Mit Hand & Kant
Von Westerkamp am Jan 7, 2009 | In Westerkamp | 6 Feedbacks »
Kant ist heute wahrscheinlich einer der bekanntesten Philosophen - würde er noch Leben, wäre er sicher jede Woche in einer neuen Talkshow. Zu seinen Lebzeiten hatte er diesen Promistatus die meiste Zeit nicht, erst mit der "Kritik der reinen Vernunft" hatte er seinen Durchbruch, der zugleich ein Durchbruch in der Geschichte der Philosophie sein sollte. Der "vorkritische Kant" war noch in der Philosophie seiner Zeit verhaftet und wird daher heute selten gelesen. Um diesen anderen Kant ein nachträgliches Weihnachtsgeschenk zu machen, werde ich in diesem Eintrag sein Argument für den absoluten Raum rekonstruieren!
Kant beginnt wunderschön damit, dass er eine alltägliche Beobachtung heranzieht: Immer und überall sehen wir, das natürlich gewachsene Dinge eine Ausrichtung nach Rechts oder Links besitzen, Kant nennt dies "Drehsinn". Schneckenhäuser, Haaransätze und andere Dinge sind immer nach Rechts gedreht. Das beste Beispiel hat jeder von uns gleich zweimal vor Augen - unsere Hände, pro Kopf je eine rechte und linke. Der Hammer bei den Händen ist jedoch das sie sogar "inkongruente Gegenstücke" sind. Dies bedeutet, dass zwei Hände in allen ihren Eigenschaften exakt gleich sind, jedoch spiegelverkehrt und dadurch nie deckungsleich. Das kann man sich bildlich ganz leicht vorstellen: Ein linker Handschuhe und ein rechter Handschuh sind identisch, können jedoch nie übereinander gezogen werden. Für die bei -25°C angebrachte Zwiebeltechnik braucht auch ein einhändiger Zwei Paare...
Eine linke und eine rechte Hand lässt sich erst dadurch als links oder rechts definieren, dass man sie mit anderen Dingen in Relation setzt - links ist bekanntlich da, wo der Daumen rechts ist!
Was hat dies mit dem Raum zu tun? Dazu zieht Kant ein Gedankenexperiment heran: Man stelle sich vor, Gott schaffe nur ein Ding, nämlich eine menschliche Hand. Diese Hand schwebt im komplett leeren Raum. Da nichts anderes im Raum ist, kann sie nicht relational als rechts oder links bestimmt werden. Nun, wenn Gott jetzt einen Menschen ohne Hände schüfe, wohin passte die Hand? Sie müsste als weder linke noch rechte Hand an beide Seiten passen. Dies ist jedoch unmöglich sagt Kant. Einzige Lösung: Der Raum ist nicht unendlich und damit alle Stellungen im Raum nur relational, sondern es gibt einen klar definierten, absoluten Raum. Dann gibt es nämlich auch feste Koordinaten, anhand derer die Hand definiert werden kann. Voila!
Dieses Argument ist ein wunderbares Beispiel für Schüler, wie mit Gedankenexperimenten argumentiert werden kann, und auch ein schönes Argument. Nur leider falsch. Im entscheidenden Moment begeht Kant einen Fehler. Natürlich kann die Hand im leeren Raum nicht definiert werden, aber dies ist kein Problem: Sobald Gott einen Menschen schafft, ist etwas anderes im Raum, anhand dessen die Hand definiert werden kann. Links ist da, wo usw.... Der große Kant begeht also den einfachen Fehler, die Situation im Gedankenexperiment zu verändern, ohne an alle Folgen zu denken. Später hat Kant diese Argumentation nie wieder erwähnt, und den Raum völlig anders definiert (als Medium unserer Wahrnehmung der Welt). Aber ich finde das Argument ist einfach schön - und zeigt das auch große Philosophen sich mal irren. Dies sollte jeden ermutigen, einfach mal loszulegen!
PS: Händigkeit ist heute tatsächlich in der Physik und Raumphilosophie wieder ein Thema. Wer sich dafür interressiert, dem empfehle ich den interresanten Text von Prof. Holger Lyre unter http://www.lyre.de/kanthand.pdf , in dessen Seminar ich auch auf Kants Text gestoßen bin!
6 Kommentare
@ Kategorischer Imperativ: Als Nietzsche-Fan bin ich ohnehin Anhänger eines konsequenten Individualismus. Dieser muss natürlich moralisch bleiben, diese Moral wiederum sollte jedoch indivudalistisch definiert werden. Sich dabei dem Druck auszusetzen, eine allgemeingültige Moral zu verfassen, finde ich völlig widersinnig. Platt gesagt: Ich bin ich, die andern sind die andern, und was ich für richtig halte ist meine Sache.
@ Antaeus: Erstmal hallo hier, ich werde heute auch noch bei dir kommentieren! Ich finde Lyres Aufsatz auch super, und ich finde er ist gerade deswegen gut, weil er es ermöglicht, zur naturwissenschaftlichen Seite der Philosophie zugang zu finden, auch wenn man da recht unbeleckt ist.
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