« Hempels Paradox

Blinde können nicht sehen!

11.07.09 | von Patrick Zimmerschied [mail] | Kategorien: Erkenntnistheorie

Immer wieder wird dem Skeptizismus ein performativer Selbstwiderspruch vorgeworfen. Dass dieses Argument logisch nicht haltbar ist, wird in den seltensten Fällen explizit gemacht. Ich möchte nun einmal hier darstellen, worin, meines Erachtens, der Denkfehler der Skeptizismusgegner liegt.
Erst einmal: Was ist Skeptizismus überhaupt? Es ist die Feststellung, dass es keinen privilegierten Zugang zur Wahrheit gibt. Der Skeptizismus besagt ganz einfach, dass alle Annahmen angezweifelt werden können. Dass es also kein objektives Wissen über die Welt gibt.
Dieser Gedanke, ist an sich ja schon recht einleuchtend. Woher soll man auch irgendeine Sicherheit nehmen können, wenn man sich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann?
Wie die Umgebung erfahren wird, ist durch die Kriterien der Nützlichkeit und des Zufalls diktiert. Eigenarten der Sinnesorgane und neuronaler, psychischer und kognitiver Prozesse bestimmen was wir wahrnehmen. Die Kategorien in denen wir denken, sind Artefakte unserer Erfahrung und der Evolution des Menschen. Sie haben sich lediglich in der praktischen Anwendung bewährt. Neugeborene, zum Beispiel, sind in der Reizverarbeitung anscheinend wesentlich undifferenzierter als ältere Kinder und Erwachsene. Ihre Perzeption ist synästhetisch. Das heißt, ihre Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten) sind nicht voneinander getrennt, sondern noch formlos verschmolzen. Erst im Laufe des weiteren Lebens, kristallisieren sie sich als separate Einheiten heraus.
Von Zeit zu Zeit sollte man sich auch vor Augen führen, wie Insekten ihre Umwelt wohl erfahren. Kann man allen Ernstes behaupten, dass sie in der gleichen Realität leben wie wir? Sie nehmen, praktisch in jeder Hinsicht, vollkommen andere Informationen auf als ein Mensch. Nicht nur rein physiologisch, sondern auch in den Dimensionen des Raumes und der Zeit. Für einen Schmetterling beispielsweise, wäre eine Filmvorführung, wie sie in jedem herkömmlichen Kino stattfindet, nicht mehr als eine öde Diashow.
Der Skeptizismus macht allerdings immer nur Aussagen über die externe Realität. Sonst wäre er schon lange durch Descartes’ Cogito ergo sum widerlegt worden. Wir müssen uns schließlich sicher sein können, dass wir irgendwie existieren, denn unsere Form des Daseins, ist die Definition für Existenz, die wir auf die Welt projizieren. Das Ich ist das Eichmaß, das Urmeter, der Existenz.
Was der Skeptizismus feststellt, ist also dass eben diese einzige Sicherheit, die uns gegeben ist, uns daran hindert irgendeine andere Sicherheit zu erlangen.
Nun, wie kann von Kritikern, an so etwas Schlüssigem, wie dieser Erkenntnis, überhaupt gezweifelt werden? Die Kritiker jedenfalls argumentieren, dass der Zweifel ja eben genau der wunde Punkt der Überlegungen sei. Wenn man laut Skeptizismus an allem zweifeln soll, dann müsse man auch am Skeptizismus selbst zweifeln. Es wird dem Skeptizismus also eine Antinomie vorgeworfen: Die Menschen sollen laut ihm nichts wirklich wissen können. Doch wie können sie dann wissen, dass sie nichts wissen können?
Ist dieser Einwand nicht, als ob man behaupten würde, dass Blinde sehen könnten, weil sie nichts „sehen“? Der Skeptizismus ist doch nicht etwas, was ist, sondern er ist die Abwesenheit von etwas, nämlich von Sicherheit. Sowenig wie Blinde sehen können, sowenig können wir etwas sicher wissen.
Als Skeptiker stelle ich mich in die Welt, deute auf die Sachverhalte in ihr und sage immer wieder: „Dessen kann man sich nicht sicher sein! Und dessen kann man sich nicht sicher sein! Und ... etc.“. Aber wo finde ich denn den Skeptizismus, auf den ich zeigen und feststellen kann: „Dessen kann man sich nicht sicher sein!“? Die Antwort lautet: Mein Finger ist der Skeptizismus. Doch er ist kein Teil der Welt. Er ist eine Negation. Ich kann nicht auf ihn weisen, denn dazu müsste ich ihn verwenden.
Das schöne an ihm ist letztendlich, dass er seine Feinde mit den eigenen Waffen schlägt. Er nutzt die Logik um zu beweisen, dass er entweder Recht hat und somit seine Kritiker Unrecht haben. Oder die Welt nicht logisch ist und es in diesem Fall ohnehin kein Richtig oder Falsch gibt.
Ich bin ich, und alles andere ist nicht ich. Man muss an allem zweifeln, weil man nicht daran zweifeln kann.

22 Kommentare

Kommentar von: Markus Schroer [Mitglied] E-Mail
Der Grundgedanke des Beitrages ist nachvollziehbar, allerdings scheitert das Unternehmen der Verteidigung »des« Skeptizismus an mehrerlei Gebrechen. Dass es überhaupt »den« Skeptizismus gebe, ist eine recht wage und strenggenommen unrichtige Aussage, wenngleich alle Formen des Skeptizismus Gemeinsamkeiten haben.
Zunächst einmal wäre zu spezifizieren, was unter einem »privilegierten Zugang zur Wahrheit« zu verstehen sei. Wahrheit ist, so stimmen wir hoffentlich überein, keine subsistierende Entität, sondern ein Konzept, nämlich das der Objektivität. Dies wiederum meint aber nichts anderes als die Erkenntnis, dass die Welt (einschließlich aller Entitäten und Aktivitäten) unabhängig von unseren Gedanken sei. Wie die Welt an sich beschaffen sei, ist demgegenüber eine andere Frage, und man muss kein Skeptiker sein, um der Aussage, dass dies unbestimmt bleiben müsse, weil wir bloß individual-subjektive und intersubjektive Standpunkte einnehmen können, zuzustimmen. Das Konzept der Wahrheit besagt, um es noch einmal deutlich darzustellen, DASS die Welt unabhängig von unseren intra- und interindividuellen Überzeugungen sei, nicht WIE sie als solche beschaffen sei. Der wahrhafte Blick von Nirgendwo ist ein Widerspruch in sich.
Um nun feststellen zu können, dass man sich irre oder geirrt habe, muss man bereits wissen, dass man sich schon einmal nicht geirrt habe, und was es bedeutet, dass man sich nicht irre, ferner setzt es voraus, dass es überhaupt möglich ist, sich nicht zu irren, weil die Negation sonst leer wäre, womit sich der globale Skeptizismus als ernstzunehmende Position bereits disqualifiziert. Wofern ich Dir richtig gefolgt bin, ist es aber gerade dies, was Du verteidigen möchtest: dass alles bezweifelbar sei. Zugestehen lässt sich hier freilich Folgendes. Wir können alles für sich, d. i. einzeln genommen, bezweifeln, jedoch nicht alles zugleich. Denn in letzterem Falle gäbe es nichts mehr, worauf wir uns berufen könnten, nicht einmal Logik und Argumentationstheorie, welche wir aber doch benötigen, um für diesen unseren Standpunkt zu argumentieren.
Darüber hinaus gibt es bei genauerer Überlegung keinen rationalen und plausiblen Grund für die Annahme, dass Wissen über den eigenen Geist sei einem Subjekt privilegiert zugänglich und habe als einzige Form des Wissens Gewissheit. Die neuzeitliche Philosophie krankt an diesem Vorurteil, weil Descartes dies in seinen Meditationen als methodisches Mittel angenommen hatte, um zu sehen, ob sich Gewissheit über alles, was man zu wissen glaubt, erlangen lasse. Dass es sich indes tatsächlich so verhalte, dass die Methode gleichzeitig eine Sicherheit über etwas gibt beziehungsweise geben könne, steht auf einem anderen Blatt. Obgleich Descartes die Gewissheit der inneren wie äußeren Welt (wofern man diese Unterscheidung überhaupt in dieser starken Form mitmacht) erweisen wollte, hat sich sein Unternehmen als zum Scheitern verdammt erwiesen. Sein sogenannter Gottesbeweis ist kein Beweis, sondern etwas, wie es im »Discours de la méthode« heißt, an dem er ohnedem festhalten wollte, womit im Übrigen bereits ein Äußeres, wie immer dies beschaffen sein mag, vorausgesetzt ist, denn seiner Idee von Gott soll ja etwas korrespondieren, was gerade nicht in ihm selbst ist, sondern außerhalb seiner.
Soweit mir bekannt ist, haben die meisten Philosophen den Schritt des privilegierten Wissens über den eigenen Geist mitgemacht, während sie die Rekonstituierung der sogenannten Außenwelt als durch Gott verbürgt zurückgewiesen haben. Dieweil dieses richtig ist, ist jenes keinesfalls so selbstverständlich, als es zunächst dünken mag. Es handelt sich dabei ausschließlich um die Perspektive eines gesunden, vollausgereiften Erwachsenen Individuums, welches bereits alle Konzepte, wie viele dies immer sein mögen, erworben hat. Das Problem besteht darin, dass niemand von uns weiß, wie es ist, ohne diese Konzepte zu sein, weil sich niemand, der einmal ein Konzept erworben hat, daran erinnern kann, wie er ohne dieses Konzept – nennen wir es trotz aller möglichen Probleme, welche sich hier wiederum ergeben mögen, »denken« – gedacht hat.
Selbsterkenntnis in Form der Ausbildung eines Ich ist mittlerweile bekanntlich nicht etwas Angeborenes, sondern wird, ohne dass das Wie lückenlos beantwortbar wäre, erworben. Solange es indes kein Ich gibt, kann es nicht im cartesianischen Sinne auf sich selbst reflektieren und vermuten, sein Zugang zu seinem eigenen Geist habe irgendein Privileg vor dem Zugang zur (von uns so empfunden) Außenwelt. Ganz im Gegenteil legt dies nahe, dass das Umgekehrte mindestens genaus gut der Fall sein könnte, sprich, dass der Zugang zur Außenwelt ein Privileg vor dem zur Innenwelt hat. Überdem könnte beides gleichberechtigt sein; jedenfalls habe ich in gewisser Weise, was diese Fragen anlangt, vor allem aber in ontologischer Hinsicht, in meiner Aufsatzreihe »What Does the World Comprise?« (http://markusschroer.wordpress.com/) zu zeigen versucht, dass ein Perspektivenwechsel notwendig sein mag. Freilich verlangt dies weitere Ausarbeitung.
