| « Hempels Paradox |
Immer wieder wird dem Skeptizismus ein performativer Selbstwiderspruch vorgeworfen. Dass dieses Argument logisch nicht haltbar ist, wird in den seltensten Fällen explizit gemacht. Ich möchte nun einmal hier darstellen, worin, meines Erachtens, der Denkfehler der Skeptizismusgegner liegt.
Erst einmal: Was ist Skeptizismus überhaupt? Es ist die Feststellung, dass es keinen privilegierten Zugang zur Wahrheit gibt. Der Skeptizismus besagt ganz einfach, dass alle Annahmen angezweifelt werden können. Dass es also kein objektives Wissen über die Welt gibt.
Dieser Gedanke, ist an sich ja schon recht einleuchtend. Woher soll man auch irgendeine Sicherheit nehmen können, wenn man sich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann?
Wie die Umgebung erfahren wird, ist durch die Kriterien der Nützlichkeit und des Zufalls diktiert. Eigenarten der Sinnesorgane und neuronaler, psychischer und kognitiver Prozesse bestimmen was wir wahrnehmen. Die Kategorien in denen wir denken, sind Artefakte unserer Erfahrung und der Evolution des Menschen. Sie haben sich lediglich in der praktischen Anwendung bewährt. Neugeborene, zum Beispiel, sind in der Reizverarbeitung anscheinend wesentlich undifferenzierter als ältere Kinder und Erwachsene. Ihre Perzeption ist synästhetisch. Das heißt, ihre Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten) sind nicht voneinander getrennt, sondern noch formlos verschmolzen. Erst im Laufe des weiteren Lebens, kristallisieren sie sich als separate Einheiten heraus.
Von Zeit zu Zeit sollte man sich auch vor Augen führen, wie Insekten ihre Umwelt wohl erfahren. Kann man allen Ernstes behaupten, dass sie in der gleichen Realität leben wie wir? Sie nehmen, praktisch in jeder Hinsicht, vollkommen andere Informationen auf als ein Mensch. Nicht nur rein physiologisch, sondern auch in den Dimensionen des Raumes und der Zeit. Für einen Schmetterling beispielsweise, wäre eine Filmvorführung, wie sie in jedem herkömmlichen Kino stattfindet, nicht mehr als eine öde Diashow.
Der Skeptizismus macht allerdings immer nur Aussagen über die externe Realität. Sonst wäre er schon lange durch Descartes’ Cogito ergo sum widerlegt worden. Wir müssen uns schließlich sicher sein können, dass wir irgendwie existieren, denn unsere Form des Daseins, ist die Definition für Existenz, die wir auf die Welt projizieren. Das Ich ist das Eichmaß, das Urmeter, der Existenz.
Was der Skeptizismus feststellt, ist also dass eben diese einzige Sicherheit, die uns gegeben ist, uns daran hindert irgendeine andere Sicherheit zu erlangen.
Nun, wie kann von Kritikern, an so etwas Schlüssigem, wie dieser Erkenntnis, überhaupt gezweifelt werden? Die Kritiker jedenfalls argumentieren, dass der Zweifel ja eben genau der wunde Punkt der Überlegungen sei. Wenn man laut Skeptizismus an allem zweifeln soll, dann müsse man auch am Skeptizismus selbst zweifeln. Es wird dem Skeptizismus also eine Antinomie vorgeworfen: Die Menschen sollen laut ihm nichts wirklich wissen können. Doch wie können sie dann wissen, dass sie nichts wissen können?
Ist dieser Einwand nicht, als ob man behaupten würde, dass Blinde sehen könnten, weil sie nichts „sehen“? Der Skeptizismus ist doch nicht etwas, was ist, sondern er ist die Abwesenheit von etwas, nämlich von Sicherheit. Sowenig wie Blinde sehen können, sowenig können wir etwas sicher wissen.
Als Skeptiker stelle ich mich in die Welt, deute auf die Sachverhalte in ihr und sage immer wieder: „Dessen kann man sich nicht sicher sein! Und dessen kann man sich nicht sicher sein! Und ... etc.“. Aber wo finde ich denn den Skeptizismus, auf den ich zeigen und feststellen kann: „Dessen kann man sich nicht sicher sein!“? Die Antwort lautet: Mein Finger ist der Skeptizismus. Doch er ist kein Teil der Welt. Er ist eine Negation. Ich kann nicht auf ihn weisen, denn dazu müsste ich ihn verwenden.
Das schöne an ihm ist letztendlich, dass er seine Feinde mit den eigenen Waffen schlägt. Er nutzt die Logik um zu beweisen, dass er entweder Recht hat und somit seine Kritiker Unrecht haben. Oder die Welt nicht logisch ist und es in diesem Fall ohnehin kein Richtig oder Falsch gibt.
Ich bin ich, und alles andere ist nicht ich. Man muss an allem zweifeln, weil man nicht daran zweifeln kann.