Das Qualia-Problem durch die Literatur-Brille betrachtet

von Sigrun Hopfensperger E-Mail

Blassblau und zitronensauer ...

Eine kleine Hommage an das Lesen

Dem Unkenruf, das Lesen sei inzwischen aus der Mode gekommen, mag ich keinen Glauben schenken, zu viele kenne ich, die liebend gerne lesen, ich inbegriffen. Doch was macht den Reiz des Lesens aus? Was verpasst derjenige, der vehement an Büchern vorbeigeht, ohne auch nur einen Blick hineinzuwerfen? Wenn ich es mal so sagen darf: Er verpasst das Wichtigste, das ein Mensch haben kann, seine schöpferische Vielfalt! Sind die modernen Medien da nicht viel weiter entwickelt als jedes Buch? Ist Fernsehen nicht ein multifunktionales Medium, das alle Wahrnehmungskanäle anspricht? Ist der Computer nicht viel besser geeignet, sich auf die schnellste Art und Weise Informationen zu besorgen? Ist es da nicht viel zu antiquiert und zeitaufwendig zu lesen? Ja, Lesen ist antiquiert, wenn man bedenkt, wie lange man schon Bücher kennt oder gar Sammlungen von Schriften. Ja, Lesen ist auch zeitaufwendig, denn selbst bei einem sehr schnellen und fortschrittlichen Lesetempo benötigt man doch eine gewisse Zeit, bis man ca. dreihundert Seiten wahrgenommen hat. Ja, Computer bilden die größte und schnellste Informations- und Kommunikationsbörse der Welt. Ja, Fernsehen ist ein multifunktionales Medium. Wissen wird hier visuell und auditiv aufbereitet und uns so zugänglicher gemacht. Und dennoch kann uns kein Computer, kein Fernsehen, eben nichts auf der Welt vermitteln, was ein Buch zu vermitteln vermag: Imagination! Ein Autor beschreibt einen "blassblauen" Himmel, nicht ganz verhüllt von einem Wolkenschleier. Oder er benennt etwas als "zitronensauer"......
Wie sieht "blassblau" aus? Wenn ich aus dem Farbkasten ein "Dunkelblau" nehme und weiße Deckfarbe hinzumische, wie viel muss ich beigeben, bis mein "Blassblau" entsteht? Und wie schmeckt "zitronensauer“? Schmeckt es wieder ein Biss in eine frisch geschälte und gestückelte Zitrone, wie ein Schluck aus einer kleinen Flasche Zitronenkonzentrat oder gar wie ein erfrischendes Sorbet? Wie schmeckt mein "Zitronensauer“? Der Autor macht die Vorgabe, aber das Aussehen, Fühlen, Schmecken, Klingen, das mache ich. In einem Film sehe ich das "Blassblau" des Regisseurs, muss akzeptieren, was er mir anbietet, auch wenn ich vielleicht eine Nuance mehr Deckweiß genommen hätte. Im Buch mische ich mir meine Farben selbst, schmecke nach meinem Geschmack und höre meine Töne. Nicht deine Vorstellungen und auch nicht seine, sondern meine! Der Autor baut eine kunstvolle Backform, von mehr oder weniger guter Qualität, in verschiedenen Mustern und Ausführungen. Aber ich bin es, die den Teig hineingibt und und letzten Endes einen Kuchen daraus backt. Wie der Kuchen schmecken wird, das hängt von meiner Rezeptur ab, nicht von der Backform. Der Autor schreibt sein Buch nach seinen Imaginationen. Wenn ich es lese, wird es zu meinem Buch, denn das, was ich dabei empfinde, kann er zwar in etwa planen, aber niemals bestimmen! Lesen weckt den Schöpfer in mir und verleiht mir Flügel, über alle Grenzen hinauszufliegen. Der Film zeigt mir nur eine Vision des Fliegens. Lesend jedoch steige ich in mein eigenes Flugzeug und hebe mich hinauf in die Lüfte der Fantasie ...

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