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Willenlos frei

05.07.10 | von Patrick Zimmerschied [mail] | Kategorien: Metaphysik

„Und die menschlichen Handlungen sind genauso frei und sinnleer wie die freien Bewegungen der Elementarteilchen.“
Michel Houellebecq, Gegen die Welt, gegen das Leben

Was soll es eigentlich bedeuten einen freien Willen zu haben? Bedeutet es bewusst entscheiden zu können? Doch was heißt „bewusst“? Und was heißt „entscheiden können“? Wo liegt der Unterschied, ob ich eine Münze werfe oder willentlich Kopf oder Zahl wähle?
Offensichtlich in dem Gefühl, welches die Handlung begleitet. Ich weiß bei einer zufälligen Wahl nicht was das Ergebnis sein wird, allerdings weiß ich es bei einer überlegten Entscheidung auch nicht. Jedenfalls nicht bevor ich mich zu ihr entschieden habe. Ich kann schließlich nicht entscheiden woran ich denke. Die Gedanken kommen wie sie wollen. Wie sollte es auch anders sein? Ich kann mich logischerweise ja nicht dafür entscheiden an etwas oder nicht an etwas zu denken, ohne eben gerade daran zu denken.
DENK JETZT NICHT AN EINEN ELEFANTEN!
Ist was ich tue also genauso zufällig, wie der Fluss meiner Gedanken? Es scheint nicht so zu sein. Es scheint da eine Qualität zu geben, die dem spontanen Auftreten des Bildes eines Elefanten fremd ist. Diese Eigenschaft ist es, welche dem Subjekt die Verantwortlichkeit für sein Handeln aufzwingt. Aber jedem Handeln liegt ein Gedanke zugrunde. Ja, die Handlung selbst ist eigentlich nichts weiter als ein ausgeführter Gedanke. Wie kann da also ein Unterschied existieren?
Beim Wort „Elefant“ werde ich immer an einen Elefanten denken. Zwangsläufig. Ich kann gar nicht anders. Darum hat man dabei nicht das Gefühl, entschieden zu haben woran man denkt. Es spielt keine Rolle, ob das Elefanten-Bild durch einen äußeren Reiz verursacht wird oder ob es mir einfach ganz plötzlich in den Sinn kommt. Beides ist gleichermaßen frei von einer Empfindung der Urheberschaft des Gedankens (kreative Menschen sprechen deshalb häufig davon, dass sie das Gefühl haben, die Ideen würden ihnen von einer fremden Quelle zufließen).
In einer bestimmten bewussten Entscheidungssituation werde ich allerdings nicht intuitiv denken. Das heißt, ich führe dann eine Tätigkeit nicht instinktiv oder gewohnheitsmäßig aus. Im Gegensatz etwa zu einem Engländer, der auf einer deutschen Straße versehentlich zum Geisterfahrer wird. Ihn mit den Worten „Er hätte eben besser aufpassen müssen“ zur  Rechenschaft zu ziehen ist albern. Wenn er in diesem Moment hätte besser aufpassen können, dann hätte er es sicherlich getan.
Die Verschiedenartigkeit liegt darin, dass beim automatischen Ausführen von etwas, die Tätigkeit wie das Bild des Elefanten aufblitzt, ohne von uns gerufen worden zu sein, während wir beim geplanten Handeln darüber reflektieren. Der Grad der Komplexität nimmt also zu. Während bei Ersterem der handelnde Gedanke wie aus dem Nichts hervortritt, so hat man bei Letzterem schon vorher eine Vorstellung davon. Diese ist allerdings ebenfalls aus dem Nirgendwo gekommen und wird von weiteren Überlegungen begleitet, die zwar irgendwie mit dem Ursprungsgedanken verknüpft sind, aber wie genau und warum, bleibt ebenso im Dunkeln wie dessen Grund. Dennoch soll am Ende etwas entstehen, das das Individuum verantwortlich macht. Diese lange Kette von Gedanken müsste demnach eine andere Beschaffenheit aufweisen als ein einzelner Gedanke. Eine solche Emergenz scheint subjektiv durchaus zuzutreffen, doch wo verläuft die Grenze? Ab wann entscheide ich bewusst?
Die Antwort auf diese Frage läuft wohl letztendlich darauf hinaus, dass wir nie wissen, warum wir etwas tun. Und zwar aus dem gleichen Grund, aus dem wir nichts darüber sagen können, warum irgendetwas geschieht (sofern es überhaupt Gründe für Ereignisse gibt). Wir konstruieren uns Erklärungen von denen wir behaupten, sie bedürften keiner weiteren Begründung, obwohl durch sie eigentlich nichts klarer ist als zuvor. Wittgenstein hat das im Tractatus so formuliert:
„Der ganzen modernen Weltanschauung liegt die Täuschung zugrunde, daß die sogenannten Naturgesetze die Erklärungen der Naturerscheinungen seien.
So bleiben sie bei den Naturgesetzen als bei etwas Unantastbaren stehen, wie die Älteren bei Gott und dem Schicksal.“
Genauso bleibt der Alltagsverstand beim Willen stehen, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wie ich wollen kann was ich will. Wo ich keine Begründung mehr finde, da hört eben mein Wille auf, denkt man. Aber wieso sollte dies eine Auswirkung auf die Bewertung meiner Taten haben? Ich kann doch nur schuldig sein, wenn ich verantwortlich dafür bin, dass ich ich bin (und dann müsste ich auch die Schuld für diese Verantwortlichkeit tragen et cetera – ad infinitum), denn mein Wille, das bin ich.
Unser Hang zur Kausalität, die Illusion wir wüssten warum wir tun was wir tun, schürt den Gedanken an einen persönlich kontrollierten Willen. Doch schon Jesus Christus rief angeblich, als er ans Kreuz geschlagen wurde: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“.
Und das ist wahre Erkenntnis.