Noch ein letzter Punkt: Etwas zu bezweifeln, ist etwas anderes, als etwas zu leugnen. Wer etwas bezweifelt, gesteht eine Existenz bereits zu, er behauptet bloß, dass es sich anders verhalten könnte, als es dünkt, nicht aber dass es sich gar nicht verhält. Wer dagegen etwas leugnet, gesteht nicht einmal eine Existenz zu. So zweifelt ein Agnostiker am monotheistischen Gott, der Atheist aber leugnet ihn.
12.07.09 @ 15:59
Kommentar von: Patrick Zimmerschied [Mitglied] E-Mail
@ Markus Schroer:
Du hast mich durchaus richtig verstanden, was meine Position innerhalb des Skeptizismus betrifft. Ich habe sie nicht genauer spezifiziert, da sie sich ja aus dem Zusammenhang im Text ergibt.
„Kein privilegierter Zugang zur Wahrheit“ soll heißen, dass wir in unserer Subjektivität gefangen sind. Ich wollte damit nicht ausdrücken, dass es eine Außenwelt gibt, sondern: Wenn es eine Außenwelt gibt, dann kann man nur subjektive Positionen zu ihr einnehmen. Ich denke, genau das ist es, was ein Skeptiker sagt und was ihn von anderen Ansichten abgrenzt. Wenn ich sage, dass alles was ich von der Welt weiß, subjektiv ist, dann sage ich, dass das, was ich sehe nicht alles sein muss, was da ist, und, was besonders wichtig ist, dass ich vielleicht mehr sehe, als tatsächlich da ist. Es könnte also theoretisch auch sein, dass gar nichts da ist.
Zu deinem dritten Absatz möchte ich nur kurz sagen, dass man alles in der Welt bezweifeln kann, aber eben nicht die eigene Existenz. Die Negation bezieht sich also auf das Selbst. Die Welt ist alles, was nicht ich ist.
Du schreibst, dass es keinen plausiblen Grund gäbe, anzunehmen, das Wissen über den eigenen Geist sei einem Subjekt privilegiert zugänglich. Aber: Das Wissen über den eigenen Geist ist das Subjekt!
Du setzt später Selbsterkenntnis und Ich gleich. Das würde ich ebenfalls nicht tun. Ich würde das Ich als unmittelbare Erfahrung beschreiben. Dazu muss man nicht einmal „denken“ (im Sinne von Reflektieren) können.
12.07.09 @ 21:09
Kommentar von: Markus Schroer [Mitglied] E-Mail
Wie Du es in Deinem Artikel dargestellt hast, soll die Behauptung, dass es »keinen privilegierten Zugang zur Wahrheit« gebe die Definition »des« Skeptizismus sein. Diese Definition jedoch verlangt weitere Spezifikation, namentlich bezüglich des Wahrheitsbegriffes.
Wenn im Übrigen Skeptizismus, gleichviel, wie er spezifiziert sein mag, lediglich bedeutet, dass man alles bezweifeln könne und man zu einer Außenwelt nur eine subjektive Position einnehmen könne, ist er trivial. Bezweifeln kann man freilich alles, es fragt sich indes nur, ob dies immer sinnvoll ist. Abgesehen davon muss man immer fragen: Ist mit »Täuschung« eine systematische oder wirre Täuschung gemeint? Wären beispielsweise alle Bäume nicht aus Holz, sondern aus dem Stoff Z, der für uns jedoch weder in seiner äußeren Erscheinung noch in allen anderen Eigenschaften, etwa Konsistenz, Brennbarkeit und so fort, unterscheidbar von Holz wäre, wäre diese Täuschung vollkommen irrelevant.
Offen bleibt ferner, wie man feststellen können soll, dass etwas eine Täuschung sei, wenn alles eine Täuschung ist.
Dass wir im Übrigen in unserer Subjektivität gefangen seien, stimmt schlicht und ergreifend nicht. Dies müsste nämlich bedeuten, dass wir nicht einmal ein Konzept der Objektivität, welches, wie oben ausgeführt, besagt, dass die Welt unabhängig von unseren Gedanken sei, so dass andere nicht immer mit uns übereinstimmen müssen, haben könnten. Wir haben es aber de facto. Im Gegensatz zu anderen Spezies begreifen wir andere lebendige Entitäten nicht bloß als intentional, wie es etwa die großen Affen tun, sondern als Wesen mit eigenem Geist, was wiederum propositionale Einstellungen in Form von Überzeugungen einschließt. Der Zugang zum Fremdpsychischen ist indes weniger »verbaut«, wenn man mir den Ausdruck erlaubt, als es dünken mag. Naiv ist die Vorstellung, dass wir Zugang zu den geistigen Zuständen anderer durch Analogieschlüsse bezüglich ihres Verhaltens mit uns selbst erhielten. Denn Kinder können bereits im Säuglingsalter und mit wenigen Monaten das Verhalten anderer richtig deuten, ohne je ihr eigenes Verhalten in allen emotionalen Zuständen bewusst beobachtet zu haben. Ein Behaviourismus ist in jedem Falle zum Scheitern verdammt, denn freilich kann ein Individuum etwas denken, was seinem Gegenüber nicht zugänglich ist; auch Täuschung ist ein Einwand gegen einen Behaviourismus. Wir müssen jedoch bedenken, dass Täuschung überhaupt erst möglich wird, wenn wir bemerken, dass äußeres Verhalten mit inneren Zuständen korreliert ist und von anderen interpretiert werden kann und wird.
Es war nicht meine Absicht, Selbsterkenntnis mit Ich beziehungsweise Ich-Ausbildung gleichzusetzen. Vielmehr gehört die Selbsterkenntnis essentiell, aber nicht allein hinreichend zum Ich. Selbsterkenntnis ist in jedem Falle, vor allem im Spiegel, wo dies besonders deutlich wird, ein Kriterium dafür, dass eine lebendige Entität ein Ich ausgebildet hat, mittels dessen es vom reinen Selbst zu abstrahieren vermag, d. i. eine externe Position zu sich selbst einzunehmen in der Lage ist, obzwar es sich hierbei freilich um keine objektive, sondern bloß objektivierende Position handeln kann. Dass nicht einzig Menschen, sondern auch einige der großen Affen diese Fähigkeit besitzen respektive erwerben können, ist in Versuchsreihen, unter anderem mit der Chimpansin Washoe, nachgewiesen worden. Derselben hat man die amerikanische Gebärdensprache beigebracht, und mit einem Spiegel konfrontiert, antwortete sie auf die Frage, was das im Spiegel sei: »Ich, Washoe.«
Dass nun theoretisch – sprich, in der reinen Anschauung – gar nichts da sein könne, ist freilich unmöglich. Wie sollte dies möglich sein? Hier läge die Beweislast, sofern es denn etwas zu beweisen gäbe, beim Skeptiker, nicht bei seinem Gegner. Wie aber wäre zu beweisen, dass es nichts zu Beweisendes gebe? Woher kommen all die Dinge, so einem erscheinen? Aus dem Nichts? Dies ist nicht bloß unverständlich, sondern grundsätzlich inakzeptabel. Von etwas, was einem nicht zugänglich ist, zu reden, ist ein Unsinn, weil die Möglichkeit, darüber zu reden, eine Zugangsweise wäre.
Zu sagen, dass wir bisweilen mehr wahrzunehmen glauben, als tatsächlich da sei, bedeutet nichts anderes, als zu sagen, dass wir bestimmte Konzepte erwerben respektive erworben haben, welche wir auf die Welt anwenden. In der Definition von Konzept liegt indes zugleich die Möglichkeit des Irrtums beziehungsweise der irrtümlichen Anwendung. Es ist nützlich, Muster und Zusammenhänge zu erkennen, allerdings kann dies auch dazu führen, dass wir Muster und Zusammenhänge zu erkennen glauben, wo keine sind. Einen Skeptizismus, welcher Art immer, stütz dies aber nicht.
Je nun, die eigene Existenz lässt sich nur dann nicht bezweifeln, wenn man von einem einheitlichen Ich ausgeht. Dass dieses jedoch so nicht existiert, wie bisher angenommen, haben neurowissenschaftliche Untersuchungen ergeben. Vielmehr handelt es sich bei dem, was wir für ein einheitliches Ich halten, um zeitlich begrenzte, episodische Beschäftigungen der obersten Schichten der Großhirnrinde mit sich selbst. Dies erklärt jedenfalls, warum wir schlafen können, ohne unser Ich zu verlieren, und das Problem, das unter anderem John Locke, aber auch andere Philosophen lange beschäftigte, löst sich auf. Auch gibt dies eine Erklärung dafür, dass wir uns bisweilen »innerlich zerrissen« fühlen und an verschiedenen Tagen einander widerstreitende Charaktereigenschaften an den Tag zu legen dünken. Mithin lässt sich die eigene Existenz als Einheit sehr wohl bestreiten. Demohngeachtet verliert sich dies wiederum zu sehr in dem unberechtigten Glauben, welcher leider in unserer Kultur extrem stark verankert ist, das Wissen über den eigenen Geist habe einen privilegierten Zugang. Siehe dazu meine bereits oben angeführten Argumente. Wenn das Wissen über den eigenen Geist mit dem Subjekt identisch wäre – was, wohlgemerkt, zunächst einmal, soweit wir wissen, bloß auf den Menschen zuträfe –, wäre dieses Wissen kein Objekt mehr, was es aber zugleich sein soll und muss, um eine Reflektion darüber – denn diese Fähigkeit ist Bestandteil des Ich – überhaupt erst möglich zu machen. Von sich selbst abstrahieren können, ist essentieller Bestandteil eines Ich. Und dieses Ich, als unmittelbare Erfahrung, um Deine Worte zu gebrauchen, muss gerade um dieser speziellen Erfahrung willen denken, diesmal im Sinne ohne Anführungszeichen. Gedanken haben zu können wiederum, setzt essentiell, wenngleich nicht hinreichend, voraus, ein Konzept der Objektivität zu haben, welches sich nicht zuletzt aus dem, was Donald Davidson Triangulation genannt hat (siehe dazu auch meinen Aufsatz »Triangulation As A Necessary Condition of Thought« auf http://markusschroer.wordpress.com/), ergibt, und eine Sprache zu beherrschen (im Sinne von sprechen und verstehen können). Es ist allerdings zugestandenermaßen schwierig, zu sagen, ab wann dies der Fall sei. Dass Gedanken selbst aber nur subjektiv oder höchstens intersubjektiv, jedoch nicht objektiv sein könnten, ist wiederum eine triviale Feststellung, so sich aus dem bereits Ausgeführten von selbst ergibt.
