« Zur Unmöglichkeit eines Solipsismus als Resultat eines radikalen Skeptizismus bezüglich der Außenwelt und des FremdpsychischenWas ist Liebe? »

Eine innerphilosophische Kritik

26.11.08 | von Markus Schroer [mail] | Kategorien: schroer

Die Kritik, die ich im Folgenden innerphilosophisch anbringen möchte, ist keineswegs vollkommen neu. Sie wurde bereits von dem namhaften Philosophen Hilary Putnam angebracht, der zuletzt aufgrund seiner Desillusionierung bezüglich des Szientismus eine pluralistische Sicht der Philosophie angenommen hat. Infolgedessen betrachtet er die meisten philosophischen Probleme als nichts anderes denn konzeptuelle oder linguistische Verwirrungen, die durch den Gebrauch von gewöhnlicher Sprache außerhalb ihres alltagssprachlichen Kontextes durch Philosophen hervorgerufen werden.
Ich stimme Putnam im Kern seiner Kritik zu. Allerdings scheint sie mir in seiner Form zu radikal. En suite werde ich zunächst versuchen, zu beschreiben, wie das Problem überhaupt zustande kommt (I). Dem wird sich eine kritische Auseinandersetzung mit demselben anschließen (II), gefolgt von einem abschließenden Fazit (III).

I

Was zutrifft, ist, dass die Philosophie ihrer Tradition nach, wie Schopenhauer es in seinem Hauptwerk »Die Welt als Wille und Vorstellung« sinngemäß trefflich beschreibt, nicht wie andere Wissenschaften an irgendeinem Punkte aufhört, zu fragen, und sich mit dem Erreichten zufrieden gibt, sondern schlechthin alles zum Problem erhebt. Einerseits ist eine messerscharfe Gründlichkeit, namentlich in der Definition und Verwendung von Begriffen, unabdingbar. Wir müssen – und zwar als Hörer sowohl denn als Sprecher, wissen, was jeweils gemeint ist, wenn wir einen bestimmten Begriff verwenden, um uns über ein bestimmtes Problem miteinander verständigen zu können. Denn andernfalls bestünde die Gefahr – und die Wahrscheinlichkeit wäre sehr groß –, dass wir über verschiedene Entitäten redeten, obzwar wir dieselben Begriffe verwenden. Eine Verständigung wäre mithin gescheitert. Andererseits erzeugt dieselbe Gründlichkeit den bösartigen Tumor, der die Philosophie seit ihren Anfängen von innen her zu zerfressen droht: Die Rede ist vom radikalen Sketpizismus.

II

An diesem Punkt will ich meine Kritik ansetzen. In der Philosophie ist es zweifelsohne noch schwieriger, zu einem Konsensum zu gelangen, was eigentlich die adäquate Angehensweise eines Problems ist, was eine geeignete Methode darstellt, sich einem solchen zu nähern, als dies in anderen Wissenschaften der Fall ist. Was ist das Kriterium zur Bestimmung der Grenzziehung?
Viele Probleme sind meines Erachtens tatsächlich bloße Gedankenkon-strukte. Dies dürfte nicht zuletzt darin begründet liegen, dass sie lediglich in Theorien auftauchen, wichtiger aber noch: von Relevanz zu sein scheinen. Auf den radikalen Skeptizismus bezogen, lässt sich dies am einfachsten darlegen. Der radikale Skeptiker kann in thesi alles hinterfragen und tut dies auch, womit er noch über das Trilemma des Agrippa hinausgeht. Das Selbstanwendungsproblem in Form einer REDUCTIO AD ABSURDUM beziehungsweise CONTRADICTIO IN RE – wenn es unmöglich ist, etwas zu wissen, kann der radikale Skeptiker nicht behaupten, eben dies zu wissen, weil es dann doch möglich wäre, etwas zu wissen, weil er ja gerade behauptet, dies zu wissen – scheint in diesem Falle keine befriedigende Antwort zu sein . Meist bleibt die Frage im Raume stehen, was eigentlich unter »Wissen« zu verstehen sei. Für gewöhnlich scheint ein absoluter Wissensbegriff supponiert zu werden. Eine Prämisse der Argumentation des radikalen Skeptikers könnte aus einer logischen Äquivalenz bestehen: Du kannst etwas wissen, wenn und nur wenn sich etwas auf eine bestimmte Weise verhalten kann und unter keinen Umständen anders. Ein vollständiges Argument sieht dann für gewöhnlich folgendermaßen aus:

P1 Du kannst etwas wissen, wenn und nur wenn sich etwas auf eine bestimmte Weise verhalten kann und unter keinen Umständen anders.
P2 Es gibt nichts, was sich nur auf eine Weise und unter keinen Umständen anders verhalten kann.
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
K Du kannst nichts wissen.