Nachträglicher Hinweis vom 05.08.2010: Da ich mir gerade „Inception“ im Kino angesehen habe und die Parallelen zu meinem Text fast schon unheimlich sind, möchte ich darauf aufmerksam machen, dass der Blog-Eintrag am 05.07.2010 entstanden ist. Also drei Tage vor der Weltpremiere des Films. Ich kann demnach nicht von ihm beeinflusst worden sein, außer eventuell durch außersinnliche Wahrnehmung, falls es so etwas gibt. Jedenfalls fand keine bewusste Inspiration statt.

16 Kommentare

Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Hallo Herr Zimmerschied,

Sie schreiben: "Genauso bleibt der Alltagsverstand beim Willen stehen, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wie ich wollen kann was ich will. Wo ich keine Begründung mehr finde, da hört eben mein Wille auf, denkt man. Aber wieso sollte dies eine Auswirkung auf die Bewertung meiner Taten haben?"

Aber da befinden Sie sich, glaube ich, unterhalb des Niveaus des heutigen Alltagsverstands. Heute existieren bereits allerhand Coaching und Selbstcoachingmethoden - von GTD (Getting Things Done) bis NLP - mit denen Menschen sich selbst dazu bringen, etwas zu wollen.

Interessanterweise sind jedoch hier die Moral und die Rechtssprechung der Gesellschaft hinterher. Zumindest wüsste ich nicht, dass jemand schon einmal dafür verurteilt worden wäre, was er sich zu wollen antrainiert hat, wenn er sich durch Selbstcoaching scharf gemacht hat wie einen Hund.

Doch liegt dieser Gedanke quer zu Ihrer Argumentation und ist nur als Ergänzung gedacht.

