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Obwohl die Nature-Nurturte Debatte immer wieder im akademischen Kontext diskutiert wird, scheint das Thema an deutschen Universitäten eher einer Rhetorik-Übung gleichzukommen. Welche Eigenschaften einer Person sind intrinsisch oder biologisch vorgegeben? Welche werden extrinsisch durch kulturelle Einflüsse bestimmt? Der Kerl in der Ecke mit den fettigen blonden Dreadlocks meldet sich und macht eindeutig klar: Anstelle des propagierten Meinungs-Pluralismus gibt es in den Sozialwissenschaften unterschiedliche Tendenzen einer dogmatischen Position: Alles was nach Sozial-Darwinismus aussieht ist Sozial-Darwinismus und der ist bekanntlich nicht nur falsch, sondern auch gemein und böse.
Wir stellen also fest: Der Mensch macht den Menschen. Leider scheint diese wissenschaftliche Erkenntnis, sofern sie denn eine ist, keinen Eingang in die Bildungspraxis gefunden zu haben. Der UN-Sonderberichterstatter Vernor Muñoz Villalobos hielt uns bereits den Spiegel vor: Chancenungleichheit im Bildungssystem. Es gibt eine systematische Benachteiligung sozial Schwacher: Wir kippen alle humanistischen Bildungsideale über Bord und die Ausländer-Kinder mit dem Badewasser noch dazu.
Gleichzeitig stellen amerikanische Universitäten ihre Lehrmittel kostenfrei online zur Verfügung. Allen voran die Massachusetts Institute of Technology (MIT). Der Gedanke: Wenn du verstehst was du hier siehst, hast du das Recht diese Informationen zu erhalten. Diese Universitäten fühlen eine Verpflichtung den Menschen gegenüber, die die intellektuellen Kapazitäten haben sich mit dem Stoff auf MIT-Niveau auseinander zu setzten. Vielleicht zeigt sich hier meine romantische Seite aber – klingt das nicht viel mehr nach Bildung im Humboldschen Sinne?
Während hier gestritten wird ob man Kinder nun mit mehr Strenge begegnen soll, weil sie angeblich immer undisziplinierter werden, erklärt Harvard Professor Stephen Pinker, dass Erziehung eigentlich sinnlos ist. Dabei wird er nicht einmal mit faulem Obst beworfen. Wäre seine Meinung die Position der hiesigen Sozialwissenschaftler, könnte ich verstehen, weshalb wir einen Großteil der deutschen Bevölkerung intellektuell verwahrlosen lassen. So allerdings, ist das alles irgendwie absurd.
Wem meine bisherige Beschreibung der Situation nicht schon polemisch genug daherkommt, den muss ich nun leider enttäuschen. Ich werde nun nicht erklären wieso der liebe Herr Professor auf seinem Harvard-Thron recht hat, während wir in Ignoranz dahin dümpeln. Ich will viel lieber eines seiner schönsten Argumente zerpflücken.
Pinker bezieht sich in seinen Ausführungen zu dieser Position gerne auf Magnetresonanztomographische Zwillingsstudien (von Paul Thomson). Im Prinzip, werden hier lediglich bildgebende Verfahren verwendet um bestimmte Anatomische Strukturen des Gehirns, genauer die dicke der grauen Substanz der Hirnrinde, zwischen Menschen zu vergleichen. Es werden also „Korrelationskarten“ angelegt, bei der eine Farbskala die relative Ähnlichkeit der kortikalen Struktur zwischen zwei Personen angibt. Die Gehirne zweier Menschen, die nicht miteinander verwand sind haben keine signifikante Ähnlichkeit, also an keiner Stelle der Hirnrinde haben diese beiden Menschen eine gleich dicke graue Substanz. Beide Gehirne werden lila wiedergegeben (Die Farbskala wird arbiträr festgelegt). Bei Geschwistern gibt es Regionen, die sich ähneln und daher einen entsprechenden Farbwert zugeordnet bekommen. Maximale Ähnlichkeit, also absolute Übereinstimmung der Rindendicke an einer bestimmten Stelle wird durch eine rote Farbe angegeben. Bei Zwillingen, also Menschen die ihre Gesamte DNA gemeinsam haben, stimmen sehr große Bereiche des Cortex überein, man sieht also viel rot.
Pinker argumentiert, dass diese Korrelationen notwendige Ähnlichkeiten im Wahrnehmen und Handeln der Menschen signifizieren. Ähnlichkeiten in der kortikalen Anatomie bedeuten Ähnlichkeiten im Denken. Daraus ließe sich ableiten, dass nicht die Erziehung ursächlich für die Entwicklung einer Persönlichkeit ist, sondern hauptsächlich die Gene. Jeder, der sich der naturwissenschaftlichen Methode verpflichtet fühlt mag nun denken: Nun ja, gegen empirische Daten lässt sich nicht antheoretisieren.
Pinker hat hier aber eine Bringschuld. Er kann den Zusammenhang zwischen Dicke der grauen Substanz und mentalen Eigenschaften nicht nachweisen. Es wäre möglich, dass die verglichenen Werte gänzlich uninteressant sind für die Erklärung von Wahrnehmung und Verhalten. Vielleicht ist diese anatomische Eigenschaft genauso relevant wie das Muster auf den Fingerkuppen für die Greifleistung der Hand. Es ist schon gut, dass es ein Muster gibt, aber welches ist egal. Die versteckte Prämisse, dass makroskopische Hirnanatomische Eigenschaften mit mentalen Eigenschaften einer Person korrelieren, lässt sich durch diese Daten nicht stützen. Das heißt, Pinkers Argument steht ungestützt im Raum. Er hätte auch die schönen bunten Bildchen weglassen können.
Und was ist die Moral von der Geschichte? Zum einen, haben wir keine gemeinsame Basis für eine sinnvolle Nature-Nurture Diskussion. Die Dichotomie ist so komplett, dass Nature-Leute den Menschen von Anfang an nur als biologisches Produkt sehen. Auf der anderen Seite fühlen sich Nurture-Leute nur bei der kleinsten Andeutung, dass beispielsweise Intelligenz biologisch bestimmt sein könnte beleidigt. Was noch viel schlimmer ist, Sie werfen hier Sozial-Darwinismus, Rassismus oder Sexismus vor. das heißt, Wissenschaft wird zum politischen Schlachtfeld. Außerdem ist es wissenschaftstheoretisch überlegenswert, dass die Bildungspraxis von jedem wissenschaftlichen Erkenntnisvermögen entkoppelt scheint. Welchen Sinn hat es dann überhaupt diese Diskussion zu führen?