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Das Leben muss sinnlos sein, solange man nicht geboren ist. Denn es wäre nicht schlimm, niemals geboren zu werden. Doch lebt man einmal, so macht es aber einen Unterschied, ob man am Leben bleibt oder nicht. Die Tatsache, dass man einmal lebt, rechtfertigt dadurch, dass man nicht sterben will, schon das Leben und mit diesem die Welt, welche Bedingung des Lebens ist.
Dass ich leben will, gibt dem Leben seinen Sinn. Der Tod ist also sinnlos. Er erhält allerdings einen Sinn, wenn der Drang zu leben erlischt, denn nun wird dieser durch den Drang zu sterben ersetzt.
Man will Schmerzen vermeiden, dies ist eine natürliche Reaktion. Erscheinen die Schmerzen des Sterbens (und damit meine ich auch die "Schmerzen" des Überwindens der Todesangst) geringer als die Schmerzen des Lebens, so wählt man den Tod. So wie in diesem Fall kein Drang zu leben mehr vorhanden ist, so kann es auch keinen Drang zu leben geben, wenn man noch gar nicht existiert, darum ist das Leben dort, vor dem Leben, sinnlos.
Ich schreibe bewusst von einem Drang, und nicht von einem Willen zu leben, denn in meinen Augen erfordert jeder Wille die Möglichkeit eines entgegengesetzten Willens. Das Willensgefühl entsteht, denke ich, durch die Komplexität des Gehirns. Dadurch, dass ein Reiz auch anders hätte verarbeitet werden können. Zum Beispiel indem ein sexueller Stimulus nicht nur durch primitive Bereiche des Gehirns verarbeitet wird, sondern durch den Neokortex sublimiert würde. Gäbe es keinen Neokortex, so wäre es natürlich gar nicht möglich den Impuls dort umzusetzen, man hätte, unter meiner Prämisse, dann also in diesem Fall auch kein Willensgefühl. Es ist trotzdem selbstverständlich rein zufällig, wie etwas im Gehirn interpretiert wird, und somit nicht "willentlich" gesteuert.
Während es also beim Menschen einen Willen zu leben gibt, weil er auch die Möglichkeit hat sterben zu wollen, gibt es bei Tieren (wahrscheinlich) nur einen Drang zu leben. Dies hindert aber andere Lebewesen wohl nicht daran, ihre Existenz durch diesen Drang als sinnvoll zu empfinden. Darum wähle ich den Begriff "Drang".
Wittgenstein hatte mit einer seiner Überlegungen unrecht: Was Sinn ermöglicht, kann nämlich doch selbst einen Sinn haben, allerdings nur retrospektiv. Etwas kann also seinen eigenen Sinn erschaffen.
Der Drang zu leben, der identisch ist mit dem Drang nicht zu sterben, erfüllt einen evolutionären Zweck. Er gibt denjenigen, die über ihn verfügen, eine größere Überlebenschance und damit einen Fortpflanzungsvorteil. Gleichzeitig bietet er eine Antwort auf die Frage, warum man überhaupt am Leben bleiben sollte, nämlich weil man es will.
Hier ergibt sich ein vermeintliches Paradoxon. Wenn A der Sinn von B ist und der Sinn von B umgekehrt A, dann entsteht das Problem, dass der Sinn des Sinnes von A ja logischerweise auch der Sinn von A sein muss. Der Sinn von A wäre also wiederum A. Womit A sinnlos wäre. Doch es ist genauso klar, dass A nicht nur A als Sinn hat, sondern auch B. Selbst wenn folglich der Sinn von B identisch mit A ist, muss A dennoch einen Sinn haben, denn B ist ja verschieden von A. Der Sinn von etwas muss logischerweise immer auch dieses Etwas selbst sein, also der Sinn von A immer A, aber damit etwas sinnvoll ist, muss zu diesem Sinn ein weiterer hinzukommen.
Die Verwirrung, welche in diesem Zusammenhang herrscht, wird, meiner Meinung nach, dadurch verursacht, dass hier etwas in der Gegenwart die Vergangenheit beeinflusst. Dadurch, dass das Leben den Drang zu leben hervorgebracht hat, wird das Leben, auch bevor es diesen Drang erzeugt hat, sinnvoll. Das Leben bevor es den Drang zu leben gab, war also gleichzeitig sinnlos und sinnvoll, je nachdem von wo aus man es betrachtet. Je nachdem was man weiß. In diesem Gedanken kommt die ganze Absurdität der Vorstellung einer Vergangenheit zum Ausdruck. Mit jedem Moment, den man in der Zeit voranschreitet, entsteht auch ein neues Ganzes. Die Vergangenheit existiert nur in unseren Köpfen, sie ist letztlich nicht weniger gegenwärtig als die Gegenwart. Wittgenstein schrieb, dass der Sinn der Welt außerhalb der Welt liegen muss. Doch bedeutet "außerhalb der Welt" nicht eigentlich in uns? Und bedeutet das nicht wiederum, dass der Sinn von uns in der Welt liegen muss?
Nehmen wir an A sei das Leben bevor es einen Drang zu leben gab. Der Drang zu leben sei B. AB nennen wir dann das Leben, wenn es bereits einen Drang zu leben in ihm gibt. A wäre demnach sinnlos. AB allerdings sinnvoll, und zwar weil B ein Teil davon ist, denn B ist sinnvoll, und zwar weil es wiederum ein Teil des sinnvollen AB ist. Beides tritt simultan auf ohne identisch zu sein. Was hier wie ein Zirkelschluss anmutet, ist jedoch keiner. Es besteht nämlich keine Kausalbeziehung zwischen AB und B. A hat B und somit auch gleichzeitig AB hervorgebracht, aber zwischen AB und B herrscht dieses Ursache-Wirkungs-Verhältnis nicht. Ihr Verhältnis untereinander ist das einer Obermenge zu einer Teilmenge, es ist ein logisches und kein zeitliches. Sie sind beide Wirkungen von A. Und A hat sich, dadurch, dass es zu AB geworden ist, selbst ausgelöscht.
Der Grund, dafür dass man am Leben bleibt, ist der Drang zu leben. Und der Grund, für den Drang zu leben, ist es am Leben zu bleiben. Der Ausdruck "Drang zu etwas" zeigt schon den Sinn dieses Dranges, er liegt in diesem "etwas". Es kann gar keinen Drang geben, der nicht zu etwas diente, der also keinen Sinn hätte.
Wenn für uns nichts einen Sinn hätte, würden wir auch nichts tun. Wir würden nur leben, weil wir geboren wurden. Eigentlich wäre es noch nicht einmal ein Leben, denn man würde weder denken noch handeln, man wäre einfach nur da.
Sartre hatte richtig festgestellt, dass wir zur Freiheit verdammt sind. Hätte das Leben, vermeintlicher Weise, keinen Sinn und man würde sich dennoch dafür entscheiden weiterzuleben, so hätte es trotzdem einen Sinn, denn man hätte eine Entscheidung getroffen. Anders ausgedrückt: Wenn man eigentlich nicht mehr leben will, aber einen Grund findet um weiterzuleben, so will man letztendlich ja doch leben, wenn auch nur aus diesem einen Grund.
Selbst wenn wir in dieser Entscheidung nur unserem Instinkt folgen würden, so wäre er ausreichend, um in uns den Wunsch nach dem Leben oder nach dem Tod zu wecken, und damit ein sinnstiftendes Element unserer Entscheidung.