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Zur Unmöglichkeit eines Solipsismus als Resultat eines radikalen Skeptizismus bezüglich der Außenwelt und des Fremdpsychischen

18.03.09 | von Markus Schroer [mail] | Kategorien: schroer

Was ist ein Gedanke? In den einsamen Stunden ist er alles, ist die ganze Welt ein Gedanke. Es ist aber nicht jeder Gedanke eine Welt. Alle Gedanken sind eine Welt, wenngleich nicht alle Gedanken ein Gedanke sind. Hieraus folgt ebenso wenig, dass die Welt aus Gedanken bestünde, oder gar die Gedanken aus Welten. Die Welt besteht aus Tatsachen, aus allem, was der Fall ist (siehe dazu Wittgenstein, »Tractatus logico-philosophicus«). Die Negation jeglicher Proposition ist bloß sprachlich. Es kann ausgedrückt werden, was nicht der Fall ist, weil wir Überzeugungen haben, die wir mittels der Sprache ausdrücken. Unsere Überzeugungen sind aber nicht unmittelbar, sondern bloß mittelbar mit der Welt korreliert. Darum sind wir uns darüber bewusst, dass die Welt unabhängig von unseren Überzeugungen besteht. Auf andere Weise sind Fehler nicht erklärbar. Die Möglichkeit des Fehlers bedeutet, dass wir uns in dem, von dem wir glauben, dass es der Fall sei, täuschen mögen. Es ist möglich, dass jede einzelne Überzeugung für sich genommen falsch ist. Unmöglich ist es indes, dass alle unsere Überzeugungen zusammen genommen falsch sind (siehe dazu Davidson, u. a. »Three Varieties of Knowledge«). Dies ist undenkbar, und was nicht denkbar ist, ist zugleich unmöglich. Es wird oftmalen der Fehler begangen, zu glauben, eine verworrene oder abstrakte, aber unklare Vorstellung sei etwas Denkbares (diesen Fehler hat auch Wittgenstein nicht gesehen). So haben wir einen abstrakten Begriff von Unendlichkeit, in der Mathematik sogar in zwiefacher, nämlich positiver wie negativer, Weise. Wir rechnen sogar auf gewisse, aber wiederum nur undeutliche, unklare Weise mit diesen Begriffen. Allein niemand vermag sich eine solche Unendlichkeit de facto vorzustellen. Unendlichkeit ist ein in sich widersprüchlicher Begriff, denn seine Vorstellung müsste bis zu seinem Ende verfolgt werden, um eine De-facto-Vorstellung zu erhalten, was per definitionem unmöglich ist. Solange eine solche Vorstellung indes nicht deutlich gemacht werden kann, solange nicht klar ist, was sie eigentlich darstellen, abbilden oder sagen solle, ist sie nicht etwas Denkbares, was den Schluss zuließe, ihr (wie immer definierter Inhalt) sei zugleich möglich. Alles, was wirklich ist, ist auch möglich, und was möglich ist, ist auch denkbar. Der Umkehrschluss gilt indes nicht. Nicht alles, was möglich ist, ist wirklich. Genauso wenig ist alles, was verworren oder unklar vorstellbar ist, auch möglich. Denn was unklar, undeutlich oder verworren ist, ist nicht oder wenigstens nicht vollständig denkbar. Es ist auch zwischen theoretischen und wirklichen Möglichkeiten zu unterscheiden. So wäre es zwar möglich, dass ich drei Augen hätte, allein es ist nicht möglich, dass ich drei Augen habe. Nur weil die Gedanken andere Vorstellungen zulassen – denn die Welt ist, wie gesagt, unabhängig von unseren Überzeugungen –, muss es nicht zugleich möglich sein, dass diese zutreffen. Ebendarum ist ein Solipsismus, als Resultat eines radikalen Skeptizismus bezüglich der Außenwelt sowie des Fremdpsychischen, unzulässig. Wer einen solchen Solipsismus behaupten will, muß zunächst, und sei es nur sich selbst, erklären, woher Gedanken kommen, die wiederum Sprache voraussetzen, um überhaupt zweifeln, fragen und denken zu können. Nun wäre es sicherlich denkbar, dass das solipsistische Ich sich eine Sprache, die es selbst versteht, schafft, und diese Eigenschaft, nämlich die Sprachbeherrschung, auch den Figuren seiner Umgebung zuschreibt. Es ist aber undenkbar, weil absurd, Sprachen zu erschaffen, die andere zwar sprechen und verstehen können, dem solipsistischen Ich jedoch zugleich unzugänglich sein sollten. Sprachen sind Systeme, mittels derer Überzeugungen ausgedrückt werden können. Wer aber jemandem Sprache zuschreibt, muss ihm zugleich Überzeugungen zuschreiben. Und diese Überzeugungen müssen systematisch sein, denn ansonsten wäre die Zuschreibung von Sprache, als System, bar jeden Sinnes. Triangulation (vgl. Davidson, u. a. »The Emergence of Thought«, »Three Varieties of Knowledge« und »What Thought Requires«), Sprache und Gedanken sowie Kommunikation bedingen einander. Gibt es diese nicht, kann das solipsistische Ich auch nicht denken – was undenkbar ist, denn es ist überhaupt nicht intelligibel.