Der Falle der Selbstanwendung könnte er höchstens in einer schwächeren Form entgehen, indem er sagt, er nehme lediglich an, dass es kein Wissen gebe, wobei dies den Preis einer Pattsituation hätte (und im Übrigen natürlich die Aufgabe des radikalen Skeptizismus bedeuten würde). Imgleichen könnte er darauf hinweisen, dass er bloß einen gültigen logischen Schluss gezogen habe; einen gültigen Schluss zu ziehen aber, bedeutet keineswegs, ein Wissen zu behaupten, wie uns die formale Logik lehrt:

P1 Alle Säugetiere können fliegen.
P2 Alle Katzen sind Säugetiere.
– – – – – – – – – – – – – – – – – – –
K Alle Katzen können fliegen.

Niemand käme auf die Idee, zu behaupten, er wisse, dass alle Katzen fliegen könnten, weil es falsch ist, dass alle Katzen fliegen können, und man nichts wissen kann, was falsch ist. Allein kann sich der radikale Skeptiker überhaupt auf Logik und Argumentationstheorie berufen? Strenggenommen kann er dies nicht, denn auch die beiden Letztgenannten beziehen sich auf Axiome. Ferner kann der radikale Skeptiker nicht nur nicht behaupten, es gebe kein Wissen, womit er implizit behauptet, ebendies zu wissen; sondern ebenso wenig kann er sich gewiss sein, dass sein Gegenüber überhaupt existiert, ganz zu schweigen davon, dass er die Sätze des Anderen versteht, beide dieselbe Sprache sprechen, mit dem, was sie sagen, dasselbe meinen beziehungsweise sich auf dasselbe beziehen und so fort. Mithin verhält sich der radikale Skeptizismus gegen sich selbst parasitärer als gegen jedwede andere Position. Doch selbst wenn der radikale Skeptiker sich in thesi als Sieger wähnt, so muss er spätestens eine empfindliche Niederlage hinnehmen, wenn wir den Kampf auf ein anderes Schlachtfeld verlagern: die Praxis. In praxi nämlich muss sich der Skeptiker zwangsläufig ständig selbst widersprechen respektive seiner eigenen Theorie zuwiderhandeln. David Hume hat dies, zumindest in der konkreten Anwendung auf das Kausalitätsprinzip, welches er in seinem Hauptwerk »A treatise concerning human understanding« als Gesetz zurückweist, erkannt. Nach dem Grundsatz zu leben, dass es kein Wissen gebe, würde nämlich ein alltägliches Leben unmöglich machen. Man müsste in jedem Augenblick neu überprüfen, dass beispielsweise die Gravitation noch vorhanden ist; dass die Luft, die man atmet, nicht plötzlich aus reinem CO2 besteht; dass der Kaffee, den man morgens für gewöhnlich trinkt, sich nicht über Nacht in lauter Blutegel verwandelt hat – und das auch, nachdem man das Kaffeepulver samt des Filters in die Kaffeemaschine gefüllt hat, wiederum nachdem man den Kaffee in die Tasse gegossen hat sowie in jedem beliebigen anderen Moment. Und woher die Garantie nehmen, dass sich der Kaffee nicht im Magen in lauter Trolle verwandelt, welche die Magenschleimhaut abbauen? Selbst das Überprüfen wäre sinnlos, weil es ja unmöglich ist, etwas zu wissen, woraus folgt, dass es unmöglich ist, seinen Sinnen zu vertrauen, welche das einzige zur Verfügung stehende Mittel sind. Selbst physikalische und chemische Versuche wie Analysen bedürfen letztlich Sinneswahrnehmungen.
Ähnliches trifft meines Erachtens auf gemäßigtere Varianten des Skeptizismus wie den cartesianischen oder den des Agrippa zu. Wer würde in praxi ernsthaft behaupten, es sei nicht gewiss, dass man sich verbrenne, wenn man mit bloßen Händen ins Feuer fasse? Wer nähme in praxi ernsthaft wie Descartes in seinen »Meditationes de prima philosophia« an, er werde ununterbrochen von einem bösen Dämon getäuscht? Die moderne Variante des letzteren Beispiels hat Putnam selbst mit seinem Gehirn-im-Tank-Gedankenexperiment aufgestellt, wenngleich er damit nicht beabsichtigte, dem Skeptizismus neue Nahrung zu verschaffen. Er wollte vielmehr zeigen, dass metaphysischer Realismus unmöglich sei, weil ein Szenario, wie es in dem Gedankenexperiment geschildert wird, unmöglich sei. Letztere Debatte soll uns an dieser Stelle jedoch nicht weiter beschäftigen.