Endlich ist die Welt gerade nicht alles, was ich nicht bin; vielmehr bin ich wesentlicher Bestandteil der Welt, zumal ich nicht bloßer Beobachter, sondern imgleichen Akteur bin. Ontologisch verstanden kommt es hierbei nicht auf mein Menschsein oder Lebendigsein oder was immer in dieser Richtung an, sondern auf die Existenz, aber nicht Subsistenz, im holistischen Sinne. Gäbe es bloß ein Atom, ein Elektron, ein Up- oder Downquark weniger, wäre die Welt eine andere. Allein, gleichviel, ob ich ein Ich ausbilde oder nicht, so bleibe ich doch immer essentieller Bestandteil der Welt. Selbst wenn wir alle Steine wären, wären wir, in diesem Sinne verstanden, essentiell. Es darf nur an Materie, auf welcher Stufe immer, sei es Mikro- oder Makrokosmos – diese mögen beginnen und enden, wo sie wollen –, nichts mehr oder weniger sein. Allein, dies ist noch ein ganz anderes, wenngleich erörterungswertes, Thema.
12.07.09 @ 23:36
Kommentar von: Patrick Zimmerschied [Mitglied] E-Mail
@ Markus Schroer:
Wow, da hast du mir ja eine ganz schöne Ladung Wörter hingeknallt. Das ist ja länger als mein Beitrag :-)
Es mag vielleicht trivial sein, zu sagen, dass man alles bezweifeln kann, aber so sehe ich die Sache nun einmal und ursprünglich ging es mir ja auch nur darum zu zeigen, dass sich diese Vorstellung nicht durch einen Selbstwiderspruch widerlegen lässt. Das fand ich nicht trivial und ich bin auch immer noch der Meinung, dass es mir gelungen ist.
Du fragst, wie man feststellen kann, dass etwas eine Täuschung ist, wenn alles eine Täuschung ist. Dazu möchte ich sagen: Ich kann mich nur darin täuschen, was ich wahrnehme, nicht darin, dass ich etwas wahrnehme. Ich versuche durch Vergleich festzustellen, ob ich mich geirrt habe. Entscheiden ob ich mich tatsächlich geirrt habe, oder ob sich die Tatsachen verändert haben, kann ich aber letztendlich nicht. Es ist doch so: Ich kann von falschen Prämissen ausgehen und innerhalb dieses Referenzrahmens trotzdem richtige Entscheidungen treffen. Diese Entscheidungen sind dadurch aber nicht außerhalb des Referenzrahmens richtig.
Dann sprichst du noch die von mir erwähnte Subjektivität an. Man kann doch dieses Gedankenspiel aufwerfen: Wenn die Welt unabhängig von unserem Geist existiert, dann sieht wahrscheinlich jeder die Welt anders. Wie jemand die Welt sieht kann man nicht feststellen. Das heißt doch, wenn ich mich nicht irre, dass die anderen Menschen mit dem was sie sagen, eine vollkommen andere Vorstellung verbinden können als ich. Dass wir also ständig aneinander vorbeireden können und jeder Konsens nur ein scheinbarer Konsens sein könnte (das berührt das Qualia-Problem). Die Handlungen, die ausgeführt werden, stimmen also nicht aufgrund der Objektivität mit den Erwartungen überein, sondern weil wir die subjektive Erfahrung gemacht haben, dass einem Satz eine bestimmte Bedeutung in unserer Wahrnehmung entspricht. Worüber die Menschen sich unterhalten, muss nicht einmal existieren, wir müssen nur einfach alle die gleiche Illusion haben. Darum habe ich geschrieben, dass wir in unserer Subjektivität gefangen sind.
Du sträubst dich ziemlich gegen die Vorstellung, dass es auch sein könnte, dass außer meinen Gedanken nichts da ist. Aber was spricht dagegen? Wenn das Universum im Nichts existieren und einfach alles sein kann was ist, dann können doch auch meine Gedanken im Nichts existieren und alles sein was ist, oder?
Die Persönlichkeit eines Menschen ist durchaus fragmentiert, da stimme ich dir absolut zu. Das Ich würde ich allerdings nur die gegenwärtige Empfindung nennen. Und die ist ja schon per Definition einheitlich. Deshalb kann man auch über die eigene Persönlichkeit reflektieren. Dies würde ich aber keine Reflexion über das Ich nennen. Man schaut dabei ja nicht auf sein Selbst, sondern interpretiert seine Erinnerungen über die Vergangenheit, so wie man Erinnerungen nutzt um das Verhalten anderer Menschen zu interpretieren. Ich sehe das Ich, als das Empfangen von bestimmten Signalen. Als bewusst werden.
Ich glaube wir haben einfach unterschiedliche Vorstellungen davon, was das Ich ist.
13.07.09 @ 16:49
Kommentar von: Markus Schroer [Mitglied] E-Mail
Mich dünkt, Du beziehst den Vorwurf an den globalen Skeptizismus, der tatsächlich alles bezweifelt beziehungsweise nach dem Trilemma des Agrippa behauptet, es könne kein Wissen geben, auf einen gemäßigten Skeptizismus, der, wie Du es tust, lediglich feststellt, dass wir alles bezweifeln können. Wer tatsächlich behauptet, es gebe kein Wissen, begibt sich fürwahr in einen pragmatischen Widerspruch, weil er zugleich behauptet, es gebe kein Wissen, während er doch eben dies zu wissen vorgibt. Dies ist jedoch klar zu trennen von Deiner Art des Skeptizismus, welche, worin wir, soweit ich Dich verstanden habe, übereinstimmen, trivial ist.
Zur Wahrnehmung ist Folgendes zu bemerken. Ich kann mich auch darin täuschen, dass ich etwas wahrnehme. Das Einzige, worin ich mich de facto nicht täuschen kann, ist, dass ich eine Wahrnehmung habe. Dies entspricht der Unterscheidung, welche Wilfrid Sellars in »Empiricism and the Philosophy of Mind« trifft.
Ferner kann ich, wie gesagt, nur von falschen Prämissen zu richtigen Konklusionen kommen, wenn die Täuschungen zum einem gravierenden Teil systematisch sind. Wären es ausschließlich wirre Täuschungen, wäre dies unmöglich. Mithin ist dieses nicht intelligibel, während jenes trivial ist.
Recht hast Du damit, dass wir nicht unmittelbar feststellen können, wie jeder Einzelne die Welt in seinem phänomenalen Bewusstsein wahrnimmt. Die These, jeder sehe die Welt anders, ist indes ambig. Ist damit gemeint, dass jeder etwas anderes empfinde, dass er andere Präferenzen habe, dass dem einen dieses, dem anderen hingegen jenes zu sage, so ist dies zweifelsohne richtig. Ist damit aber gemeint, dass jeder im physikalisch-biologischen Sinne grundsätzlich etwas anderes sehe, und das nicht nur im Sinne von womöglich anderen Farben oder Farbvarianten (andere Möglichkeit: Farbenblindheit), dass jeder etwas anderes höre, und das nicht nur im Sinne von anderen Tönen oder Tonvarianten (andere Möglichkeit: Taubheit), sondern jeweils andere Partikelkombinationen und andere Schallkombinationen, so muss dies falsch sein. Denn dies würde zunächst einmal wieder bedeuten, dass die Welt gerade nicht von den eigenen Überzeugungen und sogar Wahrnehmungen unabhängig wäre, sondern allererst von diesen konstituiert würde. Wir hätten es mithin mit einer Art Idealismus zu tun. Wenn wir salopp sagen, jeder nehme die Welt anders wahr, meinen wir damit für gewöhnlich, dass jeder das, was er wahrnimmt, anders empfindet, nicht dass jeder etwas anderes wahrnehme.
Deine Ausbuchstabierung der These, wir seien in unserer Subjektivität gefangen, arbeitet mir entgegen. Die Täuschung wäre demnach systematisch, mithin irrelevant und keine »wirkliche« Täuschung mehr. Der Begriff der Subjektivität läuft auf diese Weise indes in Richtung der kantischen Konzeption von Subjektivität, welche nicht individual-, sondern spezies- beziehungsweise, im strengen Sinne Kants, vernunftwesenbezogen ist. Diese Form von Subjektivität betrifft folglich alle Vernunftwesen gleichermaßen, was (Individual-)Skeptizismus wie (Individual-)Relativismus diesbezüglich gleichermaßen negiert.
Dass außer den eigenen Gedanken nichts da sei, widerspricht zunächst der oben getroffenen und auch von Dir bestätigten Aussage, wenngleich ich diese im Sellars’schen Sinne korrigiert habe, dass ich mich nicht darin täuschen könne, eine Wahrnehmung zu haben. Allein, eine Wahrnehmung ist immer eine Wahrnehmung von etwas. Wenn nichts da ist, was ich überhaupt wahrnehmen könnte, gäbe es keine Wahrnehmung. Ferner, wenn es außer meinen Gedanken nichts gibt, woher kommen meine Gedanken? Die einzig mögliche Antwort wäre, dass sie schon immer existiert, besser: subsistiert, haben. Ich hätte mir eine Welt erdacht, welche ich jedoch mir selbst nicht vollständig zugänglich erhalte, ich hätte mir Sprachen erdacht, und zwar nicht nur solche, so ich selbst verstehe, sondern auch solche, welche ich nicht verstehe, so ich lernen könnte, wenn ich es wollte, welche jedoch andere von mir erdachte Wesen sprächen, und zwar mit einer Systematik, welche ich mir wiederum vorstellen müsste, von ihnen zu lernen, obgleich alles davon meiner selbst entspringt. Allein, ich halte dies nicht für sonderlich plausibel. Es macht alles unnötig kompliziert.