4 Kommentare

Kommentar von: wf [Besucher] E-Mail · http://oxnzeam.de
Planende Gedanken setzen Sprache nicht voraus, wie uns der Affe beweist, der allmorgens Steine sammelt und vor dem Wärter versteckt, um mittags gezielt Zoobesucher damit zu bewerfen. Wittgenstein hat ja selbst erkannt, dass mit Sprache phänomenologische Intentionalitäten nicht hinreichend erklärt bzw. beschrieben werden können.

"Sprachen sind Systeme, mittels derer Überzeugungen ausgedrückt werden können. Wer aber jemandem Sprache zuschreibt, muss ihm zugleich Überzeugungen zuschreiben."
Die zweite Behauptung ist keine zwingende Folgerung aus der ersten Feststellung - zumal in rein analytisch-linguistischen Konzeptionen kognitive Prozesse ohne Überzeugungen vorstellbar sind.

"Sprache und Gedanken sowie Kommunikation bedingen einander."
Überhaupt nicht. Kommunikation ist die Grundvoraussetzung für alle Arten von biologischen und chemischen selbstorganisierenden Systemen und jeder Art von Emergenz (Davidsons Emergenzvorstellung der Gedanken scheint sich nicht auf ein naturalistisches Prinzip neuronaler Organisation zu beziehen - kenn ich aber ehrlich gesagt nur aus Sekundärliterur)
Deiner Überschrift stimme ich im Wesentlichen zu, weil ein radikaler Skeptizismus, ob in Form von Sprache, Bildern oder Empfindungen als vernetztes Bewusstseinscluster realisiert, jedenfalls eine konkrete Vorstellung (auch als Negierung) der Aussenwelt/ des Fremdpsychischen voraussetzt und somit auf eine extentionale kommunikative Beziehung gründet, die den Solipsismus aushebelt.
20.03.09 @ 01:15
Kommentar von: Markus Schroer [Mitglied] E-Mail
Je nun, meiner Auffassung nach setzt Sprache wiederum Intentionalität voraus. Nur wer Geräusche mit Intentionen verbindet, benutzt Sprache. Kleinkinder, die zwischen ihrem Gebrabbel zufällig etwas hervorbringen, was wie ein Wort klingt, benutzen sicherlich keine Sprache – sie machen keine intentionale Äußerung, sie benutzen Laute nicht als Worte, als etwas, womit eine Intention zur Manipulation der Außenwelt verbunden wäre.
Wer wiederum Worte (nicht: Wörter!) verwendet, also eine Intention damit zum Ausdruck bringt bzw. damit verbindet, muss eine Überzeugung bzw. mehrere Überzeugungen haben, dass etwas der Fall sei, sich so und so verhalte, um es auf irgendeine Weise manipulieren zu können oder überhaupt erst manipulieren können zu wollen.
Ich bezweifle keineswegs, dass kognitive Prozesse ohne Überzeugungen möglich sind, ganz im Gegenteil. Was mir indes nicht intelligibel scheint, ist, sich Sprache ohne Überzeugungen vorzustellen.
Kognitive Prozesse sind nicht zwangsläufig Gedanken. Gedanken benötigen Sprache. Das ist es, was ich aussagen wollte. Freilich kann der Affe etwas planen und durchführen; er hat aber keine Überzeugungen in unserem Sinne (siehe dazu Michael Tomasello, u. a. »The Cultural Origins of Human Cognition«).

Mit »Sprache und Gedanken sowie Kommunikation bedingen einander« habe ich mich, das gestehe ich, missverständlich ausgedrückt. Ich bezog mich damit auf die Art der zwischenmenschlichen Kommunikation, so zwar, dass Sprache (freilich nicht einzig im verbalen Sinne) dem Bedarf genügt, komplexe und detaillierte Informationen weiterzugeben, zu empfangen und auszutauschen. Kommunikation funktioniert natürlich auf vielen anderen Ebenen oder Dimensionen, wobei das Verbale gerade einmal einen Anteil von 1/10 hat. Nichtsdestoweniger wird die Kommunikation als solche durch die Spracherweiterung wesentlich komplexer und flexibler, detailreicher und, was die Übermittlung anlangt, zugleich einfacher bzw. in einigen Fällen überhaupt erst möglich.