Es stellt sich nicht die Frage, ob solche Szenarien denkbar seien – denn das sind sie zweifelsohne. Vielmehr fragt es sich, ob dies a) nur weil es denkbar ist, auch wahrscheinlich ist, so zwar, dass es sich tatsächlich so verhält, und b) von lebensweltlicher Relevanz ist.
Es handelt sich bei der Beantwortung dieser Fragen, dies gestehe ich unumwunden zu, um ein normatives Unterfangen. Was ich anzubieten habe, sind indes keine ultimativen, unumstößlichen Antworten, sondern Vorschläge, die es im größeren Diskurs zu reflektieren und womöglich zu verbessern gilt.
ad a) Ich bin keineswegs der Ansicht, Gedankenexperimente seien nutzlos. Ganz im Gegenteil, Gedankenexperimente können uns Perspektiven für Problemlösungen eröffnen, welche man andernfalls gar nicht in Erwägung zöge. Nicht zuletzt haben Albert Einstein und Nils Bohr ihre Theorien zunächst als reine Gedankenexperimente entwickelt, ohne auch nur einen einzigen empirischen Versuch durchzuführen. Tatsächlich haben sich ihre Annahmen später empirisch verifizieren lassen, und die Einstein’sche Relativitätstheorie (spezielle wie allgemeine) sowie die Quantenmechanik, welche derzeit in der Physik parallel verwendet werden, weil offenbar für Makrokosmos und Mikrokosmos unterschiedliche Gesetze gelten, haben uns viele neue technische Möglichkeiten eröffnet, welche uns ohne Relativitästheorie und Quantenmechanik nicht zur Verfügung stünden.
Andererseits tendieren Gedankenexperimente dazu, unbewiesene, womöglich für immer unbeweisbare Dogmata im Denken der Menschen zu verankern, die fortan als Axiome nicht nur gebilligt, sondern übersehen, weil als selbstverständlich vorausgesetzt, mithin nicht mehr bewusst wahrgenommen werden. Auf diese Weise wird – paradoxerweise – das Denken eingeengt, zumal wir es namentlich in der Philosophie oftmals mit Problemen zu tun haben, die lediglich solche zu sein scheinen, da sie bloßen Gedankenkonstrukten entspringen. Nur weil alles Wirkliche auch möglich ist, muss nicht alles Mögliche wirklich (und wahrscheinlich) sein. Wir täuschen uns sozusagen darüber, dass wir uns täuschen, einzig um deswillen, dass es uns möglich scheint, uns zu täuschen. Viele Probleme würden sich vielleicht erübrigen, wenn man sie, nur weil sie möglich sein mögen, nicht auch als gleichwahrscheinlich ansähe. Es wäre freilich denkbar, dass ich, wenn ich die nächste Packung der Milch, die ich für gewöhnlich trinke, öffne und ein Glas davon trinke, Rattengift statt Milch zu mir nähme. Allein ist dies auch genauso wahrscheinlich, als dass es sich um Milch handelt? Sind die beiden Möglichkeiten, von welchen die eine womöglich niemals eine Verifikation erfahren wird, gleichberechtigt? Ich bin der Überzeugung, dass sie es eindeutig nicht sind. Ich möchte an dieser Stelle jedoch noch den Aspekt des Scheinproblems erläutern, und zwar anhand eines Beispiels, das geradezu lächerlich anmutet und mir aus ebendiesem Grunde am geeignetsten für meine Zwecke scheint. Ich nenne das Argument, das ein Problem aufzuwerfen scheint, weil es formal gültig, gleichwohl aber absurd ist, das »Käse-Löcher-Paradoxon«:

P1 Mehr Käse, mehr Löcher.
P2 Mehr Löcher, weniger Käse.
– – – – – – – – – – – – – – – – – –
K Mehr Käse, weniger Käse.