Was sich überhaupt gegen solcherlei Formen von Skeptizismen einwänden lässt, ist, dass wir Theorien aufstellen, um entweder etwas hervorzubringen, beispielsweise eine Maschine, oder um umgekehrt etwas zu erklären, welchem dann freilich die Theorie nicht vorschreibt, was es zu tun hätte, etwa ein Naturgesetz, welches dann zu unterscheiden ist von einem juridischen Gesetz. Besagte Formen – dies meint freilich nicht alle – tragen jedoch zu keinerlei Verständnis bei, sondern drängen auf Wege, so uns in die entgegengesetzte Richtung führen. Was ein gemäßigter Skeptizismus bezüglich einzelner Aspekt zu leisten vermag, ist, unsere Theorien ständig aufs Genaueste zu überprüfen.
Über sich selbst zu reflektieren ist natürlich nicht das einzige, mithin nicht hinreichende Charakteristikum des Ich, allerdings schon ein notwendiges. Wer ein Ich ausbildet, kann über sich selbst reflektieren und kann seine Gedanken über sich selbst kommunizieren, auf welchem Wege immer. Das Ich ist nicht das einfach das Empfangen von Signalen; das Selbst nimmt Signale wahr, darum können ja auch andere Tiere als der Mensch Signale wahrnehmen. Das Ich befindet sich in dieser Hinsicht jedoch auf einer Art Metaebene, auf welcher es die Signale und was das Selbst noch wahrnehmen beziehungsweise empfangen mag, zu deuten und interpretieren in der Lage ist.
15.07.09 @ 09:24
Kommentar von: Patrick Zimmerschied [Mitglied] E-Mail
@ Markus Schroer:
Wieso sagst du, dass meine Gedanken der schwächeren Form des Skeptizismus entsprechen würden? Es ist doch ziemlich eindeutig, dass ich für den globalen Skeptizismus plädiere. Wenn ich schreibe, dass es keinen privilegierten Zugang zur Wahrheit gibt, dass alle Annahmen angezweifelt werden können und es kein objektives Wissen über die Welt geben kann, dann ist das doch der radikalste Skeptizismus den es gibt. Ich hab in meiner Antwort auf deinen ersten Kommentar ja sogar geschrieben, dass es keine Außenwelt geben muss. Was müsste ich denn, deiner Meinung nach, noch behaupten, damit ich dem globalen Skeptizismus zuzuordnen wäre? Eine Trennung zwischen dem Zweifel an allem und der Einstellung an allem zweifeln zu können, erscheint mir wie Haarspalterei. Beides sagt doch, dass es kein Wissen über die Welt gibt.
Ich kann auch dem nicht zustimmen, was du über „Partikelkombinationen“ und „Schallkombinationen“ schreibst. Wenn die Außenwelt, in ihrem ganzen paradoxen Chaos, auf meine Sinne einströmt, dann presse ich sie doch in Verstandesform. Was keine Bedeutung hat, erlangt erst durch mich Bedeutung. Es gibt also kein Richtig oder Falsch, die Aussagen über die Welt betreffend. Wie losgesendete Photonen die von einer Antenne erfasst werden und dadurch zu Wellen werden, dazwischen aber nichts sind, so hat auch die Welt weder Form noch Inhalt, sondern nur ich. Die Welt erscheint darum, durch mich, so als habe sie Form und Inhalt. Zu sagen, es gäbe da draußen etwas, was durch meine Gedanken repräsentiert wird, ist als würde man sagen, es gäbe eine Richtung, ohne ein Koordinatensystem. Die Welt als etwas zu sehen, das unabhängig vom Beobachter existiert, ist eine Vorstellung aus der Zeit vor der Quantenmechanik. Was dort draußen ist, ist nur eine Möglichkeit. Und sowenig wie die Zukunft existiert, sowenig existiert die Welt dort draußen.
Um jetzt zu deinem Absatz über Subjektivität zu kommen: Wodurch trennt man ein Vernunftwesen von einem unvernünftigen Wesen? Ich meine: Wo verläuft die Grenze? Ich habe mich noch nicht besonders intensiv mit Kant auseinandergesetzt und bin auch nicht gerade ein Fan von ihm. Vielleicht kannst du mir das erläutern.
Die Meinung, dass nichts außer meinen Gedanken existieren könnte, widerspricht nicht der Aussage, dass man sich nicht darin täuschen kann, dass man etwas wahrnimmt, wenn man Wahrnehmen als bewusst werden definiert. Eine optische Täuschung ist doch auch eine Wahrnehmung, oder? Woher kommt denn überhaupt irgendetwas? Nur die Gegenwart ist doch gewiss. Woran ich mich erinnere, das kann Täuschung sein. Wenn ich eine Sprache beherrsche, dann kann ich mir auch einbilden, dass ich die Sprache früher nicht gekonnt habe. Vielleicht sind meine Gedanken gerade erst entstanden und verschwinden im nächsten Moment wieder.
Ich bin nicht gerade zweckfixiert, von daher lasse ich deinen pragmatischen Einwand gegen den Skeptizismus mal nicht gelten. Mir macht es auch einfach Spaß gewohnte Denkmuster einzureißen und sinnlose Gedankenexperimente durchzuführen. Der Weg ist schließlich das Ziel.
16.07.09 @ 17:55
Kommentar von: Markus Schroer [Mitglied] E-Mail
Es scheinen einige Missverständnisse zwischen uns zu verstehen. Die Hypothese, dass alles bezweifelbar sei, ist zunächst ambig. Einerseits – dies wäre die starke Variante – kann sie bedeuten, dass der Aufsteller dieser Hypothese [i]de facto[/i] alles bezweifelt, und zwar in dem Sinne, dass dies auf alles gleichzeitig zutrifft. Andererseits – dies wäre die schwache Variante – kann sie bedeuten, dass der Aufsteller der Hypothese [i]in hypothesi[/i] alles bezweifelt, und zwar in dem Sinne, dass dies bloß auf eine oder einige Entitäten zutrifft.
Jene disqualifiziert sich selbst durch einen pragmatischen (performativen) Widerspruch, diese ist trivial. Erstere behauptet nämlich, was sie zugleich leugnet: dass es Wissen geben könne. Deutlicher wird dies anhand des simpleren Satzes: Es gibt keine Wahrheit. Der Satz beansprucht zugleich, was er negiert, nämlich dass etwas wahr sein könne. Der vorige Satz bezüglich des Wissens tut dasselbe auf einer höheren Ebene, zumindest wenn wir den Wissensbegriff nicht als primitiv (basal) sehen.
Letztere hingegen ist nichts weiter als das gewöhnliche philosophische Verfahren. Wilfrid Sellars hat die zutreffende Boot-Metapher Otto Neuraths (Wissenschaft sei ein Boot, in welchem wir säßen, und wir müssten die Planken einzeln austauschen, während wir unterwegs seien) in »Empiricism and the Philosophy of Mind« trefflich reformuliert: »[…]it [science, M. S.] is a self-correcting enterprise which can put any claim in jeopardy, though not all at once.« Selbiges trifft für den globalen Skeptizismus zu: es ist möglich, in hypothesi alles zu bezweifeln, jedoch nur indem einzelne Aussagen oder Entitäten zugleich bezweifelt werden. Entfernen wir während der Fahrt alle Planken, fallen wir unweigerlich ins Wasser, mithin haben wir mehr verloren denn erreicht. Es handelt sich folglich nicht um Haarspalterei, sondern um eine wichtige und sinnvolle Unterscheidung.
Ich hatte zu Deinen Gunsten angenommen, Du verträtest die schwache Variante, was zwar trivial, aber immerhin sinnvoll wäre. Überdem ist die starke Variante freilich nur ein Konstrukt in abstracto – in concreto wäre es nicht durchführbar. Denn dazu müsstest Du selbst den cartesianischen Zweifel (der freilich ein methodischer, nicht beliebiger ist) hinter Dir lassen, indem Du bezweifelst, dass Du zweifelst: was unmöglich ist, und zwar selbst in abstracto. Im Übrigen setzt Du während unserer Diskussion sowie in der Zeit zwischen den jeweiligen Antworten voraus, dass eine Außenwelt sowohl als Fremdpsychisches existiere. Du führst Deinen Skeptizismus demzufolge nicht in concreto durch.
Wenden wir uns demohngeachtet dem nächsten Aspekt zu. Ich habe zuvor nur von verschiedenen materialen Kombinationen als solchen gesprochen, nicht von der individual-subjektiven Verarbeitung durch den menschlichen Verstand. Dieser Unterschied ist wichtig. Die Verarbeitung der eingehenden Daten kann freilich individuell unterschiedlich ausfallen, das bezweifele ich keineswegs (man bemerke die unbeabsichtige Ironie des Satzes). Du setzt im Übrigen erneut eine Außenwelt voraus, wenn Du sagst, durch Dich erhalte alles erst eine Bedeutung, welche es unabhängig von Dir nicht habe. Dem stimme ich völlig zu. Es gibt keine extrinsische Bedeutung, keinen extrinsischen Wert, keinen extrinsischen Sinn, keine extrinsische Wahrheit. Ohne Wesen mit Konzepten kann es nichts dergleichen geben. Ich muss an dieser Stelle allerdings noch einmal meinen Zweifel bekräftigen, dass es überhaupt so ein Verhältnis in der Form von Innen-Außen gibt. Jedenfalls tendiere ich derzeit dazu, dass uns die Welt wesentlich direkter zugänglich ist, als wir glauben. Unser perspektivischer Standpunkt ist nur einer von ad indefinitum möglichen, und anscheinend gibt es mehr als eine Ebene der möglichen Anschauung. Allein, erst durch Wesen mit Wahrnehmung kommt so etwas als ein Standpunkt, eine Perspektive oder wie man sonst will, zustande. Gibt es ontologisch mehr als epistemologisch? Gibt es epistemologisch mehr als ontologisch? Trifft beides gleichermaßen zu? Meine Gedanken dazu sind, wie Du siehst, noch nicht ausgereift und zu Ende gedacht, weil ich mich zuletzt mit anderen Ideen und Fragen befasst, diesem Aspekt hingegen nur periphere Aufmerksamkeit geschenkt habe. Ich werde mich indes in (hoffentlich naher) Zukunft weiter damit auseinandersetzen. In jedem Falle lässt mir dies die Rede von einer Außenwelt im Allgemeinen wenig sinnvoll erscheinen.
