Requiem Philosophiam
"The arrogance, I said to myself, the arrogance of these people. [...] It's as if scientists exert every effort of will they possess deliberately to find the least significant problems in the world and explain them. Art matters. Happiness matters. Love matters. Good matters. Evil matters. [...] They are the only things that matter and they are of course precisely the things that science goes out of its way to ignore.[...] You people treat art as if it's a disease [...] or an evolutionary mechanism, [...] we never hear you say, 'ooh, we've discovered that those electrons are evil and these protons are good,' do we? Everything's morrally neutral in your universe, yet a child of two can tell you nothing is morally neutral. Bastards. Smuckmothers. Smug, smuggy, smuggery smuggers. [...] Because our method is 'unscientific' - well of course our method is unsientific, darling. Real problems aren't number-shaped, they're people-shaped." [Fry, S.109]
Offensichtlich ist obiges Zitat undifferenziert und unsachlich. Aber gerade durch dessen Unsachlichkeit wird verdeutlicht, dass für den Menschen bedeutsame Fragen in den Wissenschaften nicht beantwortet werden, also unsachliche den Menschen betreffende, möglicherweise irrationale Probleme. Wenn Fragen nach dem Glück, dem Guten, dem Bösen nicht von der Wissenschaft behandelt werden, dann ist die Philosophie keine Wissenschaft oder zumindest der Teil der Philosophie (die Ethik) nicht, welcher sich mit diesen Fragen beschäftigt. Aber auch nicht klarerweise ethische Fragen gehören zur Philosophie wie etwa: Was ist Wahrheit, Wissen, der Mensch? Wenn die Philosophie dasjenige ist, was auch immer sie ist, welche die obengenannten bedeutsamen Fragen stellt und ihnen nachgeht, dann stellt sich die Frage: Wenn die Philosophie keine Wissenschaft ist, was ist sie dann?
1. Ist die Philosophie eine Wissenschaft?
Man sagt, man könne aus allem eine Wissenschaft machen. Nur wie? Davon ausgehend, dass eine Wissenschaft sich durch eine Methodik und einen Gegenstand auszeichnet, könnte man versuchen diese bei der Philosophie zu identifizieren. Dabei müssen Methodik und Gegenstand genuin philosophisch sein, da die Philosophie sonst auf andere Wissenschaften reduzierbar wäre und somit keine eigenständige Disziplin. Sie muss aber eine eigenständige Disziplin sein, wenn die Annahme aufrechterhalten werden soll, dass es Fragen gibt, die nur von der Philosophie gestellt werden.(Diese klassifikatorische Herangehensweise hat etwas verzweifeltes. Verzweifelt deswegen, weil rückblickend versucht wird etwas zu klassifizieren, was gewachsen ist, möglicherweise ohne eine Struktur zu besitzen, die man für eine Klassifikation nutzen könnte. Verzweifelt, weil die Philosophie droht irrational zu werden. Natürlich nur für jene, die darin eine Bedrohung sehen.)
1.1 Hat die Philosophie eine genuine Methodik?
Man könnte versuchen, die Philosophie als nicht empirische Wissenschaft zu klassifizieren. Dies wäre aber nicht eindeutig, da auch die Mathematik oder die Theologie als solche gelten.
Anderseits kann man die Philosophie nicht mehr eindeutig zu den nicht empirischen Wissenschaften zählen, wenn man aktuelle Trends ernst nimmt.
Schließlich scheint der Trend, alle Problemstellungen empirisch zu bearbeiten, von den Naturwissenschaften ausbreitend über die Sozialwissenschaften nun auch in Form von der Experimentellen Philosophie (X-Phi) die Philosophie erreicht zu haben und hier werden m.W. keine genuinen experimentell-philosophische Methoden angewandt.
Ferner darf bezweifelt werden inwiefern X-Phi sinnvoll ist. Denn zur empirischen Messungen müssten eindeutige Kriterien angegeben werden. Aber philosophische Fragestellungen wie Was ist das Gute? oder Was ist Wahrheit? scheinen alles andere als klar definierbar zu sein. Also ist die Philosophie keine exakte Wissenschaft.
Gibt es innerhalb der nicht empirischen philosophischen Forschung genuine Methoden?