Formal ist das Argument nicht anzugreifen, denn der Schluss ist korrekt. Um uns dies besser vor Augen zu führen, ist es sinnvoll, dasselbe zu formalisieren:

P1 +x <—> +y
P2 +y <—> -x
– – – – – – – –
K +x <—> -x

Inhaltlich indes ist das Argument in mehrfacher Hinsicht defekt. Der naheliegendste Fehler ist der der Verhältnisentwicklung der beiden Prämissen. Während P1 besagt, dass mit Anstieg der Masse des Käses die Zahl der Löcher steigt, d. i. ein proportionales Verhältnis darstellt, besagt P2, dass eine fixe Menge an Käsemasse abnimmt, wenn man weitere Löcher hinzufügt, was nichts anderes bedeutet, als dass man Käsemasse wegnimmt; dieses Verhältnis aber entwickelt sich folglich reziprok. Formalisiert besagt P1 demnach implizit:

[(+x&+y) v (-x&-y)] & ~[(+x&+y) & (-x&-y)]

P2 dagegen:

(+y=-x) & (x>0).

Die Verwechslung der beiden Verhältnisentwicklungen als gleich resultiert aus der Äquivokation des Wortes »mehr«. Wie wir auch formal sehen, bedeutet nämlich »mehr« nur in P1 tatsächlich »mehr«, während in P2 »mehr« das Gegenteil, d. i. »weniger«, bedeutet. Dies wiederum liegt mitunter an dem ontologischen Status eines Loches. Ein Loch stellt keine Entität dar, sondern einen Mangel; der ontologische Status ist folglich unterbestimmt.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Käse-Löcher-Paradoxon ist – mit einem Wort – Käse. Gleichwohl kann man sich auch mit einem solchen Scheinproblem ernsthaft und ausgiebig auseinandersetzen. Worauf es mir mit diesen Ausführungen ankommt, ist, zu zeigen, dass nicht jedes Problem, das man gedanklich konstruieren kann, auch eines sein muss. Ferner fragt sich, inwiefern es überhaupt sinnvoll ist und sein kann, einem solchen Gedankenkonstrukt derart detailliert nachzugehen, was mich zur zweiten Frage bringt.
ad b) Zunächst einmal werde ich erläutern, was ich überhaupt unter »lebensweltlicher Relevanz« verstehe. Die Welt, in der wir leben – die Lebenswelt –, welcher wir aber nichtsdestoweniger als Teil angehören und nicht etwa als Fremdkörper darin zu betrachten sind, ist für uns nicht vollkommen durchschaubar. Dies hat mehrere Gründe. Einmal ist es so, dass wir auf eine bestimmte Raumzeit eingeschränkt sind, d. i., wir können nicht alle Entitäten in Erfahrung bringen. Zum anderen sind wir lediglich für bestimmte Größenverhältnisse ausgestattet, was unsere Sinneswahr-nehmung anlangt; wir orientieren uns überwiegend in dem Bereich 10-1m. Imgleichen ist unser Gehör eingeschränkt auf den Frequenzbereich zwischen 16 und ungefähr 20.000 Hz. Bezüglich elektromagnetischer Strahlung nehmen wir lediglich den Bereich zwischen 380 und 780 nm (als Licht) wahr. Wir nehmen weder Atome und Moleküle noch Ultra- und Hyperschall noch ultraviolettes und infrarotes Licht wahr. Dies ist indes nicht als Mangel anzusehen, denn wir sind damit bestens für die für uns relevanten Lebensbereiche ausgestattet. Die Flut der Sinneseindrücke, die auf uns einströmt – immerhin 11 Millionen pro Sekunde (!) –, muss bereits für das Bewusstsein auf einen einstelligen Betrag reduziert werden, damit dasselbe nicht überlastet wird. Wären uns also weitere Bereiche sinnlich zugänglich, wäre dies kein Gewinn, sondern ein Verlust, und zwar der Orientierung, die wir zum Überleben dringend benötigen.
Freilich ist nicht nur unsere Sinneswahrnehmung von Nützlichkeit, mithin von lebensweltlicher Relevanz für uns. Ferner ist eine der nützlichsten Erfindungen die Schriftlichkeit und die damit gegebene Möglichkeit der externen Informationsweitergabe.