P.S.: Apropos Rechtsprechung. Was ich nie verstanden habe: Ein Totschlag im Affekt wird mit weniger Strafe belegt als ein "kaltblütiger Mord". Dabei sollte es, wenn man den menschlichen Willen und die Vernunft als Willensträger ernst nimmt, gerade umgekehrt sein. Man sollte also sagen: Wer in der Lage ist, einen kaltblütigen Mord zu begehen, der ist auch in der Lage, die Gesetze einzuhalten, weil er grundsätzlich in der Lage ist, sich zu beherrschen. Viel gefährlicher sei demgegenüber der Totschlag im Affekt, weil ein Mensch, der dermaßen die Herrschaft über sich verliert, sich nie beherrschen wird können. Wie kann man das zusammenfassen, was hier geschieht? Denn es ist doch so: Die ganze Zeit im bürgerlichen Leben sehen wir es als positiv an, wenn jemand vernünftig und beherrscht sich verhält und seien Willen in Handlungen umsetzt, während wir seine Affekte negativ als zersetzende, auch moralzersetzende (der alte Gierhals, der die Beherrschung verliert, als der das hübsche Mädchen sieht)Kräfte an. Geht die Situation aber in Richtung Mord, dann bewerten wird Vernunft/Wille und Affekte gerade umgekehrt. Dann sollen Vernunft und Wille das Verderbliche sein, während man sich von den Affekten das Rettende erwartet.
06.07.10 @ 19:32
Kommentar von: Patrick Zimmerschied [Mitglied] E-Mail
Mein Gedankengang ging eher in die Richtung von Schopenhauers „Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will“ und das hat nichts mit irgendwelchen „Selbstcoaching-Methoden“ zu tun. Lesen Sie mal, was Sie im zweiten Absatz geschrieben haben: „… mit denen Menschen sich selbst dazu bringen, etwas zu wollen“. Merken Sie, dass das widersprüchlich ist? Wenn ich mich dazu entscheide etwas zu wollen, dann will ich es doch schon!
Es ist nun mal ziemlicher Unsinn zu meinen man könnte seinen eigenen Willen mit Hilfe des eigenen Willens bestimmen, da kann man auch versuchen sich am Schopf hochzuheben.
Was das Rechtssystem und die Bestrafung angeht, das verstehe ich ohnehin nicht. Es ergibt ja überhaupt keinen Sinn jemanden zu bestrafen. Entweder man bringt den Verbrecher zur Vernunft oder man sperrt ihn, wenn das nicht geht, zum Schutz der Bevölkerung ganz weg.
Dieses seltsame Phänomen, dass Taten, die im Affekt begangen wurden milder beurteilt werden, hängt eben mit der von mir beschriebenen Einschätzung der meisten Menschen zusammen, dass man auf irgendeine paradoxe Art und Weise Herr über seine Gedanken und Handlungen sei, wenn man sich ihrer bewusst ist. Natürlich ist man aber nicht Herr über seine Gedanken und Handlungen, sondern man ist diese Gedanken und Handlungen.
06.07.10 @ 22:57
Kommentar von: philohof [Mitglied] E-Mail
Sehr geehrter Herr Zimmerschied,

Sie schreiben:

"Mein Gedankengang ging eher in die Richtung von Schopenhauers „Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will“ und das hat nichts mit irgendwelchen „Selbstcoaching-Methoden“ zu tun. Lesen Sie mal, was Sie im zweiten Absatz geschrieben haben: „… mit denen Menschen sich selbst dazu bringen, etwas zu wollen“. Merken Sie, dass das widersprüchlich ist? Wenn ich mich dazu entscheide etwas zu wollen, dann will ich es doch schon!"

Und da haben Sie im Prinzip recht! Und auch ich stimme ja Schopenhauers These zu, dass der Mensch zwar tun kann, was er will, aber seinem Willen ausgeliefert ist. Das bedeutet, dass Dinge wie Selbstcoaching und NLP das Problem nur verschieben. Am Ende stehe wieder ich da und muss mich entscheiden, meinen Willen zu ändern, um mich dann schrittweise dorthin zu bringen, dass ich tatsächlich dieses andere will. Und eben das geht nicht - das ist der logische Widerspruch auf den Sie mich hinweisen.

