Das mentale Quartett und der Funktionalismus
Von Westerkamp am Dez 19, 2008 | In Westerkamp | 6 Feedbacks »
Jeder kennt sie, die berühmten Quartette der Geschichte – die Beatles, die vier Musketiere, die vier Elemente … Doch heute möchte ich in meinem ersten Blogeintrag mein Lieblingsquartett vorstellen, das mentale Quartett.
Die philosophische Heimat dieser Truppe ist die Philosophie des Geistes. Hier haben sich Denker wie Descartes, Spinoza und Locke schon seit Jahrhunderten damit be-schäftigt, wie der menschliche Geist funktioniert. Ganz besonders mit dem so genannten Körper-Geist-Problem: Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Geist und Körper? Wie entstehen Emotionen und wie wirken sie wieder-um auf den Körper? Im 20.Jahrhundert kam einigen Philosophen ein neuer Gedanke, der zur Formierung des Quartetts führte: Ist der Mensch das einzige Wesen mit einem Geist?
Nunja, dazu muss man sich fragen was es bedeutet einen Geist zu haben. Eine übliche Definition ist die, zu sagen, dass Wesen mit Geist zu mentalen Zuständen fähig sind. Das heißt, sie können Gedanken und Emotionen empfinden. Nun, bei Menschen kann man sich da ziemlich sicher sein – solange man keine Qualitätsansprüche stellt. Aber gibt es nicht vielleicht noch andere Wesen, die das können? Genau diese Wesen, denen man mentale Zustände zugesteht, bilden das mentale Quartett: Menschen, Tiere, Aliens und Roboter/Computer. Was in dieser Überlegung steckt, wird an einem Beispiel am besten deutlich. Gehen wir davon aus wir haben für jeden der vier Kollegen von oben eine Kiste, in der etwas Schönes steckt: Eine Schokolade für den Menschen, ein Leckerli für das Tier, ein köstliches Stück Menschenhirn für das Alien und etwas schmieriges Öl für die Robot-Scharniere. Nun gestehen wir Menschen und Tieren sicherlich die mentalen Zustände zu Gewissheit zu besitzen und Vorfreude zu empfinden – Gewissheit, dass etwas in der Kiste ist und Vorfreude darauf. Wobei Vorfreude beim Roboter vieleicht nur bedeutet, das erdas Ö für seine Funktion as notwendig weiß. Heutige Computer sind da vielleicht noch etwas schwerfällig, aber jeder der Asimovs Roboter oder C-3PO aus Star Wars kennt, kann sich diese Empfindungen bei ihnen theoretisch vorstellen, dasselbe gilt für Aliens – wir kennen keine, aber Ripley aus Ridley Scotts Alien kann sicher bestätigen, das sie sich auf Hirn freuen…. Und jetzt wird es richtig spannend: Wie verhalten sich die vier? Jeder wahrscheinlich ziemlich ähnlich: alle versuchen die Kiste zu knacken, außerdem bereiten sich ihre Körper vor. Mensch und Tier läuft das Wasser im Mund zusammen, der Alien speichelt seine Kauwerkzeuge ein, der Roboter lässt die Selbstdiagnose laufen, wo er Öl braucht. Also führen die mentalen Zustände bei ihnen Allen zu prinzipiell gleichem Verhalten. Man könnte sagen die Zustände Gewissheit und Vorfreude erfüllen bei jedem der vier die gleiche Funktion, sie motivieren ein bestimmtes Verhalten.
Diese Überlegung erscheint auf den ersten Blick trivial, ist es jedoch keineswegs, bedenkt man einen ganz wichtigen Punkt: Bei jedem der vier funktioniert physiologisch gesehen doch alles anders! Der Roboter hat Schaltkreise; der Mensch ein komplexes, Tiere ein einfaches Gehirn; Aliens einen Hyper-Membran-Cortex oder was auch immer. Trotzdem empfinden sie dasselbe und diese Empfindung führt zu ähnlichem Verhalten, besitzt dieselbe Funktion bei jedem von ihnen. So scheint es doch letztlich völlig egal zu sein, wie mentale Zustände in einem physiologisch entstehen, um ihre Bedeutung für das praktische Leben zu bestimmen. Und dies löst das Körper-Geist-Problem auf ganz neue Art, einfach indem es dieses Problem quasi wegdiskutiert. Der menschliche Geist wird auf seine pure Funktion reduziert. Diese Abkehr von der klassischen Untersuchung der Umsetzung mentaler Zustände im Geist, wie sie Descartes zum Beispiel betrieb, hin zur Reduktion auf die Funktion dieser geistigen Zustände, die verschieden realisiert werden, ist die Grundlage der Position des Funktionalismus in der Philosophie des Geistes.
6 Kommentare
PS: Bringt uns das oben dargestellte Beispiel vom Alien weiter? Ist dies wirklich eine vierte Position, oder nur eine Mischung aus Tier und Mensch? (Diese Kritik richtet sich auch an alle hier lesenden SiFi-Autoren. Philosophisch sind Tier-Mensch-Mixe ziemlich langweilig.)
Das "Körper-Geist Problem" kann man zwar nicht "quasi wegdiskutieren", es genügt aber darauf hinzuweisen, dass es "herbeidiskutiert" worden ist.
Terry Pratchett beschäftigt sich mit diesem Thema gelegentlich in Form der Figur des Bibliothekaren beispielsweise.
Und, ja, das Alien ist eine vierte Position. ;--)
"Ist der Mensch das einzige Leben mit Geist?", "Was ist Bewusstsein?", "Gibt es einen freien Willen?", all das sind fragen die man mit einem funktionalen Ansatz lässig abhandeln kann.
Gerade zur Weichnachtszeit.
Ich bin auch fest der Überzeugung, dass es ein arroganter Irrtum ist, zu denken, der Mensch sei mit seinen mentalen Fähigkeiten zwingend einzigartig.
Terry Pratchett Bibliothekar war mir in diesem Sinne noch gar nicht eingefallen, finde ich aber ein tolles Beispiel - dass Terry Pratchett ein echter Philosoph ist, wusste ich natürlich schon immer!
Was die noch offenen Fragen angeht:Wenn man den funktionalistischen Ansatz durchzieht, sind diese Fragen sicherlich alle zu beantworten, aber ich finde es ist eine große Frage, ob man das wirklich möchte - irgendwie möchte ich doch mehr sein als eine mentale Maschine...
Dieses Blog hat aber meine Zuneigung, nur einmal, als ich davon las, dass das grundsätzliche Undenkbare möglich ist, wurde ich hellhörig, ansonsten alles verständlich, interessant und manchmal auch amüsant.
Pratchett ist m.E. eine der grössten heutigen Philosophen, u.a. sein konzeptionelles (philosophisches) Wissen macht seine Bücher zur Pflichtlektüre. Lustig ist der alte Bursche auch.
Sehr erfrischend hier, in anderen philosophischen Inhaltsangeboten finden sich dagegen leider oft Trauerspiele.
Und, ho ho ho, schöne Weihnachtstage!
Ich wünsche auch schon mal frohe Festtage!
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