Allein wir müssen immer den Gewinn, den Gesamtertrag, welchen wir erwirtschaften, im Blick behalten. »Lebensweltliche Relevanz« darf indes nicht fälschlicherweise als »alltagsrelevant« verstanden werden. Dies liefe auf einen subjektivistischen Relevanzrelativsmus hinaus, welchen ich auf jeden Fall ablehne, denn damit wäre es für jedermann möglich, alles, was ihm für ihn selbst lebensweltlich irrelevant erschiene, abzulehnen. Schlimmstenfalls hätte dies den Zusammenbruch der Lebenswelt zur Folge. Vielmehr kommt es darauf an, dass das, womit wir uns en detail befassen, einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen erbringt. Dieser kann und muss sich nicht immer unmittelbar zeigen. Allerdings ist es meines Erachtens möglich, gewisse Scheinprobleme als solche zu entlarven oder wenigstens deren Irrelevanz – wie im übertriebenen Falle das Käse-Löcher-Paradoxon – aufzuzeigen. Ich gestehe zu, dass dies auf andere, ernsthaftere Gedankenkonstrukte bezogen weniger einfach ist und imgleichen nicht zu leichtfertig durchgeführt werden darf.
Freilich wird die Philosophie als solche dadurch nicht lebensweltlich irrelevant. Ganz im Gegenteil, sie wird dringend benötigt. Der Philosophie obliegt es, das, was alle anderen Wissenschaften an Ergebnissen liefern, kritisch zu prüfen, das Teilwissen, welches dieselben hervorbringen, zusammenzufügen, namentlich aber den Menschen als Ganzes im Auge zu behalten, derweil sich die meisten Wissenschaften durch zunehmende Komplexität und Spezialisierung immer weiter von diesem Gesamtbild entfernen, woraus, zumindest potentiell, Gefahr statt Nutzen für den Menschen resultieren könnte. Am naheliegendsten ist hier zunächst einmal die Ethik zu nennen. Was ist verantwortbar? Was sollen, was dürfen wir tun? Wie gehen wir mit neuen Möglichkeiten, seien sie medizinischer, seien sie technologischer oder sonstiger Art, um? Ein sich ständig veränderndes Weltbild braucht neue oder wenigstens revidierte Konzeptionen, und die Menschen brauchen (im schwächsten Falle) Orientierung. Um aber zu wissen, was wir tun sollen und dürfen, was verantwortbar sei und so fort, müssen wir uns darüber verständigen, was wir eigentlich wissen können (oder zumindest glauben, wissen zu können), wo unsere Grenzen liegen und wie wir uns überhaupt darüber verständigen können. Mithin ist auch die theoretische Philosophie mit ihren Teildisziplinen Logik/Argumenta-tionstheorie, Erkenntnistheorie, Metaphysik und Sprachphilosophie nicht redundant. Allein es ist namentlich diese, welche weit über ihren eigentlichen Auftrag hinausschießt. Spätestens seit Descartes scheint ein unüberwindlicher Fluch auf derselben zu lasten, welcher die Philosophen dazu getrieben hat, sich über Probleme den Kopf zu zermartern, die es einzig in den Köpfen der Menschen (vielleicht auch ausschließlich in denen der Philosophen) gibt. Selbst wenn es einen bösen Dämon gäbe, der mich ununterbrochen täuscht – so hätte dies keinerlei lebensweltliche Konsequenz für mich. Die Täuschung funktionierte ja genau so, dass die Welt sich so verhielte, wie ich erwarte, dass die Welt sich verhalten sollte, nämlich dass es gewisse Regelmäßigkeiten, vorhersagbare Ereignisse und wenigstens anscheinend so etwas wie Naturgesetze gibt. Ich kann glücklich und unglücklich sein, ich kann alle möglichen Sinneseindrücke haben, ich kann verschiedenen Tätigkeiten nachgehen, ohne dass sich großartig viele Ereignisse abspielen, in welchen etwas geschieht, was ich überhaupt nicht, d. i. unter keinen Umständen, erwartet hätte. Ganz abgesehen von der lebensweltlichen Relevanz, wäre eine solche Täuschung freilich vollkommen sinnfrei. Was sollte es mich kümmern, dass die Welt »in Wirklichkeit« (was immer dies bedeuten mag) anders wäre, wenn ich ohnedem keinen Zugang zu ihr hätte? An gewisse Regeln ist das Leben gebunden, zum Beispiel dass die Erde eine Gravitation hat. (Der Skeptiker kann meinetwegen gerne denken, er befände sich sonstwo in der Welt; ich gehe derweil lieber anderen Tätigkeiten nach.) Andererseits gibt es Regeln, die gesetzt werden, zum Teil weil sie gesetzt werden müssen – und dieselben können freilich sinnvoll hinterfragt und kritisiert werden, beispielsweise soziale Normen.