Und trotzdem ist was dran an diesem Coaching-Zeugs. Es ist ist das ein Problem, das ich selbst nicht aufzulösen vermag. Der Anfang des Fadens liegt da, dass diese Coaching-Methoden uns ein anderes Bild vom Menschen vermitteln als das traditionelle. Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass der Mensch jetzt nicht mehr meint, unmittelbar auf sich Zugriff zu haben. Das ist ja der Grund, warum man lange an sich arbeiten muss, um seinen eigenen Willen zu verändern. Hier liegt auch der Ansatzpunkt, von dem aus der logische Widerspruch aufzulösen wäre, dessen Sie mich überführen: "Wenn ich mich dazu entscheide etwas zu wollen, dann will ich es doch schon!" - Das ist ein Satz, der davon ausgeht, dass ich unmittelbaren Zugriff auf mich selbst habe oder dass "mich zu entscheiden" bedeutet, meinen gesamten Willen durch die Energie meiner Entscheidung in einem kompakten Akt zu verändern. (Und der logische Gegensatz dazu ist natürlich der, dass ich das nicht kann, sondern dass ich immer schon das will, zu dem ich mich in meiner Entscheidung entschlossen habe.)

Die Lösung dieses logischen Problems kann also nur so gehen: Wenn ich erkenne, dass ich das logische Kalkül selbst so nicht auflösen kann, dann muss ich mich seinem Hintergrund zuwenden, also den Begriffen, von denen ich ausgegangen bin und die seine Voraussetzungen sind. D.h.: ich muss abgehen von der herkömmlichen Vorstellung als Voraussetzung, dass "Willen" und "Entscheidung" bedeuten muss, dass das Subjekt unmittelbaren Zugriff auf seinen eigenen Willen hat und diesen im Augenblick beliebig verändern kann.

Nehmen wir nun so eine langsame Veränderung des Willens in den Blick, wie sie die Coaching-Trainings propagieren, dann mag das aus Ihrer Perspektive, Herr Zimmerschied, aus der traditionellen Perspektive, in welcher der Mensch unmittelbaren Willenszugriff auf sich selbst hat, so aussehen, als habe er immer schon gewollt, was er will. Aus jener Perspektive aber, die keinen solchen unmittelbaren Zugriff des Menschen auf seine eigene Willenskraft voraussetzt, kann derselbe Vorgang aber durchaus auch so aussehen, als ob der Mensch am eigenen Willen und an dessen Veränderung arbeitete.

Dabei ist natürlich nicht einfach so davon auszugehen, dass der Mensch sich an einem bestimmten Punkt zu dieser Willensänderung "entschieden" hat. Denn auch hier müssen wir ja jetzt ansetzen, dass der Zugang des Menschen zu sich selbst, indirekt und vermittelt ist.

Sie sehen also, der logische Widerspruch, auf den Sie mich hinweisen, ist voraussetzungsverhaftet und ist daher nicht aller Weisheit letzter Schluss.

Für das, was ich meine, gibt es immerhin Bilder, die es beschreiben. Denken sie an die weißen und schwarzen Seelenrosse in Platons Dialog "Phaidros", die weißen ziehen den Seelenwagen hinan, die schwarzen hinunter. Ob ich jetzt aber meine inneren schwarzen Seelenrosse zu zügeln habe oder mit Coaching-Methoden an mir arbeite, das Thema ist dasselbe: Ich kann meinen Willen nicht einfach so ändern, ich habe dabei mit Gegenkräften zu rechnen, die in mir selbst angesiedelt sind. Bei Platon gibt es genauso viele weiße wie schwarze Pferde, aber sagen wir einmal dass das Verhältnis 1 weißes zu 99 schwarzen Pferden steht, also eines, das mir gehorcht, gegenüber 99, die mit mir durchgehen. Dennoch ist es möglich, in einem lange anddauerenden Prozess Einfluss auf meine Seele auszuüben. Das ist zu bedenken.