Die Analytische Philosophie zeichnet sich durch Begriffsanalyse aus. Alle nicht analytischen Philosophen würden diese aber nicht als ihre Methode anerkennen. Zu denen zählen sicher nicht nur jene, welche die Philosophie rein historisch-Ideen-geschichtlich betrachten sondern auch die, welche Sprache nur als (hermeneutisches?) Mittel sehen, dass auf die essentiellen Dinge verweist, sie aber nicht fassen kann und es somit nicht fruchtbar ist, Begriffe in notwendige und hinreichende Bedingungen einzusperren. Anderseits scheint die definitorische und systematische Arbeit nicht Kennzeichen der Philosophie sondern aller Wissenschaften zu sein.
Bezüglich der Philosophie stellt sich zusätzlich das Problem, dass sobald sie sich mit ihren Fragen auf die Lebenswelt richtet klare konsistente Definitionen nicht gelingen können, wenn man der Lebenswelt nicht eine klare konsistente Struktur unterstellen will. Viel plausibler scheint es also zu sein, innerhalb der Philosophie nicht von Definitionen sondern von Bestimmungen zu sprechen, welche sich innerhalb eines Diskurses ändern können. Dies plausibilisiert (mehr aber auch nicht), warum man nach über 2000 Jahren immer noch keine allgemeine konsistente Definition von Wissen hat. Ferner werden durch konsistente Definitionen Widersprüche bzw. Spannungen zwischen verschiedenen Bestimmungen vermieden und diskriminiert! Von einem naiven logischen Standpunkt aus betrachtet scheint dies wünschenswert doch man schließt dadurch eben Spannungen und Widersprüche aus, aus denen sich möglicherweise weitere Erkenntnisse gewinnen ließen. Und was ist theoretisch-geistig anregender als ein Paradoxon?
Definitionen und Bestimmungen sind aber kein Merkmal der Philosophie als solche, sondern Merkmale eines jeden wissenschaftlichen Vorgehens.
1.2 Hat die Philosophie einen genuinen Gegenstand?
Am Anfang war die Philosophie und aus ihr ergaben sich die Einzelwissenschaften. (Ist dies nun Arbeitsteilung oder Abgabe von Kompetenzen oder lediglich die Behandlung der selben Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven mit unterschiedlichen Mitteln?) Ein genuiner Gegenstand scheint nicht gegeben bedenkt man, dass Rechtsphilosophie, Naturphilosophie, Erkenntnistheorie etc. alle eigene Fragestellungen haben, sich aber mit anderen Wissenschaften: Jura, Naturwissenschaften, Psychologie zu überschneiden scheinen. Anderseits operieren verschiedene Wissenschaften zwar bspw. mit dem Terminus Wissen, aber nur die Philosophie fragt Was ist Wissen?. Wissen an sich, bzw. das Wesen von etwas scheint Gegenstand der Philosophie zu sein. Auch das Wesen einer Banane? Intuitiv: Nein. Sind möglicherweise abstrakte oder nicht natürliche Entitäten Gegenstand der Philosophie? Nicht-naturalistisch könnte man dies zugestehen, aber dann würde die Beschäftigung mit abstrakten Gegenstände nicht genügen um Identifikationsmerkmal der Philosophie zu sein. Ausschließlich um abstrakte Gegenstände bemüht sich auch die Mathematik und Naturalisten würden Wissen auch zu den natürlichen Arten rechnen. Aber auch die Physik erforscht das Wesen der Materie mittels der Suche nach Elementarteilchen.
Also müssten es bestimmte wesentliche Entitäten sein, die Gegenstand der Philosophie sind. Aber gibt es die - und wie sind sie erkennbar? Dadurch, dass sie sich nicht den anderen Wissenschaften zuordnen lassen? Evolutionsbiologen untersuchen woher das Gute im Menschen kommt. Kognitionswissenschafften reduzieren Wissen auf Gehirnszustände. Scheinbar genuin philosophische Entitäten scheinen in andere Wissenschaften eingegliedert zu werden.
Aus den angestellten Überlegungen lässt ich also extrahieren, dass die Philosophie wissenschaftliche Aspekte hat, wie die analytische oder historisch-systematische Behandlung von philosophischen Fragestellungen, welche sich aber nicht notwendig auf genuine philosophische Entitäten beziehen.
Es zeigt sich aber weiterhin, wie problematisch die Bestimmung der Philosophie als genuine wissenschaftliche Disziplin ist. Stellt sich ein solches Problem kann man dies entweder weiter ausdifferenzieren und analysieren oder wie im Folgenden die Annahme zurückweisen aus der sich dieses Problem ergeben hat.