III

Abschließend bleibt also Folgendes festzuhalten. Gedankenexperimente und Abstraktionen, auch in der Philosophie, haben einen Sinn und eine Berechtigung. Sie können uns helfen, gewisse Dinge aus einer anderen, unser Wissen erweiternden Perspektive zu betrachten, sodass wir neben dem theoretischen auch einen lebensweltlichen Gewinn erzielen. Allerdings müssen wir immer einen Blick dafür haben, dass wir uns nicht in der Theorie in Problemen verstricken, welche entweder Scheinprobleme oder solche ohne lebensweltliche Relevanz sind. Bemerken wir, dass eines davon der Fall ist, sollten wir nicht länger versuchen, eine Lösung zu finden. Redundante Probleme erfordern lediglich redundante Lösungen. Stattdessen sollten wir uns darauf besinnen, zu einem Punkt zurückzu-kehren, an welchem die Theorie sich mit lebensweltlich relevanten Problemen beschäftigt, deren Lösung freilich mindestens genauso schwierig sein kann wie die von Scheinproblemen, beispielsweise die Frage, wie zwei Menschengruppen vollkommen kontradiktorischer Überzeugungen friedlich zusammenleben können.

12 Kommentare

Kommentar von: drbuffo [Besucher] E-Mail
Wie ist das gemeint "P1 Alle Säugetiere können fliegen...", P = Prämisse?
Unter der o.g. Prämisse ist die Annahme "Alle Katzen können fliegen" eine Ableitung.
Wie wird "Wissen" definiert, etwa nur als Fähigkeit zur Prognose?
27.11.08 @ 06:26
Kommentar von: Markus Schroer [Mitglied] E-Mail
»P« steht für Prämisse, ja.

Es geht lediglich darum, dass es sich um einen formal korrekten Schluss handelt. Nur weil ein Schluss formal korrekt ist, ist weder das Argument zwingend überzeugend (da möglicherweise inhaltlich defekt) noch kann damit Wissen behauptet werden.

Einer Definition von »Wissen« meinerseits habe ich mich bewusst enthalten; ich habe lediglich moniert, dass besonders in solchen Diskussionen gerne vernachlässigt wird, was unter dem Begriff eigentlich verstanden werden soll.
27.11.08 @ 09:27
Kommentar von: drbuffo [Besucher] E-Mail
Wer aus der IT-Welt kommt und reale Systeme in IT nachgegossen hat (Stichworte: Datendesign, Entitäten (Objekte), Objektbeziehungen, Objektzugriff) wird vermutlich grundsätzlich zustimmen können. Die Sprache selbst ist ein Hindernis und es scheint unmöglich über (vs. "mit Hilfe") die Sprache zu verstehen.
Mit den Paradoxa habe ich noch zu kämpfen, Verstehen ist m.E. nur in geschlossenen Systemen ("theoretische Entitäten") möglich, ansonsten scheint mir Wissenschaft immer Ingenieurswissenschaft zu sein, Wissen also nicht absolut ist, also kein Wissen. :--)
BG!
27.11.08 @ 17:32
Kommentar von: Markus Schroer [Mitglied] E-Mail
Ich habe in meinem Artikel Kenntnisse der formalen Logik vorausgesetzt. Dass diese auch in anderen Bereichen, d. i. in der Mathematik, der Informatik u. a., zur Anwendung kommt, mag das Verständnis erleichtern. Ich hoffe indes, verdeutlicht zu haben, dass dies nicht mein Hauptanliegen ist!

Ich pflichte dem bei, dass Sprache, die wir notwendig verwenden müssen, ein eigenes Problem ist, imgleichen der Wissensbegriff.