Für die Trennung zwischen vernünftigen und unvernünftigen Wesen lassen sich durch theoretische Überlegungen Kriterien finden; denn zunächst bedarf es freilich einer Definition des Begriffes der Vernunft. Es fragt sich wohl, ob wir bereit sind, Vernunft auch anderen Wesen zuzuschreiben als dem Menschen. Durch empirische Forschung können wir die theoretischen Überlegungen verifizieren und falsifizieren beziehungsweise anhand derselben feststellen, auf welche Wesen sie zutreffen und auf welche nicht. Dass diesbezüglich immer wieder Korrekturen nötig sein können, ist klar.
Um Kant an dieser Stelle abzuhandeln, bräuchte es zu lange, und dies zu versuchen, wäre wenig sinnvoll. Meines Erachtens erschließen sich einem Kants Ansichten am besten durch die Eigenlektüre der Primärtexte. Wer dies nicht zu bewerkstelligen vermag oder den Aufwand nicht aufzubringen bereit ist, sollte beispielsweise Ottfried Höffes Buch »Immanuel Kant« konsultieren, welches angenehm und einfach zu lesen ist, einen guten Überblick über Kants gesamtes System gibt, es rezensiert und auch eine kurze Biographie beinhaltet.
Nun zum Thema Wahrnehmung. Wahrnehmung findet nicht bloß bewusst statt, sondern zum größten Teile unbewusst. Für das Bewusstsein müssen die ca. 11 Millionen Sinneseindrücke, welche pro Sekunde (!) auf uns einströmen, bereits auf einen einstelligen Betrag reduziert werden. Wäre dies nicht der Normalfall, wären wir außerstande, unser Leben zu meistern. Dies zeigt sich nicht zuletzt an einer Form von Autismus, dero Name mir leider entfallen ist: Die Betroffenen können nichts aus ihrem Bewusstsein ausblenden, was zur Folge hat, dass sie in einer Zeichnung alles bis aufs kleinste Detail wiederzugeben vermögen, ihr Leben allerdings weitergehend nicht ohne Hilfe bewerkstelligen können.
Dass eine optische Täuschung auch eine Form der Wahrnehmung sei, habe ich nicht bestritten. Anscheinend habe ich mich missverständlich ausgedrückt oder Du hast mich falsch interpretiert oder beides.
Mir ist nicht klar, worauf Du Dich mit der Erwähnung eines von stammenden pragmatischen Einwandes wider den Skeptizismus beziehst. Zitiere mich am besten.
Wenn es Dir Freude bereitet, sinnlose Gedankenexperimente durchzuführen, so will ich sie Dir keinesfalls nehmen, allein dies sollte nicht Bestandteil einer seriösen Diskussion sein, wenn es darum geht, eine bestimmte Ansicht oder Position zu verteidigen respektive eine andere solche anzugreifen.
16.07.09 @ 22:48
Kommentar von: Patrick Zimmerschied [Mitglied] E-Mail
@ Markus Schroer:
Tatsächlich herrschen wohl einige Missverständnisse zwischen uns. Ich versuche mich jetzt, im Folgenden, so klar wie möglich auszudrücken.
Der Satz „Es gibt keine Wahrheit“, kann nur richtig sein, wenn man ihn auf die Außenwelt bezieht. Das habe ich versucht in meinem Text deutlich zu machen. Was ich mit der Analogie von den Blinden, die nicht sehen können, veranschaulichen wollte, ist, dass ich mir bewusst bin, dass ich existiere und darüber Aussagen machen kann, ich aber gleichzeitig keine Aussagen über die Welt außerhalb von mir machen kann, denn sie ist eben kein Teil von mir. Um es mit dem von dir gewählten Vergleich des Bootes zu beschreiben: Ich nehme die Planken meines Bootes, welches die Welt symbolisiert, und indem ich sie alle nacheinander über Bord werfe, sage ich, dass ich mir ihrer nicht sicher sein kann. Ich tue dies solange, bis kein Boot mehr da ist. Und trotzdem stoße ich nirgends auf einen Widerspruch, denn ich bin ja noch da, nur das Boot/die Welt ist verschwunden. Der Skeptizismus ist mein Handeln, also die Dekonstruktion des Bootes/der Welt. Er ist nicht von seiner eigenen Aktivität betroffen.
Ich verhalte mich so als wäre die Welt real, weil es für mich keinen Unterschied macht, denn ich empfinde ja auch Schmerz und Trauer und Freude und alles andere, wenn die Welt nicht existiert. Die Gefühle sind schließlich in mir und nicht in der Welt.
Wir stimmen absolut darin überein, dass man nicht sinnvoll von einer Außenwelt sprechen kann. Ich habe in meiner letzten Antwort geschrieben, dass die Außenwelt nur eine Möglichkeit ist und eben deshalb nicht unabhängig vom Betrachter existiert. Dass etwas möglich ist, sagt, dass etwas gerade nicht existiert. Es war auch im Mittelalter möglich, dass Menschen zum Mond fliegen. Gemacht haben sie es aber zu dieser Zeit, soviel ich weiß, nicht. Und zwar aus dem einfachen Grund, dass es eben nur möglich war, allerdings durch die Umstände bedingt (fehlendes Wissen etc.) nicht stattfand. Wenn man nun aber sagt, es könnte eine Raum-Zeit-Ebene geben, in der die Menschen im Mittelalter zum Mond geflogen sind, heißt das dann, dass dies wirklich passiert ist? In der Zukunft sind wir alle tot. Heißt das, dass unser Tod existiert? Was ich sagen will: Wenn ich von einer hypothetischen Außenwelt spreche, dann spreche ich von einer Möglichkeit. Eine Möglichkeit hat keine Bedeutung. Sie ist kontextunabhängig. Ich zerstöre die Möglichkeit dadurch, dass ich ihr eine Bedeutung gebe. Eine Bedeutung ist aber subjektiv und somit schon nicht mehr Teil der Welt, sondern von mir. Wie du vielleicht merkst: Für die Welt bleibt kein Platz mehr, denn ich fülle schon alles vollständig aus.
Wenn du nun von einem direkten Zugang zur Welt sprichst, meinst du dann, dass wir ein Teil der Welt sind und deshalb die Welt wahrnehmen wie sie ist? Wenn wir aber nur ein Teil der Welt wären, dann würde immer noch ein Rest übrigbleiben. Dieser Rest wäre dann aber eine allgemeine Außenwelt, von der du allerdings sagst, die Rede von ihr sei nicht sinnvoll. Das würde man umgehen, wenn man sagt, dass ich alles bin was ist.
Die Wahrnehmungsstörung, von der du schreibst, nennt man Savant-Syndrom. Es ist keine Form von Autismus, aber die meisten Savants leiden unter Autismus. Wenn du eine interessante Theorie über das Bewusstsein, kennenlernen willst, dann beschäftige dich mal mit Panpsychismus, falls du das noch nicht getan hast. Vor allem David Chalmers hat da interessante Gedankengänge. Ich halte sie für außerordentlich plausibel.
18.07.09 @ 18:36
Kommentar von: Markus Schroer [Mitglied] E-Mail
Du hast zwar recht damit, dass der Satz »Es gibt keine Wahrheit«, um den pragmatischen (performativen) Widerspruch zu vermeiden, eingeschränkt werden muss. Allerdings handelt es sich dann nicht mehr um denselben Satz: »Bezüglich der Außenwelt gibt es keine Wahrheit« ist offensichtlich eine andere Aussage als »Es gibt keine Wahrheit«.
Was Du mit Deiner Analogie hinsichtlich der Blinden bezweckst, leuchtet mir ein, beruht aber auf dem cartesianischen und zum größten Teil neuzeitlichen Vorurteil, das Wissen über den eigenen Geist sei in irgendeiner Weise privilegiert. Um weswillen ich diese Perspektive (mittlerweile) ablehne – oder zumindest nicht mehr ohne weiters anzuerkennen bereit bin –, habe ich bereits in meinen letzten Antworten ausgeführt. Natürlich ist die Außenwelt (um trotz allem bei diesem konventionellen Begriff zu bleiben) kein Teil von mir – allein ich bin Teil ebendieser Welt, selbst wenn dies, wie Descartes, Kant und andere annahmen, wiederum nur auf einen Teil von mir zutrifft (ich denke dabei an Descartes’ Einteilung der Dinge in res cogitans und res extensa sowie Kants drittes Postulat der Unsterblichkeit der Seele; welche ich im Übrigen in beiden Fällen ablehne).
Mich dünkt, es tut sich noch ein weiterer Unterschied auf, und zwar zwischen der Bezweiflung der Welt als solcher (ontischer Zweifel) und dessen, was ich erkennen könne (epistemischer Zweifel). Freilich erübrigt sich dieser, wenn ich jenen vollständig bejahe. Allein, dies wird einzig durch die Annahme des Privileges der Innenperspektive (individual-subjektiv) möglich; gehen wir davon aus, dass wir Teil der Welt sind (objektivierende Sicht), wird es unmöglich, das Boot vollständig auseinanderzunehmen, ohne ins Wasser zu fallen. Dass der Skeptizismus nicht parasitär, d. i. selbstzerstörerisch werde, weil er nicht von seiner eigenen Tätigkeit betroffen sei, ist eine (Deine) arbiträre Beschränkung: Du hörst einfach an der Stelle auf, an welcher es Dir beliebt (wenngleich ich sehe, dass das Ganze einen Sinn hat, an besagter Stelle einen Einschnitt zu machen). Es folgt daraus allerdings zweierlei: Erstens ist Dein Skeptizismus damit nicht mehr global, weil Du nicht mehr alles bezweifelst, zweitens (wiederum eine Folge der ersten Konsequenz) wird Deine Position damit dogmatisch: Warum darfst Du an besagter Stelle aufhören, zu zweifeln? Weil es Dich sinnvoll dünkt – dünkt, allein Du weißt es nicht.