1.3 Die Methodik-Gegenstand-Differenzierung ist nicht sinnvoll
Die Annahme, man könne Wissenschaftliche Disziplinen über Methodik oder Gegenstand identifizieren setzt voraus, dass diese genuine Unterscheidungsmerkmale prinzipiell besitzen können. Dies ist aber unplausibel, wenn man bedenkt, dass Wissenschaften sich gegenseitig beeinflussen und sich dadurch annähern und überschneiden können (Dies erkennt man schon an den Bezeichnungen wie Bio-Physik, Atom-Chemie, Sozial-Psychologie, Neuro-Linguistik, Mathematische Methoden der Sozialwissenschaften etc.p.p.)So zeigt die Physik nicht nur Einfluss auf andere Naturwissenschaften sondern auch auf Sozialwissenschaften, wenn bspw. versucht wird das verhalten von Menschenansammlungen mittels Phasendiagramme zu beschreiben - die Erkenntnisse welche Faktoren zu einem chaotischen Zustand führen werden dann genutzt um Paniken zu unterbinden.
Offensichtlich hat auch die Entwicklung der Mathematik bzw. der formalen Logik Einfluss auf die Philosophie gehabt - von Syllogismen zu Fitch.
Dies ist nur ein oberflächlicher Abriss zu dem Problem, Philosophie oder überhaupt einzelne wissenschaftliche Disziplinen voneinander abzugrenzen. Sicher scheint dies bei manchen einfacher als bei anderen. Aber es scheinen sich immer gemeinsame Schnittmengen finden zu lassen (Stichwort: Interdisziplinarität).Und trotz dieses Annäherungsprozesses gibt es die gegenläufige Bewegung der Spezialisierung. Lernen die Wissenschaften voneinander ohne einander zu verstehen?
Also lassen sich Wissenschaften zumindest Näherungsweise über Gegenstand und Methodik klassifizieren.
Nun - hier ist ein Argument, dass sich im besonderen Fall der Philosophie, diese nicht über Methode oder Gegenstand klassifizieren lässt:
Wissenschaften lassen sich annähernd über Methodik oder Gegenstand klassifizieren.
Nur die Philosophie selbst besitzt die Berechtigung ihre Methode und ihren Gegenstand zu klassifizieren.
Minimal Konsens ist, dass die Philosophie kritisch hinterfragt oder bezweifelt.
Hätte die Philosophie eine Methodik oder einen Gegenstand, so muss sie diese kritisch hinterfragen und bezweifeln ob dies ihre genuine Methodik oder Gegenstand wäre. Zweifel verhindert eine eindeutige Bestimmung.
Also kann die Philosophie nicht eindeutig festlegen, was ihre Methodik oder Gegenstand ist, aber auch niemand sonst kann dies.
Somit ist zumindest klar, dass es unklar ist, ob die Philosophie eine Wissenschaft ist.
Möglicherweise war aber auch der gewählte Zugang, der Versuch die Philosophie nach gewählten Kriterien als Wissenschaft auszuweisen irreführend. Versuchen wir also eine andere Annäherung.
2. Philosophy Reloaded
Philosophie beginnt mit dem Staunen und Kinder sind die größten Philosophen. Warum? Das fragende ,Warum?' scheint eine erste verbale Annäherung an das nonverbale Staunen zu sein und weil Kinder immer ,Warum' fragen, welches man so interpretieren kann, dass sie durch das ständige Hinter- und Nachfragen möglichst viel verstehen wollen. Sich also nicht mit Antworten zufrieden geben. Nicht Antworten sondern Fragen stehen hier im Vordergrund. Nicht das Finden sondern das Suchen nach Lösungen, da jede Lösung, jede Antwort nie völlig zufriedenstellen kann, denn man kann eine Antwort immer wieder in eine Warum-Frage umformulieren.
Im Zentrum des philosophischen Fragens steht also das Verstehen-von nicht allein das Wissen-um etwas. Man kann viele Fakten kenne ohne etwas verstanden zu haben. Im strengen Sinne handelt es sich hier um Kenntnis nicht um Wissen. Wissen benötigt Rechtfertigung, welche Verständnis voraussetzt. Wissen jedoch ist positiv belegt. Verständnis liefert die Rechtfertigung für die wahre Meinung, die somit zu Wissen wird, kann aber über dieses positive Wissen hinaus gehen, da im Verständnis auch ein Moment das Zweifels, also ein negativer Aspekt, beinhaltet sein kann. Bspw. kann das Verständnis bezüglich einer Gegebenheit darin bestehen, wie unsicher die gelieferte Rechtfertigung ist. Verständnis ist also höher anzusehen als Wissen, da es das singuläre Wissen in einem weiteren Kontext reflektiert.