Wenn ich Dich richtig verstehe, vertrittst Du ein Kohärenz-System des Wissens, wie etwa Putnam und Davidson, wobei bei Letzterem die Sprache noch ein großes Gewicht hat.
27.11.08 @ 19:30
Kommentar von: drbuffo [Besucher] E-Mail
Ich antworte hier nur aus Höflichkeit, da mir dieses System unbekannt ist und eine dbzgl. Webrecherche erfolglos blieb (was daran gelegen haben mag, dass eine Kohärenz und ein System bedeutungsgleich oder in der Bedeutung ähnlich sind :--), und als Praktiker, und freue mich auf weitere Erläuterungen von Dir oder anderen.
Wissen ist in geschlossenen Systemen wie bspw. der Mathematik möglich, aber nicht zwingend erreichbar. In der Realität gibt es kein Wissen, sondern nur Glauben.
Beste Grüße!
27.11.08 @ 20:40
Kommentar von: Markus Schroer [Mitglied] E-Mail
Pardon, ich wusste nicht, dass Du gar nicht aus der Philosophie kommst!
Was Du beschreibst, geht auf jeden Fall in die richtige Richtung. Bei Davidson verhält es sich so, dass man eine Reihe von Überzeugungen (»beliefs«) hat: p – q – r – s… Dabei sind diese Überzeugungen jedoch nicht linear, sondern symmetrisch angeordnet (so auch bei Putnam, wobei ich Putnams System derzeit nicht ganz vor Augen habe). Davidson hält es für notwendig (wenngleich ich dies noch weiter nachlesen muss, da ich es bisher nicht ganz nachvollzogen habe), dass die meisten Überzeugungen wahre Überzeugungen sind. Eine weitere Überzeugung gilt dann nur als wahr, wenn sie zu den im Überzeugungssystem bereits vorhandenen Überzeugungen passt, d. i. mit ihnen kohärent ist. Dieses System postuliert freilich keinen absoluten Wissensbegriff und umgeht mithin das Trilemma des Agrippa, nach welchem es nur folgende drei Möglichkeiten zu geben scheint:

1) Die Begründung dafür, dass man etwas wisse, wird zirkulär.
2) Die Begründung geht auf Dogmata zurück.
3) Die Begründung wird abgebrochen.

Die drei Hörner sind aber, wenn auch nicht genommen, so doch zumindest elegant umschifft, wenn man keinen absoluten Wissensbegriff postuliert.
27.11.08 @ 21:21
Kommentar von: drbuffo [Besucher] E-Mail
Mein kleines Modell hat zudem zumindest ein Problem und zwar mit der "Urwahrheit": Etwas ist. Ausserdem lassen sich aus der Urwahrheit noch andere Wahrheiten ableiten.
Wie steht es mit "Es ist, weil es ist", also dem evolutionären Prinzip, das Richtung Kausalität zu gehen scheint, aber doch etwas anders ist?
27.11.08 @ 21:46
Kommentar von: Robert Duerhager [Mitglied] E-Mail · http://duerhager.philosophieblog.de
Eine solche normative innerphilosophische Kritik ist angebracht. Die Kritik sehe ich jedoch ungenügend begründet. Nur damit, "dass nicht jedes Problem, das man gedanklich konstruieren kann, auch eines sein muss" und dem Argument, dass es Gedankenexperimente gibt, die "keinerlei lebensweltliche Konsequenz" haben, lässt sich noch nicht erschließen, warum die Philosophie sich vermehrt um "tatsächliche" und "relevante" Probleme kümmern sollte.
Warum ist die Beschäftigung mit den einen Problemen sinnvoller als die Beschäftigung mit den anderen?
Egal um welches Problem es sich handelt, es wird doch philosophiert.

Man könnte hier mit einer zeitlichen Notwendigkeit antworten, indem man für die gegenwärtige Zeit einen Zuwachs an lebensweltlichen Problemen annimmt. Z.B. könnte man Marx bemühen und seine These "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern" auf die heutigen relevanten Menschen überträgt, und mit der These "Die Wissenschaft hat die Welt vielfältig verändert, es kommt aber darauf an sie für den Menschen sinnvoll zu interpretieren" die Philosophen dazu anregt, sich diesem Problem durch das Lösen vieler anderer lebensweltlicher Probleme anzunehmen.

Oder man könnte argumentieren, dass es eine Aufgabe der Philosophie als Wissenschaft ist, "Wissen zu schaffen". Das wurde im Beitrag ja schon angesprochen. Abgesehen von der allgemeinen Problematik des Wissens-Begriffs könnte hier mit einer alternativen und schwächeren Definition von Wissen "als für das Leben des Menschen nützliche und in den meisten Fällen anwendbare Information" die Forderungen unterstützt werden. Leider dann eben zum Preis von einer solchen Definition als Prämisse der Argumentation.