Gefühle sind in Dir, ja, allein was sind die Ursachen derselben, wenn es außer Dir selbst nichts gibt? in Dir? Aber warum solltest Du Dich selbst traurig machen? oder fröhlich? Die Vermutung läuft ins Leere, soweit ich sehe.
Die Verwendung des Begriffes der Möglichkeit dünkt mich durchaus ambig in der Literatur. Einige sagen, was real, was wirklich sei, müsse auch möglich sein. Es stellt sich die Frage, ob es auch dann noch möglich ist, sobald es real ist, oder ob es nur möglich ist, solange es nicht wirklich ist. Wenn ich Dir richtig folge, plädierst Du für letztere Variante, und darin stimme ich mit Dir überein.
Ich weiß das Beispiel des Mondfluges im Mittelalter nicht richtig zuzuordnen. Mich dünkt, dasselbe setzt voraus, dass es so etwas wie objektive Möglichkeiten gebe, statt bloß individual-subjektive und kollektiv-intersubjektive. Allerdings lässt sich das Beispiel doch am besten kontrafaktisch formulieren: »Wenn die im Mittelalter lebenden Menschen das notwendige Wissen und die hinreichende Technologie gehabt hätten, hätten sie zum Monde fliegen können.« Da sie indes weder das Wissen noch die Technologie besaßen, konnten sie nicht zum Monde fliegen; anders gesagt: es war nicht möglich, dass sie zum Mond hätten fliegen können.
Bedeutung ist im Übrigen nicht bloß subjektiv, sondern auch intersubjektiv, obzwar nicht objektiv. Dies wäre allerdings eine eigene Debatte der Sprachphilosophie, in welche ich an dieser Stelle nicht einzusteigen gedenke, weil wir uns schon mit Konzentration auf den Skeptizismus in Gefilden bewegen, die für sich schon komplex genug sind.
Hinsichtlich der Raumzeit-Ebene weiß ich derzeit keine Antwort, da die Frage von Möglichkeit und Wirklichkeit mich in diesem Zusammenhang wieder ambig zu werden dünkt. Mit Blick auf die Todesfrage in der Zukunft scheint mir die Antwort indes recht klar zu sein: »Die Zukunft« existiert nicht; wir können ausstehende Ereignisse gedanklich antizipieren, weil wir in der Lage sind, verschiedene Kausalketten und Mechanismen gedanklich zu kombinieren, so dass wir wiederum dero Ergebnisse beziehungsweise Konsequenzen zu prädizieren vermögen (wofern die Kausalketten und Mechanismen, von welche Letzteren es bekanntlich Ausnahmen geben kann, so verlaufen wie gedanklich antizipiert). Aus ebendiesem Grunde existiert unser Tod nicht; abgesehen davon hätte es die absurde Konsequenz, dass es »den Tod« als subsistierende Entität geben müsste oder wenigstens könnte. Wenn jemand gestorben ist, sagen wir schließlich auch nicht, dass ein Tod existiere, sondern dass er tot sei, mithin negieren wir lediglich das Leben.
Nein, ich meine nicht, dass wir die Welt vollständig so wahrnehmen, wie sie an sich ist – sofern ein Ansich überhaupt intelligibel ist (wir hatten in diesem Zusammenhang beide bereits die Quantenmechanik erwähnt).
Danke für die Korrektur bezüglich der von mir geschilderten Störung. Ich hatte nur noch dunkel im Sinne, dies einmal in einem Fernsehbericht gesehen zu haben, um weswillen ich mich offenbar fälschlicherweise die Störung mit einer Form von Autismus gleichgesetzt habe.
Was genau meinst Du mit »eine allgemeine Außenwelt«?
Mit der Theorie des Panpsychismus habe ich mich aus Zeitgründen bisher nicht ausführlich auseinandersetzen können, obzwar mir der Begriff und seine allgemeine Definition bekannt sind. Ich werde dies hoffentlich in naher Zukunft nachholen können.
19.07.09 @ 17:47
Kommentar von: Patrick Zimmerschied [Mitglied] E-Mail
@ Markus Schroer:
In deinem ersten Kommentar schreibst du: „Das Konzept der Wahrheit besagt, um es noch einmal deutlich darzustellen, DASS die Welt unabhängig von unseren intra- und interindividuellen Überzeugungen sei“. Wenn ich mir nun noch deine folgenden Einträge durchlese, dann scheint es mir immer stärker so, dass du von der Vorstellung der Objektivität, welche wir besitzen, auf ein Vorhandensein der Außenwelt schließt. Ist das richtig?
Der Ausdruck „allgemeine Außenwelt“, war übrigens ein Fehler von mir. Ich hatte in Erinnerung, dass du ihn benutzt hättest, aber du hast nur geschrieben: „In jedem Falle lässt mir dies die Rede von einer Außenwelt im Allgemeinen wenig sinnvoll erscheinen“. Sorry.
Mein Fehler ändert aber nichts daran, dass mir unklar ist, wie du diese Aussage, deine Darstellung mehrerer Ebenen der Anschauung der Welt und deine oben genannte Definition der Wahrheit zu einer homogenen Theorie formen willst. Vor allem wenn man noch die Erkenntnisse aus der Quantenmechanik betrachtet (Unschärferelation, Welle-Teilchen-Dualismus, Verschränkungen, etc.).
Ich hatte nicht geschrieben, dass du meinst wir würden die Welt vollständig so wahrnehmen wie sie ist, sondern nur wir würden die Welt so wahrnehmen wie sie ist. Ich hatte den Eindruck du hast eine Art Viele-Welten-Szenario vor Augen, um die „verschiedenen Ebenen der Anschauung“, wie du es nennst, zu erklären. Da lag ich wohl falsch.
Du sprichst an den Stellen, wo du meinen Zweifel an einer Welt außerhalb von mir kritisierst, immer wieder von fehlenden Ursachen, aber in der Quantenmechanik, ist es ja gerade so, dass es gar keine Ursachen gibt. Virtuelle Teilchen entstehen und vergehen einfach so. Man nennt das Vakuumfluktuation. Dies ist ja auch der Grund, warum der Urknall keine Ursache hatte. Dass die Gesetze der Kausalität in der Welt der Quanten nicht gelten, hängt, denke ich, mit der fehlenden Zeitdimension auf dieser Ebene zusammen. Photonen verändern sich, durch ihre Einfachheit, ja niemals, von daher ist der Zeitbegriff nicht auf sie anwendbar. Ich habe da, finde ich, eine schöne Analogie aus der Science-Fiction, um das Entstehen aus dem Nichts durch das Fehlen einer chronologischen Ordnung zu veranschaulichen: Stell dir vor, ein Mensch aus der Zukunft reist durch eine Zeitmaschine zurück und übergibt dem Erfinder in spe der Zeitmaschine, die Bauanleitung für selbige. Woher kam dann diese Anleitung ursprünglich?
Hier möchte ich auch ansetzen, um meine Verwendung des Begriffs „Möglichkeit“ zu klären. In der Quantenmechanik ist das ein ganz fundamentaler Begriff. Ich benutze ihn in genau diesem Sinne. Nämlich so, wie man von Aufenthaltswahrscheinlichkeiten eines Teilchens spricht. Du hast den Satz „Es war auch im Mittelalter möglich, dass Menschen zum Mond fliegen“ nicht so gelesen, wie es von mir gedacht war. Ich wollte damit sagen, dass es für Menschen im Mittelalter möglich war zum Mond zu fliegen, weil es prinzipiell möglich ist. So wie es beispielsweise auch möglich ist sechs Richtige im Lotto zu haben oder vom Blitz erschlagen zu werden. Deshalb hatte ich ja auch geschrieben, dass Möglichkeiten kontextunabhängig sind. Darum habe ich auch angefangen nach parallelen Raum-Zeit-Dimensionen zu fragen. Ich wollte damit eigentlich den Gedanken hervorrufen, dass die Außenwelt ebenso wenig existiert, wie solche Parallelwelten. Sie sind eben nur möglich (also haben eine gewisse Wahrscheinlichkeit). Du gehst eher von einem deterministischen Ansatz aus, indem du die Möglichkeit praktisch soweit in die Enge treibst, bis sie zur Tatsache wird. Das kann man aber nur retrospektiv tun, wenn die Möglichkeit bereits zur Tatsache geworden ist. Durch eine solche Überlegung, wie sie von dir formuliert wurde, sagst du aber, dass nur das existiert was eingetreten ist. Da die Welt unabhängig vom Betrachter noch nicht eingetreten ist, sondern laut der Quantenmechanik nur stochastischer Natur ist, sagst du somit doch, dass die Welt unabhängig vom Betrachter nicht existiert. Solange die Wellenfunktion noch nicht kollabiert ist, bestehen alle Möglichkeiten nebeneinander. Das Beispiel eines Mondfluges im Mittelalter ist durch seine geringe Wahrscheinlichkeit natürlich extrem weit hergeholt, aber ein primitiver Hubschrauber wäre beispielsweise denkbar (so wie Da Vinci ihn ja auch skizziert hatte). Man kann also sagen es war möglich, dass die Leute im Mittelalter Hubschrauber fliegen.
Das Dogma, welches mich den Skeptizismus an der entsprechenden Stelle abbrechen lässt, ist übrigens das Dogma der Logik. Wie ich am Ende meines Textes geschrieben habe, muss man dadurch, dass man weiß, dass man existiert, anerkennen, dass man nicht weiß, dass etwas anderes existiert (weil das Andere eben nicht ich ist). Ich bin, was ich wahrnehme und darum bleibt mir nichts anderes übrig als daran zu zweifeln, dass außerhalb meiner Wahrnehmung noch etwas existiert. Man kann natürlich auch auf die Logik verzichten, wie ich geschrieben habe, aber dann gibt es eben auch kein Richtig oder Falsch mehr.
