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§4 Der Sinn des Seins des ens-cogitans-agens und das Paradoxon der unfreien Freiheit

04.08.08 | von Markus Schroer [mail] | Kategorien: schroer

Der folgende Text stellt eine überarbeitete und ergänzte Fassung eines Abschnittes (die Paragrapheneinteilung ist ebenfalls neu) meines bereits auf diesem Weblog veröffentlichten Textes "Die Frage nach Sinn als Eröffnung der Horizonte einer umfassenden Philosophie" dar. Namentlich der Begriff der Freiheit wird hier näher erläutert, der wesentlich für die Bestimmung des Sinns des Seins des Menschen als ens-cogitans-agens, d. i. als ein Seiendes, das ist, indem es denkt und handelt, mithin stets im Werden begriffen ist, von Bedeutung ist.

 

 

§4

DER SINN DES SEINS DES ENS-COGITANS-AGENS UND DAS PARADOXON DER UNFREIEN FREIHEIT
Wenn Sinn nun, wie wir gezeigt haben, Handlungen zugesprochen werden kann (zumindest wie sie sich in unserem Denken gestalten), ist es möglich, die Frage nach dem Sinn des Seins eines ENS-COGITANS-AGENS, d. i. eines Seienden, das ist, indem es denkt und handelt, zu beantworten. Zu sein nämlich, ist die conditio sine qua non des Vermögens, überhaupt handeln zu können. Hinzu kommt die Fähigkeit, denken zu können, denn diese wird benötigt, um ein Tun vorauszuplanen, d. i. zu agieren, statt nur zu reagieren, was allererst als HANDELN bezeichnet werden kann. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir uns dessen bewusst sind. Ob ein Tun unsererseits aus unserem bewussten Planen oder der Bestimmung durch unterbewusste Vorgänge entspringt, widerstreitet nicht der These, es handele sich bei jedem Tun eines entis-cogitans-agens um eine Handlung, denn: was sich unterbewusst ereignet, ist auch eine Vorbereitung, mithin Planung eines jedweden Tuns. Handeln und denken zu können wiederum, bedingt das Vermögen, sich Zwecke setzen und, um mit Heidegger zu sprechen, sich auf seine Möglichkeiten hin entwerfen zu können, d. i. zu werden. Es ist unmöglich, nicht zu handeln; etwas zu unterlassen, bedeutet, ebendies zu tun, d. i. zu handeln, was wiederum einer Erwägung, mithin Planung entspringt. Mithin ist es unmöglich, nicht zu werden; ein starres Sein wäre ein sinnloses, weil es keine Horizonte der Bedingung der Möglichkeit von Handlungen eröffnete. Wir sind sonach, wie Sartre sagt, für unser Handeln vollständig verantwortlich, wiewohl wir, wie zu ergänzen ist, als in unser Sein geworfen, nicht dafür verantwortlich sind, verantwortlich zu sein, denn zu sein haben wir nicht gewählt. Innerhalb unseres Seins indes wählen wir uns auf unsere (individuellen) Möglichkeiten hin, wir setzen uns Zwecke für unsere Handlungen, die unserem Sein Sinn verleihen. Der Sinn des Seins des entis-cogitans-agens besteht folglich letztlich darin, sich Zwecke zu setzen, um das zu werden, was es sein will. Somit sind wir also durch die Verantwortung für unser Handeln genauso verantwortlich für den Sinn unseres Lebens, welches ein Sein im Schweben zwischen den beiden Enden Geburt und Tod ist. Innerhalb seines Seins kann sich jedes ens-cogitans-agens, obzwar nicht unbegrenzt, dafür aber auf seine individuellen Möglichkeiten hin entwerfen und kann keinem anderen enti-cogitans-agens daraus einen Vorwurf machen. In ethischer Hinsicht muss allerdings mit Kant eingewandt werden: diese Freiheit darf nur so weit gehen, als sie mit der jedes anderen zusammenstimmt, d.i. derselben keinen Abbruch tut. Denn für sein Handeln vollständig verantwortlich sein, das meint nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf jedes andere entem-cogitantem-agentem bezogen Verantwortung zu tragen, ja diese durch die Freiheit des Sich-wählens zu übernehmen. Der Sinn ethischen Handelns folglich besteht wiederum darin, die Freiheit des einzelnen entis-cogitantis-agentis, sich auf seine (individuellen) Möglichkeiten hin zu entwerfen, um das zu werden, was es sein will, zu gewährleisten, wenngleich es auf Grund ebendieser Freiheit möglich ist, dass ein oder mehrere entes-cogitantes-agentes ein oder mehrere andere solche in dero Freiheit einschränken. Hier tritt im Übrigen kein Widerspruch ein, wenn wir sagen, dass das ens-cogitans-agens sich auf seine (individuellen) Möglichkeiten hin entwerfe, um das zu werden, was es sein will. Denn ebendies ist Segen und Fluch desselben zugleich: Es erstarrt nicht, um Sartres Terminologie zu verwenden, aus dem Für-sich in ein An-sich, solange es