Pilot oder Passagier?
Von Westerkamp am Feb 25, 2009 | In Westerkamp | 1 Feedback »
Fühlt sich der verehrte Leser als Pilot oder Passagier? Falls jetzt die Frage kommen sollte "In Welchen Gefährt?" so ist die Antwort: in sich selbst. Ist der Mensch ein bewusster Pilot seines Körpers und seines Lebens, oder ist er nur ein Passagier?
Um des Einstieges Willen war das jetzt vielleicht etwas verwirrend, deswegen jetzt hier die genauere Erläuterung. Jeder von uns hat ein Bewusstsein (vergessen wir einmal philosophische Zombis und das generelle Fremd-Psyche Problem), die Frage dabei ist, spielt dieses Bewusstsein eine Rolle?
Im Alltag hat man in der Regel das Gefühl, dass Bewusstsein säße im Kopf wie in einer Pilotenkanzel in einem Flugzeug. Es hat mit unseren Sinnesorganen jede Menge Instrumentenanzeigen, nach denen es navigiert. Mit dem Lenkrad und vielen Knöpfen steuern wir unseren Körper durch die Welt.
Dieses Gefühl jedoch täuscht uns vielleicht. Empirische Untersuchungen des Gehirns zeigen verschiedene Abweichungen von dieser Wahrnehmung. So zeigte Benjamin Libet,das viele Handlungen schon ohne unser Wissen von unserem Körper vorbereitet werden: Konkret heißt das, während ich tippe, ist mein Finger schon für eine Bewegung bereit, bevor ich mich entscheide, eine Taste zu drücken. Letztlich liegt die Entscheidung hier jedoch noch bei mir - scheinbar zumindest. Andere Untersuchungen zeigen jedoch, dass viele Handlungen völlig automatisch ablaufen. So scheinen einige Blinde über eine unbewußte Wahrnehmung zu verfügen, dass "Blindsight". Diese führt zu Handlungen - z.B. dem Ausweichen von Hindernissen - die völlig unbewußt ablaufen. Das Bewusstsein wird quasi in diesem Moment zum Piloten im gesteuerten Körper.
Dies ist natürlich eine Ausnahme, doch zeigt sie nicht vielleicht die verborgene Regel? Es ist theoretisch denkbar, dass unser Bewusstsein mit dem Piloten-Gefühl eine reine Illusion ist. Unser Körper könnte vom Gehirn nur rein physiologisch gesteuert werden, unser Bewusstsein dabei lediglich Zuschauer sein. Unsere vegetativen Funktionen - Herzschlag etc. - laufen ohnehin unbewusst ab, nach ähnlichem Prinzip könnte auch das ablaufen, was wir "bewußtes Handeln" nennen. Wie ein Autopilot steuert das Gehirn unseren Körper, und unser Bewusstsein denkt nur, es steuert ihn. Wie Maggie in der Simpson-Vorschau spielen wir am Lenkrad rum, aber es hat eigentlich keine Bedeutung. Wir sind nur Passagiere!
Warum sollte es so sein? Im Prinzip spricht nichts dagegen. Andere Wesen funktionieren ganz ohne Bewusstsein, so rechtfertigen wir, Tiere zu verspeisen. Warum sollten wir also ein kausal relevantes Bewusstsein benötigen? Dass wir dennoch ein für unsere Handlungen irrelevantes Bewusstsein besitzen, könnte entweder ein völlig bedeutungsloser Nebeneffekt der physischen Hirnprozesse sein, oder besitzt irgendwelche biologisch-evolutionären Vorteile, z.B. für die Funktion des Gehirns.
Die empirische Antwort darauf wird aus meiner Sicht mit weiterem Fortschritt der Hirnforschung erfolgen, wenn die sich andeutenden Einschränkungen der Bedeutung des Bewusstseins fortsetzen oder sie wiederlegt werden. Die philosophische Antwort kann jeder für sich selbst suchen: Wie würden wir uns als Passagier statt Pilot fühlen? Ich persönlich habe kein Problem damit. Auch wenn unser Bewusstsein keine kausale Relevanz hat, und unser Gehirn und rein physiologisch steuert, kommt alles doch aus uns selbst heraus. Meine Nervenbahnen etc. sind ein Teil von mir, aufgrund ihrer physischen Natur vielleicht sogar mehr als es ein immaterielles, metaphysisches Bewusstsein wäre, dass irgendwo herumschwebt. Hauptsache, ich bin selbt bestimmt - egal ob bewusst oder unbewusst.
1 Kommentar
Sehr erfrischend Ihr Beitrag und zwar in zweifacher Hinsicht. Erstens kommt Ihr "Egalsein" der Rolle gegenüber als echt "rüber", und zweitens scheint mir diese Ihre Ansicht für einen Philosophen bedeutungsschwer. Bedeutungsschwer positiv natürlich;
Ich nenne es für mich positiven Fatalismus. (Was bleibt uns auch anderes übrig, aber das natürlich nur am Rande).
Danke im übrigen für die Blumen, das Antike betreffend. Es ist die Freiheit der älteren Jahre sich naiv und unschuldig an den Worten anderer erfreuen zu dürfen.
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