Kurz gesagt: Ich weiß nicht, wie man das Rätsel auflöst. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass die Ausgangsvorstellung, wonach man sich Willen und Entscheidung derart vorstellt, dass man einen direkten Zugriff auf sich selber habe und seinen Willen im gegenwärtigen Augenblick ändern könne, falsch ist.
07.07.10 @ 12:37
Kommentar von: Patrick Zimmerschied [Mitglied] E-Mail
Ich bin mir nicht sicher, ob ich verstehe, was Sie meinen. Was heißt es denn, dass ich an meinem Willen arbeite? Dazu müsste das Ich ja vollkommen frei vom Willen sein. Aber man hat nun mal diese Empfindung, die man „Wille“ nennt und was Anderes als diese Empfindung soll der Wille denn sein? Entscheidungen kann man schließlich auch fällen, indem man würfelt. Was meinen Willen auszeichnet, ist lediglich, dass die letzte „Ursache“, auf die ich meine Entscheidung zurückführen kann, innerhalb meines Bewusstseins liegt.
Ich habe, glaube ich, Schwierigkeiten zu begreifen, was das Problem mit diesen „Selbstcoaching-Methoden“ ist, auf das Sie hinauswollen. Ich kann mich natürlich verändern und ich habe natürlich ein Unterbewusstsein, auf das ich einwirken kann und welches auf mich einwirkt. Aber doch nur im Rahmen meiner Möglichkeiten und diesen Möglichkeiten sind dadurch Grenzen gesetzt, dass ich ich bin.
Es ist wirklich schwierig über den „freien Willen“ zu diskutieren, weil der Begriff so extrem schwammig ist. Deshalb habe ich ja gleich in den ersten beiden Absätzen meines Textes versucht Klarheit darüber zu schaffen.
07.07.10 @ 20:20
Kommentar von: Günter Maier [Besucher] E-Mail
Meines Erachtens kann man nicht daran zweifeln, dass wir Menschen - außer in pathologischen Ausnahmefällen - bewusst handeln können. Wenn ich ein Auto kaufe, eine Reise buche, in der Gaststätte ein Gericht bestelle, dann handle ich bewusst. Ich habe dann auch den Willen, so zu handeln.Wie kommt aber dieser Wille zustande?
Die Willensbidung ist offenbar ein unter Umständen sehr komplexer Prozess, in den alle möglichen Faktoren hineinspielen, wie vorhandenes Wissen, rationale Überlegungen, persönliche Vorlieben und Abneigungen, charakterliche Merkmale wie Ängstlichkeit oder Leichtsinn, emotionale Befindlichkeit,Prägung durch die Erziehung und durch frühere Erlebnisse.Wenn die Faktoren sich widerstreiten, dann kommt es zu einem - meist wohl nur teilweise oder gar nicht bewussten - Abwägungsprozess.Willensbildugsprozesse dürfte häufig auch vielschichtig sein, wenn zum Beispiel emotionale, triebhafte Beweggründe durch rationale Überlegungen gehemmt oder ausgeschaltet werden.Letzlich entsteht dann der für eine bewusste Handlung erforderliche und entscheidende Wille.
Sind Willensbildungsprozesse determiniert? Meines Erachtens jedenfalls nicht vollständig, weil zufällige quantenphysikalische Ereignisse im Gehirn sich auf die Makroebene auswirken können. Dieses Moment an Zufälligkeit bringt aber keinen Gewinn an Freiheit.Gleichwohl kann man von einem freien Willen sprechen, wenn man diese im Sinne von Selbstbestimmtheit der Willensbildung versteht, das heißt, dass sie auf den persönlichen Kenntnissen Meinungen, Vorlieben und sonstigen Eigenheiten der Person beruht. Insofern besteht auch eine Verantwortlichkei der Person für ihre Handlungen.(Dazu gibt es ein gutes Buch von Michael Pauen und Gerhard Roth.)
Im Übrigen kann ich auch meine Gedanken steuern. Diese Steuerungsentscheidungen beruhen ebenfalls auf Willensbildungsprozessen.
17.07.10 @ 18:01