lebt, d. i. zwischen Geburt und Tod schwebt; vielmehr wird es immer wieder feststellen, dass es, wenn es das geworden ist, was es sein wollte, etwas anderes sein will und muss - denn ebendies ist Sinn seines Seins, dass es sich auf seine Möglichkeiten hin entwerfe, mithin immer im Werden begriffen sei. Einzig Geburt und Tod verhindern, dass sich dieser Prozess ad infinitum fortsetzt; zugleich sind dieselben aber die conditio sine qua non für die Möglichkeit des Werdens überhaupt. Denn nur, indem ich irgendwoher komme und zugleich auf etwas anderes zusteuere, d. i. in diesem Falle von der Geburt als Ins-Sein-geworfen-Werden komme und auf den Tod als Erstarren-in-dem-was-ich-sein-will auf ihn zu werde, kann es für mich Möglichkeiten geben, auf welche hin ich mich entwerfen kann. Vor der Geburt und nach dem Tode kann es keine Freiheit geben; vor der Geburt nicht, weil wir uns nicht in einem Schwebezustand befinden, in welchem wir uns entwerfen könnten, denn wir sind nicht ; nach dem Tode nicht, weil der Schwebezustand endet, indem das Sein, in welches wir ursprünglich geworfen worden sind, sich verfestigt, in einer endgültigen Form erstarrt. Mithin realisert sich nur der letzte Entwurf, einzig die letzte Möglichkeit, auf welche hin das ens-cogitans-agens sich entwirft. Da es sich nun immer auf seine Möglichkeiten hin entwirft, um das zu werden, was es sein will, kann also sein Tod niemals sinnlos sein. Im Tode ist es zu dem erstarrt, was es sein wollte, d. i. es ist endlich und endgültig, mithin ist es nicht mehr im Werden begriffen, und nur seine Freiheit wird zur Unfreiheit.
Wie wir den Begriff der Freiheit nun bestimmt haben, müssen wir gleichsam ein Paradoxon erkennen: Unsere Freiheit, so scheint es, ist eine unfreie. Wie aber kann Freiheit unfrei sein? Zunächst einmal ist Freiheit uns auferlegt, ja man kann sagen: wir sind, als in unser Sein geworfen, zur Freiheit verdammt. Dass Freiheit aber niemals absolut sein kann, erhellt daraus: dass sie nämlich, wäre sie absolut, d. i. vollkommen unbedingt, ein bloßes Begriffsspiel wäre und wir von ihr, selbst wenn sie uns eignete, keinen Gebrauch von ihr machen könnten, denn sie wäre etwas Leeres. Hier allererst wird deutlich, warum wir oben stets von individuellen Möglichkeiten gesprochen haben. Wir sind nämlich nur insofern frei, als wir uns auf diejenigen Möglichkeiten hin entwerfen können, welche uns, als in unser Sein geworfen, gegeben sind. Mithin können wir nunmehr ohne Widerspruch sagen: uns eignet eine unfreie Freiheit.
Ferner ist diese Konzeption, wie anzumerken ist, eine atheistische insofern, als kein Schöpfer benötigt wird, um Moralität zu rechtfertigen bzw. derselben Sinn zu verleihen, wie es die kantische Konzeption erfordert. Des ungeachtet darf hier nicht das Missverständnis auftreten, wir wollten hiemit zugleich vom Atheismus überzeugen, d. i. gleichsam gläubige Menschen gewaltsam von ihrem Glauben wegzerren. Dies liegt keineswegs in unserer Absicht; vielmehr soll bloß Moralität als religions- und politikunabhängig, d. i. für alle Menschen gleichverbindlich, dargetan werden, dass also jeder ganz ohne schlechtes Gewissen gegenüber seiner Glaubens- oder sonstigen Gesinnungsgemeinschaft diese lebensbejahende Philosophie annehmen könne, so er sich denn in den davon unabhängigen Aspekten überzeugt weiß.

 

1 Kommentar

Kommentar von: Michael Schrading [Besucher]
Was ich nicht verstehe.

"[...]d. i. eines Seienden, das ist, indem es denkt und handelt, zu beantworten[...]"

Ich verstehe nicht wie ein Sein denken und handeln kann!?

Das Sein ist! Wessen Befehl folgt es zu einer Handlung? Das Handelnde führt dann zu einem anderen Sein? Was ist ein anderes Sein?

Entschuldigung, wenn ich so blöde Fragen stelle. Aber das Thema beschäftigt mich und über eine Recherche im Internet bin ich auf Ihren Artikel §4 gestoßen.

Liebe Grüße

M. Schrading
23.08.13 @ 14:16

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Markus Schroer, Student der Philosophie und Geschichtswissenschaft. Wissenschaftliche Interessenschwerpunkte in der Philosophie: •Erkenntnistheorie •Sprachphilosophie •Philosophie des Geistes •Wissenschaftstheorie •Logik und Argumentationstheorie •Kant •theoretische Ethik Wissenschaftliche Interessenschwerpunkte in der Geschichtswissenschaft: •griechisch-römische Antike •1. und 2. Weltkrieg •Nationalsozialismus •Gesellschaft und Militärwesen
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