Der folgende Text, vorläufig als zehnter Paragraph eingeordnet, handelt von dem Weltbegriff, der für eine umfassende Philosophie eine conditio sine qua non darstellt. Inwiefern und an welcher Stelle in der Gesamtabhandlung er sich in den Kontext einbetten lassen wird, wird sich im weiteren Verlaufe meiner Arbeit noch ergeben müssen.
§10
DER WELTBEGRIFF
WELT in unserem Verständnisse ist im weitesten Sinne als dem griechischen κóσμος (Welt, Weltordnung) entsprechend aufzufassen. Dabei ist Welt weder selbst ein Raum noch beinhaltet sie einen solchen. Wir als entes-cogitantes-agentes können nicht in der Welt sein, sondern nur mit derselben, da ein In-der-Welt-sein zugleich ein Außer-der-Welt-sein als Möglichkeit voraussetzen würde - was unmöglich ist.
Welt ist überhaupt nicht, vielmehr ist alles Seiende zusammengenomen Welt. Welt begegnet uns als entes-cogitantes-agentes in jedem Seienden einschließlich uns selbst. Wir stehen nicht isoliert von allem anderen Seienden da und verstehen uns imgleichen nicht, wie schon Heidegger in seiner Vorlesung "Die Grundbegriffe der Metaphysik" aus dem Wintersemester 1929/30 die philosophische Tradition (wie ich sage: spätestens) seit Descartes kritisiert, zunächst wesentlich und notwendig aus uns selbst heraus; vielmehr definiert sich jedes Seiende als es selbst durch Abgrenzung zu dem übrigen Seienden seiner Umgebung - besser: Mitwelt -, d. i., erst dadurch, dass es nicht alles andere Seiende ist, ist es es selbst. Sonach findet ebenfalls der Vollzug des Sich-als-sich-selbst-begreifens invers zu der von der Tradition behaupteten Weise statt. Dazu aber muss dem enti-cogitanti-agenti das andere Seiende, das es nicht selbst ist, zugänglich sein, und zwar auf eine tiefere - oder besser: unmittelbarere - Weise als in der Form der bloßen Erscheinung. Wenn Kant sagt, die Dinge der Welt (man beachte, dass hier ein anderer Weltbegriff vorausgesetzt wird) seien uns bloß zugänglich, wie sie uns erschienen, was nicht als Schein i. S. einer Täuschung aufzufassen sei, so sind sie uns doch zugänglich, wie sie sind, nämlich als Mit-Seiende; ein Seiendes an sich - oder wie Kant sagt: das Ding an sich - ist unmöglich, weil es zugleich für sich isoliert und unzugänglich sowie mit-seiend sein müsste, was sich widerspricht. M. a. W.: Jedes Seiende müsste mitweltlich und weltlos sein. Allein erst dadurch, dass alles Seiende mit-ist, hebt es sich voneinander ab und wird (für uns als entes-cogitantes-agentes) jeweils als Individuum bestimmbar bzw. (metaphorisch gesprochen) zeichnen sich seine Konturen ab.