Kommentar von: Patrick Zimmerschied [Mitglied] E-Mail
Natürlich können wir bewusst handeln. Und was heißt das? Es heißt, dass es sich auf eine bestimmte Art anfühlt zu handeln. Sie kennen vielleicht das Gedankenexperiment des „philosophischen Zombies“?
Das erwähnte Buch von Pauen und Roth habe ich nicht gelesen, aber so wie Sie das beschreiben ist man auf die gleiche Weise für seine Handlungen verantwortlich, wie beispielsweise ein Sturm für Unwetterschäden verantwortlich ist. Also weil die Eigenschaften, die ein Sturm hat zu den Schäden geführt haben. Es macht allerdings doch wenig Sinn zu sagen der Sturm habe frei gehandelt, oder?
Ich bin, aus den in meinem Text bereits mehrfach erwähnten Gründen, ganz und gar nicht der Meinung, dass ich meine Gedanken steuern kann. Um es noch einmal klar und deutlich zu sagen: Ich bin meine Gedanken und darum kann ich meine Gedanken nicht steuern!
17.07.10 @ 21:14
Kommentar von: johnson [Besucher]
das spielchen mit dem "DENK JETZT NICHT AN EINEN ELEFANTEN" hat bei mir übrigens nicht geklappt. tja...
20.07.10 @ 15:28
Kommentar von: Patrick Zimmerschied [Mitglied] E-Mail
Naja, kommt ja auch darauf an, wie man an etwas zu denken definiert. Wenn man es weit fasst (was man in diesem Fall tun sollte), dann gehört auch schon das abstrakt-begriffliche Denken dazu. Und somit eben nicht nur die konkret-bildliche Vorstellung, sondern bereits das Denken an sich, dem man kein Denken mehr voranstellen kann. Ich kann mich sozusagen nicht entscheiden zu denken.
20.07.10 @ 17:35
Kommentar von: maier [Besucher]
Gedanken und Gefühle sind "bewusst", wenn ICH mir gleichsam gegenübertrete und wahrnehme, was ich gerade denke oder fühle, wenn also eine Reflexion stattfindet. Bei einer bewussten Entscheidung nehme ich wahr, was ich tun will.Die Entscheidung ist frei im Sinne von selbstbestimmt, wenn sie maßgeblich auf meine persönliche Ansichten und Präferenzen zurückgeht.
Der Sturm kann nicht frei handeln, weil er kein Bewusstsein hat. Die von ihm verursachten Schäden sind zwar seinen Eigenschaften zuzurechnen, aber von einer Verantwortung kann keine Rede sein.Auch wir Menschen sind nur für bewusstes Handeln verantwortlich.
Zur Frage der Zombies: Wesen, die uns in ihrer physischen Beschaffenheit und Zuständlichkeit hundertprozentig gleich sind, aber keine bewussten Gedanken und Gefühle haben, kann man sich zwar vorstellen, aber meines Erachtens sind sie nicht möglich.Man kann sich ja zum Beispiel vorstellen, dass ab morgen die Sonne um die Erde kreist; möglich aber ist das nicht.
Übrigens: Wenn ich gerade an einen Elefanten denke, kann ich mich entschließen, an etwas anderes zu denken, z.B. an eine gute Mahlzeit; ich denke dann nicht mehr an einen Elefanten. Interessant ist allerdings, wie diese Willensbildung zustande kommt, determiniert, selbstbestimmt, zufällig?
24.07.10 @ 18:10
Kommentar von: Patrick Zimmerschied [Mitglied] E-Mail
Was Sie schreiben enthält das Problem der Selbstreferenz, welches auftritt, wenn man versucht das Ich vom Willen zu trennen. Man kann sich nun mal nicht „gegenübertreten“, wie Sie es nennen. Wenn ich etwas tun will, dann brauche ich das nicht mehr wahrzunehmen, denn man kann nichts wollen ohne sich dieses Wollens bewusst zu sein. Und wenn ich mich „entschließe“ nicht mehr an einen Elefanten, sondern an eine Mahlzeit zu denken, dann sehe ich da keinen Unterschied zwischen dem spontanen Auftreten des Elefanten-Bildes und dem „gewollten“ Auftreten des Bildes der Mahlzeit. Warum sollen wir Menschen nur für bewusstes Handeln verantwortlich sein, wenn wir überhaupt für etwas verantwortlich sein sollen? Das ist doch vollkommen willkürlich. Warum soll ein Mensch freier sein als ein Zombie oder ein Sturm? Nur weil er ein Bewusstsein hat? Was ändert dieses Bewusstsein?