Staunen ist kein rationaler Akt, sondern etwas, welches sich aus der Ästhetik, also der Anschauung ergibt. Erst wenn dieses Staunen sprachlich gefasst wird, kann diskutiert, definiert und deduziert werden. In dieser zweiten Phase stecken zwei Elemente einerseits das Rationalisieren des Staunens, durch das man es einem wissenschaftlichen Diskurs zugänglich macht, d.i. einer intersubjektiven systematischen Problemanalyse. Dieser wissenschaftliche Aspekt darf aber nur dienende Funktion gegenüber dem zweiten Element haben: der Kritischen Haltung. Erst durch die Rationalisierung ist ein Hinterfragen möglich, da dies auch sprachlich geschieht.
Warum bezeichnet man, wie im obigem Zitat, manche Fragen als ,wirklich' bedeutsam? Die Fragen nach dem Guten, der Wahrheit und dem Wesen des Menschen sind nicht nur Fragen die sich auf Entitäten beziehen sondern Fragen die existentiell, d.h. nach dem guten Leben fragen und somit auch persönlich bedeutsam sind.
Philosophie beginnt also mit dem Staunen und ist eine kritische Haltung und beschäftigt sich mit der Frage nach dem Guten Leben. Dies wird bzw. kann über eine wissenschaftlichen Behandlung transportiert werden. Aber Philosophie ist nicht an die Wissenschaft gebunden, sondern kann z.B. auch mittels der Kunst transportiert werden.
Die Universitätsphilosophie scheint aber nun ihren Schwerpunkt auf das Systematisieren von Begriffen nach analytisch - definitorischen oder nach systematisch - historischen Aspekten zu legen. Hier ergeben sich aus der Philosophie selbst heraus neue Fragen und Problemstellungen: Was die Referenz der Referenz? Der Streit zwischen Platon und Aristoteles bezüglich der Ideen.
Diese Fragen und Probleme sind relevant solange sie den Rationalisierungsprozess unterstützen, um philosophische Fragestellungen besser zu verstehen. Aber sie sind nicht notwendig genuin philosophisch. Genuin philosophische Fragen ergeben sich nie allein aus der Philosophie selbst heraus. Denn: alle Philosophie beginnt mit dem Staunen. Reine Probleme die sich aus Begriffen ergeben, bei denen das Moment des Staunens fehlt, sind nicht philosophisch. Jeder Diskurs, in dem man keine kritische Haltung einnimmt und der nicht in Bezug auf die Frage nach dem guten Leben steht, ist nicht philosophisch. Es gibt mit dem Staunen also ein persönliches Moment innerhalb der Philosophie, welches einer reinen intersubjektiven Wissenschaft widerspricht.
Innerhalb der Universitätsphilosophie ist der Rationalisierungsprozess zum Selbstzweck geworden. Das Staunen als irrationale Voraussetzung fehlte meist. Durch die reine wissenschaftliche Behandlung reduziert sich auch die kritische Haltung - wie soll man sich ernsthaft kritisch gegenüber Abstrakta verhalten? Ein Abstraktum beißt nicht. Hinzukommt die Entfernung von der Lebenswelt durch immer genauerer Definitionen aber wie oben erwähnt, wird damit der Diskurs auf Unproblematisches reduziert und Wechselwirkungen zwischen Lebenswelt und Philosophie diskreditiert. Versteht man nun Philosophie in seinem ursprünglichen Wortsinn als Liebe zur Weisheit und versteht man Weisheit als etwas, dass sich notwendig auf die Lebenswelt bezieht, dann ist die reine, exakte verwissenschaftliche Philosophie der Tod der wahren Philosophie.
"[S]o sollte es auf der Grabschrift der Universitätsphilosophie heissen: "sie hat Niemanden betrübt." Doch ist dies freilich mehr das Lob eines alten Weibes als einer Göttin der Wahrheit, und es ist nicht verwunderlich, wenn die, welche jene Göttin nur als altes Weib kennen, selber sehr wenig Männer sind und deshalb gebührendermaassen von den Männern der Macht gar nicht mehr berücksichtigt werden.