Bezüglich des Davidson’schon Emergenzprinzips werde ich noch weitere Essays neueren Datums heranziehen müssen. Seine Aufsätze aus den Achtzigern und Neunzigern lassen jedenfalls den Schluss zu, dass Du mit Deiner Äußerung darüber recht hast.
20.03.09 @ 12:47
Kommentar von: Jörg Friedrich [Besucher] E-Mail · http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/
Hallo,

Davidsons Prinzip der wohlwollenden Interpretation hat m.E. eine entscheidende Schwäche, nämlich die, dass er annehmen muss, dass die Rationalität, die der Interpret beim anderen vorraussetzt, auch ähnlich der eigenen strukturiert ist: Eine sehr gewagte Annahme, die nur notwendig ist, weil Davidson wie auch seine Lehrer (Quine und andere sprachanalytische Philosophen), den Handlungsaspekt der Kommunikation völlig vernachlässigen. Sprache begleitet Handlungen, die intentional sind: Wenn man das berücksichtigt, braucht man m.E. das ganze Prinzip der wohlwollenden Interpretation nicht mehr. Ich habe das einmal in meinem Blog unter http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2008/03/22/mit-heidegger-uber-davidson-hinaus/ und (etwas populär-philosophisch) in meinem Podcast unter http://de.sevenload.com/sendungen/Philosophische-Podcasts/folgen/4TijtpS-Donald-Davidson-Drei-Spielarten-des-Wissens darzustellen versucht.
06.04.09 @ 09:43
Wir sind die Basis einer Pyramide! Wir sorgen als Produzenten, Konsumenten, als Kunden und Patienten, als Klienten und als potentielle Delinquenten, für den sich beschleunigenden Strom der Waren, Finanzen und Daten, im Stoffwechsel eines 'pyramidalen' Organismus. Nachdem wir das Ertragsnutzenkalkül eines besinnungslosen Fortschritts im Wachstum verinnerlicht haben, empfinden wir den Raub der Selbstbestimmung und Identität nicht mehr als Verlust. Auf die atomare Einheit der Existenz reduziert, reihen wir uns ein, in die weltweiten Ströme der dynamischen Massen. Dabei steht die Isolation im Nahfeld der Beziehungen, in einem krassen Gegensatz zur Identifikation mit einem globalen Bewußtsein. Über die Instrumentalisierung religiöser Bedürfnisse, werden die Menschen zur Opferung der eigenen Identität gerufen, und zum Dienst für einen allumfassenden Welt-Ethos vorbereitet Wer sich nicht von Verschwörungstheorien verwirren lassen will, dem hebt sich mit „Das pyramidale Prinzip 2.0“ von Franz Sternbald der Schleier, und gewährt dem Leser einen unverstellten Blick auf das Wesen des Willens zur Macht! Gleichzeitig ist es ein leidenschaftliches Plädoyer für einen aufgeklärten Glauben, der sich, nach Kierkegaard, auch dem fundamentalen Zweifel stellen muß, sowie die Rettung der Würde des Individuums, gegen die kollektive Vereinnahmung, und seiner Zurichtung für die Zwecke eines globalen Marktes. Hier wird der Versuch unternommen, das Bewußtsein von einem Erlösungsbedürfnis aus der ‚Selbstentzweiung’ des Willens in der Natur zu erklären, und die Selbstentfremdung des Menschen aus seiner ‚Seinsvergessenheit’. Dem überzeugten Christen verschafft die Beschäftigung mit der Analyse des Willens zur Macht von Schopenhauer, über Nietzsche bis Heidegger, ein freieres Auge. Deren Aktualität steht nicht im Widerspruch zu einer christlichen Deutung der Weltgeschichte, sondern liefert vielmehr deren Bestätigung. L.G. Sternbald
11.01.17 @ 12:07

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Markus Schroer, Student der Philosophie und Geschichtswissenschaft. Wissenschaftliche Interessenschwerpunkte in der Philosophie: •Erkenntnistheorie •Sprachphilosophie •Philosophie des Geistes •Wissenschaftstheorie •Logik und Argumentationstheorie •Kant •theoretische Ethik Wissenschaftliche Interessenschwerpunkte in der Geschichtswissenschaft: •griechisch-römische Antike •1. und 2. Weltkrieg •Nationalsozialismus •Gesellschaft und Militärwesen
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