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Was ist Liebe?

08.08.08 | von Markus Schroer [mail] | Kategorien: schroer
Die folgende Auseinandersetzung mit der Frage Was ist Liebe? wurde angeregt durch die oftmalen allgemein geäußerte These, LIEBE müsse jeder für sich selbst definieren.
 
Wenn LIEBE das wäre, was jeder sich darunter vorstellt (nach Gutdünken), wäre Liebe zugleich ein wandelbarer Begriff, schlimmer noch ein reiner RELATIVISMUS. Dies ist ein inflationärer Gebrauch des Wortes, welcher der WILLKÜR (im modernen Sinne) Tür und Tor öffnet.
Wenn nun jemand sagte: Liebe sei für ihn, mit möglichst vielen Frauen zu schlafen, ohne ihnen auf irgendeine Art verpflichtet zu sein, was mögliche Schwangerschaften impliziert - würden wir ihm zustimmen resp. ihn gewähren lassen? Überdem hätte dies strafrechtliche Konsequenzen. Dafür, dass man liebt, darf man nicht bestraft werden. Da aber nun dieser besagte jemand für sich Liebe so bestimmt hat, dass er mit möglichst vielen Frauen schlafen kann, ohne denselben irgend verpflichtet zu sein, mögliche Schwangerschaften eingeschlossen, dürfte er, weil er ja auf diese Weise liebt, nicht dazu verurteilt werden, Alimente zu zahlen u. dgl. m. Auch aus ethischen Gesichtspunkten ist dies abzulehnen: es widerstreitet nämlich unseren INTUITIONEN, so namentlich in ethischen Fragen von großer Bedeutung sind, ja nicht außen vor gelassen werden dürfen.
Gleichwohl ist Liebe fürwahr ein nicht völlig fest zu umreißender Begriff, da die unter demselben subsumierten Inhalte mannigfaltig (was auf die Verbindung einander in vielfältiger Hinsicht widerstreitender und dem Bewusstsein nur begrenzt zugänglichen KOGNITIONEN wie EMOTIONEN zurückzuführen ist), indes nicht beliebig sind.
Um die These, Liebe müsse jeder für sich definieren, (zugegebenermaßen redundanterweise) ad absurdum zu führen: Liebe wäre sonach ebenso wohl als HASS bestimmbar - welche Begriffe einander widerstreiten*; überdem würde dies dazu führen, dass wir uns nicht mehr über Liebe miteinander unterreden könnten - da jeder etwas anderes darunter verstünde.

Zunächst einmal ist der Begriff der LIEBE von dem des VERLIEBTSEINS resp. der VERLIEBTHEIT abzugrenzen. Letztere beide sind spontane wie kurzweilige und, im Falle der Erwiderung, angenehme Rauschzustände, so zwar, dass namentlich die eigene Libido im Mittelpunkt des Blickpunktes steht. Des ungeachtet kann dies freilich Grundlage einer sich noch zu entwickelnden partnerschaftlichen Liebe sein, dies indes lediglich problematisch, nicht apodiktisch.
Überdem geht gilt es freilich, zwischen LIEBE im wörtlichen und solcher im übertragenen Sinne zu unterscheiden. So ist die Liebe zu einem DING niemals mit der zu einem LEBEWESEN vergleichbar; diejenige zu einem TIER nicht mit derjenigen zu einem MENSCHEN; ferner diejenige zu einem Verwandten nicht mit derjenigen zu einem Freund; endlich diejenige zu einem Partner nicht mit irgendeiner anderen überhaupt.
Die Gemeinsamkeit - und hier allererst finden wir ein erstes, obzwar verschwommenes, positives Charakteristikum - besteht in einer tiefen Verbundenheit zum OBJEKT der Liebe. Es erhellt aber hieraus: dass die Liebe zum Ding nicht gleichzusetzen sei mit derjenigen zum Lebewesen insofern, als das Ding Liebe nicht erwidern, ja überhaupt nicht zu haben (im weitesten Sinne) vermag. Liebe trifft nicht nur sein Objekt, vielmehr spiegelt sie sich darin und daran und wird reflektiert (man hüte sich vor dem Missverständnis, dies mit Erwiderung gleichzusetzen!). Allein dies ist nur bei Lebewesen möglich. Liebe ist ein Entwurf des entis-cogitantis-agentis** auf seine Möglichkeiten hin, das zu werden, was es sein will, d. i. ein Werden aus inneren Beweggründen, nämlich der unfreien Freiheit***, welche demselben, als in sein Sein geworfen, eignet.
Dies vom Ding zu behaupten, wäre völlig verfehlt. Das Ding kann sich nicht auf Möglichkeiten hin entwerfen, um das zu werden, was es sein will, da ihm solche abgehen. Weder ist es der Liebe, welche demselben entgegengebracht werden, zugänglich, noch kann es dieselbe ablehnen, weder kann es sich hingeben noch kann es sich verweigern.
Hingegen ist das Tier in der Lage, tatsächlich Objekt der Liebe zu sein insofern, als es der Liebe zugänglich ist, d. i. es kann sich hingeben oder verweigern. Überdem kann es die Liebe gar erwidern, allein es kann sie nicht aus sich selbst heraus zuerst zeugen, so demselben keine Freiheit eignet. Dieweil dem Menschen als ens-cogitans-agens** eine unfreie Freiheit*** eignet, ist das Tier wesentlich unfrei. Die Liebe, welche es seinen Jungen entgegenbringt, ist vorherbestimmt; diejenige, welche es einem Menschen entgegenbringt, ist lediglich eine erwiderte Liebe, so es sie nämlich durch den Menschen zuerst erfahren hat, d. i., der Mensch hat zuerst dem Tier die Liebe entgegengebracht, welche das Tier nun nicht einzig als Objekt spiegelt und reflektiert, sondern zugleich erwidert.
Was aber endlich nicht einzig Objekt bzw. erwiderndes Objekt der Liebe sein kann, sondern zugleich auch Liebender i. S. eines Subjektes, welches , als ens-cogitans-agens, ebenso wohl Liebe aus sich selbst heraus allererst zu zeugen vermag, ist der Mensch, wie er sich im ANDEREN darstellt. Einzig der Mensch vermag SUBJEKT und OBJEKT der Liebe zugleich zu sein, da demselben als einziger Entität, als in sein Sein geworfen, die unfreie Freiheit*** eignet, sich auf seine (individuellen) Möglichkeiten hin zu entwerfen, um das zu werden, was er sein will. Der Mensch ist gleichsam immer im WERDEN begriffen, so zwar, dass er nicht gewählt hat, zu werden, dabei aber doch nicht stets passiv bleibt.
Was aber ist diese tiefe Verbundenheit? Ich antworte: Sie ist eine KORRELATION aus KOGNITIONEN und EMOTIONEN, die sich in besonderer Weise dem Objekt zuwenden. Am stärksten findet dies statt, wie wir gesehen haben, zwischen zwei entibus-cogitantibus-agentibus**. Namentlich ist von Liebe zu sprechen, wenn (was, wie ich unumwunden zugestehe, ein idealisierter Fall ist - dafür befinden wir uns hier freilich in thesi, nicht in praxi) nicht egoistische Absichten der Befriedigung der eigenen Libido, sondern altruistische, d. i. dem Anderen zu geben, was er braucht, um glücklich zu sein, im Vordergrund stehen. Inwieweit dies tatsächlich statthatt, überdem in welchem Maße, muss freilich unausgemacht bleiben. Genauso wie in Kants Moralkonzeption ist hiebei der Unterschied zwischen thesi und praxi zu beachten. Wir können natürlich (im wörtlichen Sinne) nicht feststellen, inwiefern unsere Maximen unabhängig von Neigungen (persönlichen Präferenzen usf.), d. i. egoistisch motiviert sind, zumal dem Bewusstsein nur eine begrenzte Zahl der Entscheidungsprozesse überhaupt zugänglich ist.
 
