Öffentliches Lese- und Lerntagebuch ;-)
« Blog-Parade: Was ist der Mensch?Nature vs. Nurture: Wissenschaftstheoretische Überlegungen »

Schreiben auf Deutsch: Geburtsstätte guter Ideen

08.03.09

Permalink 03:07:12, Kategorien: xenia

Schreiben auf Deutsch: Geburtsstätte guter Ideen

Deutsch: Die Sprache der Dichter und Denker. War einmal? Irgentwie schon. Heute kommuniziert der moderne Mensch, in der Informationsgesellschaft angekommen, auf Englisch. Nicht nur der Alltag gibt einiges her an Pseudoanglizismen wie „Handy“ oder „abchecken“. Auch im akademischen Diskurs finden viele Ausdrücke keine Entsprechung im Deutschen: Sogar hier spricht man Denglisch.

Und will man als Wissenschaftler wirklich ernst genommen werden muss man seine Forschungsergebnisse in Nature oder Science veröffentlichen- wegen des Journal Impact Factors. Dieser Wert gibt an, wie häufig die Artikel einer Zeitschrift in Publikationen desselben Themenbereichs zitiert werden und ist damit Indikator für den Einfluss den die Artikel auf künftige Forschung haben. Eine Entsprechung in der Blogosphäre wäre das Ranking einer Seite in der Googlesuchmaschine. Die Verlinkungen zeigen den Bezug zwischen Texten an, und werden über Trackbacks dokumentiert. Entsprechend stellen Literaturangaben der Zeitschriftenbeiträge den Zitationsverweis her.

Hier werden aber unterschiedliche Asymmetrieverhältnisse in der Kommunikation deutlich. Deutsche Forscher lesen Nature, Science, viele andere englischsprachige Magazine UND einige deutschsprachige Magazine. Sie lesen aber sicher nicht Beiträge ihrer rumänischen oder finnischen Forscherkollegen in der Originalsprache. Hier dient Englisch als nahezu unumgängliche Modalität der Vermittlung. Entsprechend verläuft der Informationsfluss zwischen Bloggern im world wide web. Dadurch ist der "Blog Impact Factor" notwendig durch die Sprache, in der ein Blog geschrieben wird, begrenzt. Da Englischmuttersprachler in der Regel nur englischsprachige Texte lesen, können Sie aus einem viel begrenzteren Informationspool schöpfen. Ausserdem, wird alles was Sie schreiben global zugänglich. Schreibt man auf Deutsch, schreibt man in erster Linie für Deutsche, also für Menschen, die die eigene Kultur teilen. Dies lässt sich recht plakativ am Beispiel der Bildzeitung illustrieren. Diese versucht in Schlagworten manchmal recht komplexe Zusammenhänge einfach darzustellen. Dabei „bildet sie deine Meinung“, weil man beim Lesen im Vorbeigehen schon weiß, was gemeint ist. Entsprechende Blätter gibt es auch in anderen Ländern, aber die Überschriften üben in ihrer Übersetzung keinen großen Reiz aus. Eine Schlagzeile aus der britischen Sun: „Jade zu krank zum sprechen, wird aber getauft“ macht für mich einfach keinen Sinn. Das heißt, das die Texte der Bild schon sehr vorraussetztungsvoll sind- auch wenn das jetzt komisch klingt. Sie setzten vorraus, dass man teilhat an der deutschen Kultur. Der Leser versteht mehr als der Text explizit hergibt.

Was bedeutet das für deutsche Blogger? Ihre Texte werden zwar von weniger Menschen gelesen, werden aber auch tiefer verstanden. Sie haben mehr impact, weil sie in dem Rahmen in dem sie verstanden werden auch konstitutiv sind für weitere Entwicklungen der Kultur.

Hier will ich mich einer Analogie bedienen. Damit sich neue Spezies entwickeln, müssen laut der Evolutionstheorie, Tiere einer Spezies in der Weise von einander getrennt werden, dass sie keine Nachkommen miteinander haben können, man nennt das Separation. (Das war der Teil der Theorie, den Darwin noch nicht richtig ausgearbeitet hatte und der daher Probleme aufwarf.) Dies geschieht oft räumlich, kann aber auch durch Mutationen geschehen, die dazu führen, dass der Nachwuchs der Tiere, die zu den sich trennenden Populationen gehören, nicht mehr lebensfähig ist. Es entstehen zwei Genpools- Die Vererbung von Eigenschaften geschieht getrennt und die Tiere werden immer unterschiedlicher.

Ich finde einen ähnlichen Prozess kann man auch für Blogosphären unterschiedlicher Sprachen annehmen. Im deutschen Sprach- und Kulturraum sind andere Dinge von Interesse als im globalen Informationsnetzwerk. Hier können neue Ideen geboren werden, weil sie nicht gleich im Strom des weltweiten Informationsgeplätschers verwässert werden. Hier können weniger Menschen mehr bewirken. Die Sprachbarriere dient dann dazu kleine Unterschiede im Denken anzureichern bis sie eine kritische Schwelle erreichen: Eine neue Idee ist geboren. Im gewissen Sinne kann man hier von einem kreativen Mechanismus sprechen. Das bedeutet, dass die geistige Isolation eine wertstiftende Eigenschaft der deutschen Blogosphäre ist, sowie in jeder Kommunikationsgemeinschaft.

1 Kommentar

Kommentar von: Lorenz Meyer [Besucher]
"Deutsch: Die Sprache der Dichter und Denker. War einmal? Irgentwie schon."

Irgendwie manchmal dann doch nicht...

Energetische Grüße

Lorenz Meyer
(Sheng Fui Germany)
09.03.09 @ 16:35

Einen Kommentar hinterlassen


Ihre E-Mail-Adresse wird nicht auf dieser Seite angezeigt.

Ihr URL wird angezeigt.
(Zeilenumbrüche werden zu <br />)
(Name, E-Mail-Adresse & Webseite)
(Benutzern erlauben, Sie durch ein Kontaktformular zu kontaktieren (Ihre E-Mail-Adresse wird nicht weitergegeben))
Bitte schreiben Sie "Philosophie" (ohne Anführungszeichen)
antispam test