20.07.09 @ 15:18
Kommentar von: Markus Schroer [Mitglied] E-Mail
In gewisser Weise tue ich das, ja. Was dies anlangt, folge ich Donald Davidsons Konzeption in »Three Varieties of Knowledge«. Knapp zusammengefasst, ohne jedoch an dieser Stelle auf die gesamte Argumentation darzustellen, welche sich im Übrigen über einige andere Aufsätze erstreckt, was seine Überlegungen nicht gerade einfach zugänglich macht, gibt es nach ihm drei Arten des Wissens, welche einander wechselseitig bedingen. Dabei handelt es sich um a) Wissen über den eigenen Geist (»knowledge of one’s own mind«), b) Wissen über die Außenwelt (»knowledge of the external world«) und c) Wissen über das Fremdpsychische (»knowledge of other minds«). Wie Davidson sehe ich zwischen allen dreie Arten des Wissens keine unüberwindlichen Grenzen; im Unterschied zu ihm räume ich allerdings dem Wissen über den eigenen Geist keinen privilegierten Zugang ein. Ich muss diesen meinen Ansatz indes noch weiter ausarbeiten, um diesbezüglich eine klarere Position beziehen zu können.
Dass es mehrere Anschauungsebenen geben könne, wie zumindest Mikro- und Makrokosmos nahelegen, widerspricht nicht der Annahme, dass die Dinge unabhängig von Anschauung überhaupt nur auf eine Weise sind. Ich meine damit, dass es keine Rolle spielt, ob ich das Buch vor mir auf super- oder subatomarer Ebene betrachte, da es immer dasselbe Buch bleibt, auch wenn es aus vielen verschiedenen kleinen und kleinsten Teilen besteht. Ein Viele-Welten-Szenario hatte ich dabei tatsächlich nicht vor Augen.
Pardon, der Aspekt der Vakuumfluktuation war mir entfallen, da es schon eine Weile her ist, dass ich mich mit der Quantenmechanik beschäftigt habe. Allein, Gefühle spielen sich, soweit ich weiß, auf der Makro-, nicht auf der Mikroebene ab, mithin können Gefühle Ursachen haben und haben sie auch. Dass sie dies tun, ist freilich wiederum eine empirische Feststellung. Jedoch dünkt es mich absurd, dass Gefühle etwas sein sollten, was einfach so entsteht und vergeht, denn sie sind, im Gegensatz zu den Objekten der Mikroebene, komplex und in der Zeit. Letztlich wären wir wieder bei der Konsequenz, dass Du selbst immer schon existiert haben müsstest, und dies ist doch wesentlich absurder als die Annahme einer Außenwelt, deren Du ein Teil seist.
Mir sind solche Zeitreiseparadoxien bekannt. Ähnlich ist diese: Wenn es möglich wäre, mit einem Raumschiff, einer Rakete oder Ähnlichem durch die Zeit zurückzureisen, müsste man ankommen, bevor man die Reise angetreten hätte. Diese Paradoxien sind anschaulich, übersehen jedoch etwas Beträchtliches. Die physikalische Zeit ist nach unseren aktualen Theorien nicht mehr mit der Zeit, von der wir meist im Alltag reden, identisch und abgesehen davon nicht mehr vom Raum zu trennen. Durch die Zeit zu reisen, gleichviel, ob vor oder zurück, bedeutete zunächst nichts weiter, denn schneller als das Licht zu fliegen. Es folgt hieraus indes lange nicht, dass eine solche Zeitreise einem Vor- oder Zurückspulen eines Filmmitschnittes gliche, so dass man in bereits vergangene oder noch ausstehende Ereignisse eingreifen könnte. Wir wissen freilich nicht, was tatsächlich passiert, wenn wir etwas mit Lichtgeschwindigkeit oder mehr zu beschleunigen, weil es meines Wissens bisher niemandem gelungen ist, dies zu tun. Wenn ich mich recht entsinne, liegt das beste Ergebnis bei 99,8% der Lichtgeschwindigkeit. Es fragt sich freilich, ob es überhaupt möglich ist, etwas so zu beschleunigen, dass es sich schneller als das Licht bewegt.
Nun zum Begriff der Möglichkeit. Ich bezweifle, dass meine Ausführungen voraussetzen, dass etwas erst dann möglich sei, wenn es bereits wirklich ist. Das Lotto-Beispiel zeigt doch eines: Im Mittelalter war es den Menschen auch prinzipiell unmöglich, sechs richtige im Lotto zu haben, und zwar aus dem einfachen Grunde, dass es kein Lotto gab. Jemand hätte dieses Spiel oder etwas Ähnliches erfinden können, was jedoch nicht der Fall war, und ohne ein solches Spiel besteht nicht die Möglichkeit, dabei zu gewinnen.
Bezüglich des Mondfahrt-Beispieles erwidere ich, dass es prinzipiell möglich ist, dass ein Körper die Strecke von der Erde bis zum Mond zurücklegt; dass es jedoch prinzipiell möglich ist, d. i. zu allen Zeiten (im gewöhnlichen Sinne) möglich war, dorthin zu fliegen, ist darin aber gar nicht enthalten.
Der Begriff der Möglichkeit bedeutet doch letztlich nichts anderes, als das Konzept zu haben, zukünftige Ereignisse aus Erfahrungen zu antizipieren. Dies lässt sich dann in Form von kontrafaktischen Sätzen im Irrealis auch auf bereits Vergangenes anwenden, indem man nämlich sagt: dies und jenes wäre möglich gewesen. Ko- und kontextunabhängig ist dies jedoch nicht. Ganz im Gegenteil, so etwas als Möglichkeiten gibt es ja strenggenommen überhaupt nicht, weil es keine solchen Entitäten gibt. Möglich ist etwas bloß dann, wenn jemand weiß, wie er aus Erfahrungen Zukünftiges antizipieren kann.
Wie Du selbst feststellst, ist das Dogma, von welchem ich gesprochen habe, dasjenige der Logik. Dein Problem besteht darin, dass Du dieses Dogma eben nicht überwinden kannst, weil Du Dich auf Logik berufen musst, um Deine Position überhaupt aufstellen und sodann verteidigen zu können. Weil Du aber genau dies tun musst, ist Dein Skeptizismus nicht global, denn ein globaler Skeptizismus ist unmöglich.
Mittlerweile bin ich wenigstens beruhigt, dass Du den Skeptizismus auch bloß als theoretische, aber nicht zu praktizierende Position siehst.
23.07.09 @ 04:43
Kommentar von: Patrick Zimmerschied [Mitglied] E-Mail
@ Markus Schroer:
Mir ist klar, dass du davon ausgehst, dass es da draußen so etwas wie qualitätslose Informationsträger gibt. Du denkst anscheinend, dass es zwar kein Buch, unabhängig vom Betrachter, gibt, aber Teilchen, die auf eine Weise angeordnet sind, so dass ich, wenn ich sie wahrnehme ein Buch sehe. Du sagst also, dass ich mir, wenn ich etwas wahrnehme, auch sicher sein kann, dass etwas da ist. Das sage ich auch. Aber ich meine damit, dass ich mir nur sicher sein kann, dass meine Wahrnehmung da ist. Wenn man deine Annahme befolgt, kann man sich ja auch nicht sicher sein, dass das, was ich wahrnehme schon existiert hat, bevor ich es wahrgenommen habe. Ich denke einfach, dass etwas, was ich nicht wahrnehme, auch nicht existiert. Unsere Wahrnehmung ist ja bei dir nur eine indirekte (wenn sie direkt wäre, dann gäbe es ja keine Außenwelt, sondern nur meine Wahrnehmung), deshalb kann ich mir auch unter deinen Prämissen nur der Wahrnehmung sicher sein. Übrigens entstehen aus Objekten der Mikroebene, Objekte der Makroebene, sonst wäre das Universum wohl kaum jemals entstanden.
Deine Gedanken über Zeitreisen, gehen an der Intention meiner Analogie vorbei, denn um in der Zeit zurückzureisen, muss es Zeit erst einmal geben. In der Quantenwelt gibt es sie nicht, es ist unsinnig dort von Zeit zu sprechen. Ich wollte einfach die Entstehung aus dem Nichts, durch die Abwesenheit eines Zeitpfeils verdeutlichen. Natürlich kann man sich nicht schneller als das Licht bewegen, denn Photonen haben die geringste mögliche Masse und ihre maximale Geschwindigkeit ist die Lichtgeschwindigkeit, alles was mehr Masse als ein Photon hat, kann sich nicht mit Lichtgeschwindigkeit bewegen. Ich kann dir auch sehr genau sagen, was passiert, wenn man versuchen würde ein makroskopisches Objekt mit Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen: Es würde verdampfen.
Wie du richtig festgestellt hast, ist Raum und Zeit äquivalent. Das hat zur Folge, dass ein Punkt im Raum, einem Punkt in der Zeit entspricht. Die Gegenwart kann man also als einen Ort betrachten. Ein Ort, der nicht in der Gegenwart liegt, entspricht der Vergangenheit oder der Zukunft. Da mein Standpunkt die Gegenwart ist und er durch meine Vergangenheit bestimmt ist, ist alles, was außerhalb von mir liegt, die Zukunft. Die Zukunft existiert aber nicht.
Deine Vorstellung von Möglichkeit ist enger gefasst als meine. Wie gesagt, nimmst du immer schon Fakten, die sich nicht nur aus den Gesetzen der Natur, sondern auch aus der relativen Position in der Zeit ergeben, als Prämisse. Diese Positionen sind aber eben relativ! Bei mir ist alles möglich was nicht meiner Erfahrung zugänglich ist (mit unterschiedlich hoher Wahrscheinlichkeit) und wie du selbst feststellst, gibt es Möglichkeiten im realistischen Sinne gar nicht. Es gibt also nichts außerhalb meiner Wahrnehmung.
Wenn es deine Ansicht ist, dass es nicht dem globalen Skeptizismus zuzurechnen ist, wenn ich sage, dass man sich der Logik bedienen muss, wenn man etwas logisch verteidigen will und wenn man sich nicht der Logik bedient es auch nicht logisch verteidigen kann, dann gut. Das erscheint mir allerdings nicht sehr einleuchtend.
Dass du jetzt beruhigt bist, das beunruhigt mich aber ;-)
24.07.09 @ 15:10
Kommentar von: Webbär [Besucher] · http://webbaer.wordpress.com/
Man kann sich den Skeptizismus, der konzeptionell OK ist, sparen, wenn man sich bewusst wird wie Wissenschaft und Glauben funktionieren, nämlich funktionalistisch.