Soweit meine ersten (ungenauen und ungeordneten) Gedanken zum Text, welcher im Übrigen nett geschrieben ist.
27.11.08 @ 22:27
Kommentar von: Robert Duerhager [Mitglied] E-Mail · http://duerhager.philosophieblog.de
Entschuldigung, ich bin mit meinem Kommentar unelegant mitten in die Unterhaltung geplatzt.

@drbuffo:

Das Problem mit dem evolutionären Prinzip ist, wie Markus schon schreibt, "dass die Philosophie ihrer Tradition nach" ... "nicht wie andere Wissenschaften an irgendeinem Punkte aufhört, zu fragen, und sich mit dem Erreichten zufrieden gibt, sondern schlechthin alles zum Problem erhebt." So wird im gleichen Maße auch das in Frage gestellt, was man vorher schon für "wahr" annimmt. Der Zweifel, gerade der radikale, bringt uns immer wieder dazu das Rad neu erfinden zu müssen. Das ist zwar unpraktisch, aber gut, um "Unwahrheiten" auf die Spur zu kommen.

Leider tendieren einige Philosophen dazu, es beim Zweifeln am Rad zu belassen, ab und an ein neues zu erfinden, aber darüber hinaus interessiert es sie nicht, vielleicht ein praktisches Gefährt zu bauen.

Dies kann man als "innenphilosophische Kritik" anbringen, was jedoch nichts mit einem "außenphilosophischen" System wie dem des Wissenschaftsbetriebs innerhalb der Mathematik zu tun hat. Hier darf man jederzeit ein evolutionäres Prinzip annehmen, obwohl man sich darauf gefasst machen sollte, dass ein zweifelnder Philosoph es wohl angreifen wird.
27.11.08 @ 22:51
Kommentar von: drbuffo [Besucher] E-Mail
Lässt sich das evoluzionäre Prinzip von der o.g. Urwahrheit ableiten?
27.11.08 @ 23:09
Kommentar von: Markus Schroer [Mitglied] E-Mail
Nein, Robert, Du bist nicht »unelegant in die Unterhaltung geplatzt«.
Ich hatte ja bereits in meinem Artikel erwähnt, dass ich keine unumstößlichen, letzten Antworten parat habe, sondern bloß einen Lösungsvorschlag. Ich wollte damit imgleichen keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Im Übrigen halte ich Deine Vorschläge für gute Ergänzungen meiner Argumentation.

drbuffo, meinst Du mit »Urwahrheit«, dass wir ein Sein supponieren?
Meines Erachtens gibt es keine solche Urwahrheit außerhalb des menschlichen Denkens und Erkennens. Im Universum kann es zum Beispie Planeten geben, den wir nicht kennen, d. i. von dem wir nicht einmal wissen, dass er vorhanden ist. Niemand fasst einen Gedanken oder macht eine Aussage über denselben beziehungsweise die dort vorherrschenden Verhältnisse. Letztere sind aber weder wahr noch falsch, sondern alles verhält sich einfach so, wie es sich verhält. An sich ist nichts wahr oder falsch – es ist so, wie es ist.
28.11.08 @ 13:28
Kommentar von: DrB [Besucher] E-Mail
Die Aussage "Etwas ist." ist selbstbeweisend, wahr und (erst einmal) das Einzige, was wir wirklich wissen. "Sein" im Sinne von Existenz, also aus dem "Aussichheraussein".
Es handelt sich nicht um eine Unterstellung, sondern um eine Feststellung. (Böse formuliert beginnt der Wahnsinn (der Ur-Wahnsinn), wenn wir darüber keinen Konsens finden. ;--)
Es gibt also Wahrheit, Existenz und Wissen auch in der Realität, dennoch stimme ich den im Beitrag genannten Punkten weiterhin grundsätzlich zu.
Wir kommen vermutlich ein wenig vom Thema ab, ich möchte damit schliessen, dass ich viel gelernt habe aus Deinem Beitrag und auch aus einigen Beiträgen von Hr.Dürhager, in denen ich ein wenig gestöbert habe.
Beste Grüße!
28.11.08 @ 19:38

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