der Wissenschaft hat rein gar nichts mit dem zu tun, was wir unter einer idealistischen Sicht der Wissenschaft vorstellen würden, wenn wir darüber nachdenken, wie Wissenschaft sein sollte.

Insofern glaube ich auch, dass Sie in die Irre gehen, wenn Sie schreiben:

"idealistisch und realistisch. Mag sein dass ich ein seltsames Bild von der Wissenschaft habe, aber sollte es nicht so sein, dass bei der Wissenschaft sozusagen beides zusammengeht? Dass die Wissenschaft idealerweise möglichst realistisch sein sollte. Realistisch im Sinn von "Nah an der Realität"."

Der Punkt ist, wenn wir ein idealistisches Bild von der Wissenschaft haben, dann sehen wir die Wissenschaft als realistisch, oder nah an der Realtiät - und tatsächlich ist die Wissenschaft oft nah an der Realität (oder trifft sie vielleicht sogar). Aber wenn wir wirklich idealistisch wären, dann würden wir sagen, die Wissenschaftler haben nichts anderes als Objektivität und Wahrheit im Sinn - und da bin ich dann wiederum realistisch und sage: Nein, die Wissenschaftler haben auch Ihre Karriere im Sinn! Und wenn es um ihre Karriere geht, dann gibts bei der wissenschaftlichen Objektivität bisweilen auch Abstriche.

Was Sie über die beiden Sichtweisen in Ihrem Freundeskreis erzählen, ist interessant: Für die einen ist die Wissenschaft durch den Fortschritt, den sie bringt, die große Retterin; für die anderen ist sie eine kalte Maschine. Im ersten Fall haben wir es - mit Mircea Eliade - mit einem religiösen Verhältnis zur Wissenschaft zu tun (weil alles, was man wie eine Religion behandelt, eine Religion ist - und hier werden Heilserwartungen auf die Wissenschaft gesetzt). Die zweite Sichtweise, jene der Wissenschaft als kalter Maschine, würde ich noch um eine ergänzen:

Es ist auch so, wenn Sie sich z.B. die Astronomie anschauen, dass die heutige Wissenschaft uns Erkenntnisse liefert, die uns unsere Welt und unser Universum als "kalt" und unwohnlich erscheinen lassen. Sterne, die sich zu roten Riesen aufballen, am Ende explodieren und als schwarze Löcher alle Materie rundum auffressen - und ich weiß nicht, was noch alles... Alle diese Erkenntnisse mögen richtig sein, aber sie tragen nicht dazu bei, dass sich der Mensch in seinem Universum wohler und heimeliger fühlt, sondern das Gegenteil. Ich kann daher die Hoffnung in die Wissenschaft als Heilsbringerin nicht recht nachvollziehen, eher wird uns die Wissenschaft noch mehr - zweifellos richtige - Erkenntnisse darüber bringen, dass Heil eben gar nicht möglich ist. LG Philohof
19.02.10 @ 00:37

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