Wissen funktioniert - oder eben nicht, dann wird es angepasst.
Der Methodologische Naturalismus fällt mir hierzu noch ein.

BTW, etwas wissen wir sicher, bei dem Skepsis unangebracht ist: Etwas ist.

Beste Grüße vom Webbären!
01.08.09 @ 19:48
Kommentar von: Patrick Zimmerschied [Mitglied] E-Mail
@ Webbär:
Naja, also sparen kann man sich den Skeptizismus, denke ich, nicht. Ich sehe es zwar auch so, dass die Wissenschaft funktionalistisch arbeitet, aber wenn man Wissen als etwas Dynamisches ansieht, das den gegebenen Umständen angepasst wird, dann muss man sich doch auch eingestehen, dass es eigentlich kein objektives Wissen über die Welt geben kann. Dem Skeptizismus geht es doch nicht darum, die Wissenschaft abzuschaffen, sie funktioniert ja im Rahmen ihrer Möglichkeiten sehr gut, der Skeptizismus will nur aufzeigen, dass es eben überhaupt einen Rahmen gibt. Der praktische Nutzen, wird dabei, so wie ich das verstehe, nicht tangiert.
Die Wissenschaft beruht auf Beobachtungen und erklärt von diesen ausgehend die Welt induktiv (natürlich findet man auch deduktive Schlussfolgerungen, aber diese fußen immer auf Annahmen). Das Einzige, worauf sich die Wissenschaft letztendlich beruft, ist ihre logische Konsistenz, im Einklang mit den empirischen Daten. Sie muss also anthropozentrisch sein. Man stellt Theorien auf, über die Welt, so wie wir sie wahrnehmen, und diese Theorien entspringen einem Gehirn, das nur deshalb so ist, wie es ist, weil es Merkmale aufweist, die dem Individuum das Überleben in seiner Nische ermöglichen.
Wir beobachten immer nur Korrelationen. Warum etwas, etwas anderes zur Folge hat, dazu kann man nichts sagen. Die Wissenschaft gibt sich jedoch nicht mit der Beschreibung von Einzelfällen zufrieden, sondern will allgemeingültige Gesetze aufstellen. Das wird ihr wohl niemals gelingen (und selbst wenn es ihr gelänge, könnten wir es nicht überprüfen). Eine eher pragmatische Einstellung, ist in der Wissenschaft also durchaus angebracht. Von Wahrheitsfindung, im allgemeinen Sinne, kann dort jedenfalls keine Rede sein. Absolute Wahrheit gibt es nur als Tautologie. Und selbst in diesem Fall muss man, wie bereits angemerkt, immer auch die Logik als Fundament voraussetzen, weil man sonst keinerlei Aussagen machen könnte.
02.08.09 @ 21:05
Kommentar von: Webbär [Besucher] · http://webbaer.wordpress.com/
Richtig verstandene Wissenschaft implitziert den "Skeptizismus".
Absolut wahr ist "Etwas ist".
Wahrheit sollte ansonsten möglichst zu Hause bleiben.
Eventuell mal kurz auf den Puinkt bringen, warum "Skeptizismus" dennoch benötigt werden könnte...
Beste Grüße!
08.08.09 @ 23:53
Kommentar von: Patrick Zimmerschied [Mitglied] E-Mail
@ Webbär:
Also ich kann dir nicht ganz folgen. Du sagst doch selbst, dass richtig verstandene Wissenschaft, Skeptizismus benötigt. Warum fragst du dann noch, wofür der Skeptizismus gut sei?
Zudem muss er ja auch theoretisch gar keinen Nutzen haben. Seine Daseinsberechtigung kann auch rein ästhetisch sein.
Ich stimme dir jedenfalls zu, dass "Etwas ist", wahr ist. Das habe ich ja in meinem letzten Kommentar deutlich gemacht. "Etwas ist", ist schließlich eine Tautologie. Und Tautologien sind logisch immer wahr.
09.08.09 @ 17:55
Kommentar von: Webbär [Besucher] · http://webbaer.wordpress.com/
Die Wissenschaft ist ("idealerweise" - bei den ontologischen Naturalisten weiss man nicht so genau) selbst skeptisch bzw. "skeptizistisch" (man beachte die Metaphorik).
In den Bereichen der Politik ("Städterei", ich fasse den Begriff recht weit, Politik ist da, wo Wissenschaft aufhört), die von Natur aus unwissenschaftlich und dem Glauben verpflichtet sind, braucht man die Skepsis nicht. Politik ist unscharf und soll unscharf sein, was soll man dort mit Skepsis?
Zudem fällt mir gerade noch ein, dass der Skeptizimus in eigens geschaffenen Welten, bspw. in der Mathematik, nicht benötigt wird.
Mag natürlich sein, dass dem Webbären da etwas entgangen ist.
PS: "Etwas ist." ist nicht tautologisch.
PPS: kleines SW-Problem - das gesetzte Häkchen "Angaben merken" wird selbst vergessen, LOL.
09.08.09 @ 18:40
Kommentar von: Patrick Zimmerschied [Mitglied] E-Mail
@ Webbär:
Irgendwie erscheint es mir nicht sinnvoll, was du schreibst. Natürlich ist Skepsis in Bereichen, die subjektiv sind, nicht angebracht. Ich weiß ja, was ich denke, daran kann ich gar nicht zweifeln. Wenn nicht behauptet wird, dass etwas wahr ist, dann besteht doch auch nicht die Notwendigkeit seine Wahrheit zu hinterfragen. Es geht mir doch letztendlich darum, dass man sich nichts, außer seiner selbst, sicher sein kann.
Mathematik ist pure Tautologie und nichts anderes. Sie besteht nur aus Gleichungen. Genauso ist eben die Aussage „Etwas ist“ eine Tautologie. Wenn du sagst „Etwas ist“, dann muss etwas existieren, nämlich du selbst, denn sonst könntest du die Aussage nicht machen.
09.08.09 @ 19:36
Kommentar von: Webbär [Besucher] · http://webbaer.wordpress.com/
Skeptizismus war eine tolle Sache, als die Menschen sich ihrer Sache noch sicher waren und Wissenschaft absolutes Wissen zu liefern schien.
Heutzutage ist der Skeptizismus obsolet, muss skeptisch beäugt werden. ;-)
"Etwas ist" bitte nicht mit "cogito ergo sum" vermischen.
09.08.09 @ 23:34
Kommentar von: Patrick Zimmerschied [Mitglied] E-Mail
@ Webbär:
Wie soll man denn dem Skeptizismus skeptisch gegenüber sein, außer man verabschiedet sich von der Logik? Und nur weil etwas etabliert ist, heißt das nicht, dass man es gleich über Bord werfen muss. Wieso ist der Skeptizismus obsolet, wenn er, wie du eingestehst, für die Wissenschaft gebraucht wird? Kritisches Denken ist doch nicht von den Wissenschaftlern gepachtet, sondern muss überall, wo etwas behauptet wird, Anwendung finden.
Skeptizismus heißt alles zu hinterfragen, alles anzuzweifeln. Darum bedeutet „Cogito ergo sum“ automatisch „Etwas ist“, denn wenn ich bin, dann muss etwas sein, und „Etwas ist“ bedeutet „Cogito ergo sum“, denn eine Erkenntnis ist nur durch ein Ich möglich. Die Logik kann man nicht mit der Logik widerlegen. Nicht dass du mich falsch verstehst: Tautologien sind nichts Negatives. Im Gegenteil, sie sind die einzige Wahrheit, die wir jemals erfahren dürfen.
10.08.09 @ 23:33
Kommentar von: Christian Fischer [Besucher]
Es ist schön und gleichzeitig enttäuschend, die eigenen erschaffenen Gedanken bei anderen zu lesen.

Um eine psychologische Betrachtungsweise einzubringen: Meisst wurzelt diese Erkenntnis/dieser Standpunkt in einem perfektionistischen Wesenszug.

Die wissenschaftliche Betrachtung ist auch Markus' Stärke - doch ist es immer schwer eine gemeinsame Terminologie auszumachen.

Das unumstößliche, was Menschen immer ausserstande sein werden zu erkennen, der "blinde Fleck" - diesen nenne ich die Wirklichkeit.

Jedes Ereignis hat vier Seiten, deine, meine, die Wahrheit (anm. d. Red: Hier ist die Normalität, Meinung der Masse gemeint) und _das was wirklich passiert ist_.
18.08.09 @ 20:59
Kommentar von: Patrick Zimmerschied [Mitglied] E-Mail
@ Christian Fischer:
Es ist für mich natürlich genauso schön und gleichzeitig enttäuschend, zu hören, dass noch jemand anderes, die gleichen Gedanken hatte wie ich, wenn dem denn so ist.
Skeptiker werden wohl tatsächlich eher zu Perfektionismus neigen, als Personen mit anderer Überzeugung (ich tue es jedenfalls). Der Grund dafür ist, denke ich, das Bewusstsein darüber, dass kein Beweis ein endgültiger Beweis ist und man dementsprechend versucht eine große Anzahl von Indizien anzusammeln, um die Unsicherheit wenigstens so gering wie möglich zu halten. Wenn mein Leben nur ein Traum ist, dann helfen mir all diese Indizien selbstverständlich reichlich wenig, aber ich habe mit ihnen zumindest mehr Sicherheit als ohne sie.
Den „blinden Fleck“ als Wirklichkeit, den du erwähnst, habe ich auch schon vor ein paar Jahren in einer Kurzgeschichte mit anderen Worten umschrieben: „Realität ist das, was übrigbleibt, wenn niemand hinsieht“. Damals war mein Weltbild noch nicht so vollständig entwickelt wie heute, doch den meisten Ideen würde ich auch jetzt noch zustimmen. Nun würde ich nur an den zitierten Satz wahrscheinlich die Aussage „Realität ist nichts“ dranhängen.
Deinen letzten Absatz musst du mir noch näher erläutern. Ich bin mir nicht sicher, was die vier Seiten eines Ereignisses genau sein sollen.
19.08.09 @ 15:30

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Patrick Zimmerschied, geboren 1982 in Wetzlar. Zurzeit Student der Philosophie und der Politikwissenschaft, sowie studentische Hilfskraft an der TU Darmstadt.
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