Steht es aber so in unserer Zeit, so ist die Würde der Philosophie in den Staub getreten: es scheint, dass sie selbst zu etwas Lächerlichem oder Gleichgültigem geworden ist: so dass all ihre wahren Freunde verpflichtet sind, gegen diese Verwechslung Zeugnis abzulegen und mindestens soviel zu zeigen, dass nur jene falschen Diener und Unwürdenträger der Philosophie lächerlich oder gleichgültig sind. Besser noch, sie beweisen selbst durch die That, dass die Liebe zur Wahrheit etwas Furchtbares und Gewaltiges ist." [KSA1, 426f]
Literatur:
Fry, Stephen. 2004. Making History. London: arrow books.
Nietzsche, Friedrich. 2006. Unzeitgemäße Betrachtungen III. Vol. Kritische Studienausgabe 1. Berlin: Walter de Gruyter.
Was sind Intuitionen?
Link: http://sites.google.com/site/dubitoergo/philosophische-arbeiten/veroeffentlichungen
Intuitionen werden in der philosophischen Literatur eine sehr starke Rechtfertigungskraft zugeschrieben, die aber nicht weiter hinterfragt wird. Dies zeigt sich beispielsweise darin, dass René Descartes seinen Meditationen über die Grundlagen der Philosophie die intuitive Erkenntnis, dass er selbst existiert, als unumstößliche Gewissheit darlegt. Der kartesische Täuschergott vermag über Außenwelt und Logik zu betrügen, aber die sich aus dem Zweifelsgang ergebende Intuitionen
werden nicht bezweifelt: Es ist sicher, dass man gewiss existiert, solange man wenigstens zweifelt. Es ist intuitiv, dass eine Täuschung immer ein Objekt benötigt, das getäuscht wird. Der Täuschergott vermag scheinbar den meditierenden und
zweifelnden Descartes weder in Bezug auf das Verständnis der relevanten Begriffe (Täuschung, Zweifel) zu betrügen, noch wird die Rechtfertigungskraft der Intuition bezweifelt. Intuition wird hier als Einsicht in eine notwendige Wahrheit charakterisiert, wie es auch in der aktuellen Debatte üblich ist.
"Nun, wenn er [der Täuschergott (genius malignus), CR] mich täuscht, so ist es also unzweifelhaft, daß ich bin. Er täusche mich, soviel er kann, niemals wird er doch fertigbringen, daß ich nichts bin, solange ich denke, daß ich etwas
sei. Und so komme ich, nachdem ich nun alles mehr als genug hin und her erwogen habe, schließlich zu der Feststellung, daß dieser Satz: „Ich bin, ich existiere“, sooft ich ihn ausspreche oder in Gedanken fasse, notwendig wahr ist." [Descartes, 1976, S.22]
Der Begriff ,Intuition’ wird von Descartes in den Meditationen nicht explizit benutzt, aber in der dritten Meditation schreibt er: „Und somit glaube ich bereits als allgemeine Regel aufstellen zu dürfen, daß alles das wahr ist, was ich ganz klar und deutlich einsehe.“ Dieser Fall zeigt exemplarisch, dass eine fundamentale Rechtfertigung benutzt wird, ohne diese weiter zu spezifizieren oder zu diskutieren. Dieses ,klare und deutliche Einsehen’ ist bei Descartes mit der Wahrheit verbunden. Dies scheint problematisch zu sein. Es ist unplausibel, dass etwas wahr sein soll, nur weil man es klar und deutlich einsieht.
Hier sollen aber nicht die Meditationen über die Grundlagen der Philosophie diskutiert werden, sondern dieses Beispiel soll lediglich paradigmatisch veranschaulichen, wie unkritisch oft der Begriff ,Intuition’ benutzt wird und welche
starke Rechtfertigungskraft ihm zugetraut wird, ohne dass wirklich klar ist, was Intuitionen eigentlich sind. Intuitionen sind für das Selbstverständnis der Philosophie wichtig, da man sich in keiner anderen Wissenschaft innerhalb ihrer Methodologie
so sehr auf Intuition verlässt wie in der Philosophie. Dies erkennt man unter anderem daran, dass sie benutzt werden, um einen Begründungsregress zu stoppen. Mit zunehmender Häufigkeit von der Antike bis heute werden Gedankenexperimente
als argumentative Mittel für oder gegen eine Theorie eingesetzt, welche wesentlich auf Intuitionen beruhen. Da Intuitionen also offensichtlich wichtig für das theoretische Fundament der Philosophie sind, soll versucht werden, sie zu klassifizieren und ihre Natur zu klären.
[Die Vollständige Arbeit kann hier heruntergeladen werden:
http://sites.google.com/site/dubitoergo/philosophische-arbeiten/veroeffentlichungen/WassindIntuitionen.pdf?attredirects=0&d=1 ]