*Eine HASS-LIEBE im wörtlichen Sinne kann es nicht geben; vielmehr handelt es sich hiebei um Liebe in einem leicht differenten Sinne: Die einander widerstreitenden KOGNITIONEN und EMOTIONEN tun dies in einem außergewöhnlich starken Sinne und sind dem Bewusstsein zugänglicher als für gewöhnlich.
 
**ens-cogitans-agens: ein Seiendes, das ist, indem es denkt und handelt

***unfreie Freiheit: Das ens-cogitans-agens, als in sein Sein geworfen, hat nicht gewählt, frei zu sein, d. i. es hat sich nicht auf seine individuellen Möglichkeiten hin entworfen, um das zu werden, was es sein will; vielmehr ist demselben Freiheit auferlegt, es ist, könnte man sagen, zur Freiheit verdammt.
Überdem kann es sich nur auf seine individuellen Möglichkeiten hin entwerfen, d. i. auf diejenigen, welche ihm, als in sein Sein geworfen, überhaupt gegeben sind. Somit lässt sich ohne Widerspruch sagen: Dem enti-cogitanti-agenti eignet eine unfreie Freiheit.

3 Kommentare

Kommentar von: Kodi [Besucher]
Zum Thema Liebe hätte ich etwas interessantes. Ein völlig neuer Ansatz. ,,Alles ist Liebe,, so abgedroschen es auch klingen mag.

Zitat: ,,Liebe = Geist + Harmonie + Information + Logik

Geist = Harmonie, Information ohne Logik
Harmonie = Information, Logik ohne Geist
Information = Harmonie ohne Geist ohne Logik
Logik = Harmonie und Information ohne Geist

Liebe = Logik + Information + Harmonie + Geist = Materie"

Quelle: http://www.alles-ist-liebe.info
28.06.12 @ 19:53
Kommentar von: 6363N [Besucher]
Schämt der Verfasser sich wenigstens für seinen schlechten Ausdruck?

Dass die im Titel gestellte Frage auch mit dem Schwurbelvokabular nicht beantwortet wird ist hoffentlich allen ersichtlich.
27.02.13 @ 09:51
Kommentar von: Anna Merian [Besucher]
Kleiner Korrektur: Das Verhalten des Menschen der mit vielen anderen sexuell verkehrt und auch falls möglicherweise Kinder gezeugt werden, ist kein Straftatbestand. Nur wenn Betrug (juristischer Begriff), das heißt ein
Vermögensdelikt vorliegt und auch nur unter bestimmten Unständen (sog. eiratsschwindler*innen) wäre es eine Strafttat
mfg
Anna
25.05.16 @ 11:07

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