24.07.10 @ 18:55
Kommentar von: Günter Maier [Mitglied] E-Mail
Das Ich-Bewusstsein entsteht meines Erachtens durch ein Reflexionszentrum als Leistung des Gehirns, auch wenn die Hirnforscher dieses Zentrum nicht irgendwo im Gehirn lokalisieren, sondern die genannte Leistung durch das netzartige Zusammenwirken der Neuronen bewirkt wird. In dem Reflexionszentrum werden die Gedanken, die Empfindungen und die Wahrnehmungen zusammengeführt und Handlungsentscheidungen können dort abgewogen werden (auch wenn das Ganze ein äusserst komplexer kausaler Prozess ist).Das Ich-Bewusstsein befähigt den menschen, bewusste Entscheidungen zu treffen. Das ändert sehr viel.
27.07.10 @ 18:20
Kommentar von: Patrick Zimmerschied [Mitglied] E-Mail
WAS ändert es? Wenn das Ganze ein kausaler Prozess sein soll und der einzige Unterschied zu anderen kausalen Prozessen der ist, dass man sich der Entscheidung bewusst ist, worin besteht dann die Rechtfertigung plötzlich von einem freien Willen zu sprechen?
27.07.10 @ 19:54
Kommentar von: Günter Maier [Mitglied] E-Mail
Die Rechtfertigung besteht darin, dass die jeweilige Entscheidung in diesem kausalen Prozess maßgeblich von meiner Persönlichkeit, von meinen Vorstellungen, Kenntnissen,und Vorlieben geprägt wird.
29.07.10 @ 14:28
Kommentar von: Patrick Zimmerschied [Mitglied] E-Mail
Und damit sind wir wieder bei dem Punkt, dass es von meinen Eigenschaften abhängt, was ich tue, so wie es von den Eigenschaften eines Sturmes abhängt, was er verursacht. Ich entscheide mich ja nicht für meine Persönlichkeit, sondern ich bin meine Persönlichkeit, und somit sind auch alle weiteren Entscheidungen, die ich fälle nur in dem gleichen Maße "frei", wie andere Naturphänomene. Ich ordne meine Taten nur eben einfach mir zu, so wie man Unwetterschäden einem Sturm zuordnet. Das Bewusstsein spielt lediglich für die Zuweisung von Ursache und Wirkung eine Rolle. Entweder man sagt nichts und niemand ist frei oder man sagt alles ist frei, aber so eine Kompromisslösung, wie Ihre, erscheint mir unsinnig.
29.07.10 @ 15:20
Kommentar von: Günter Maier [Mitglied] E-Mail
Bitte nicht vergessen, dass der Sturm kein Bewusstsein hat. Auch der menschliche Geist ist ein Naturphänomen, aber ein ganz besonderes.Kraft seines Ich-Bewusstseins kann der Mensch Entscheidungen abwägen und emotionale und rationale Motive einbeziehen. Das kann der Sturm nicht. Eine einheitliche Bwertung von unbewussten Naturvorgängen und von Menschen getroffenen bewussten Entscheidungen ist daher nicht angebracht.
02.08.10 @ 10:42
Kommentar von: Patrick Zimmerschied [Mitglied] E-Mail
Wie ich im Text schon geschrieben habe: Motive sind doch nur psychologische Konstrukte, genauso wie Ursache und Wirkung. Kann man sich darüber sicher sein, warum man etwas tut? Nein! Man stellt eine Theorie darüber auf und mehr nicht.
Es ist doch kein vernünftiges Argument zu sagen, dass der Geist ein besonderes Phänomen ist, weil er bestimmte Eigenschaften hat, die andere Phänomene nicht haben. Jedes Phänomen hat Eigenschaften, die ein anderes nicht hat, sonst wäre es ja kein unterscheidbares Phänomen. Man kann nun per definitionem sagen, dass alles was ein Bewusstsein hat einen "freien Willen" besitzt, aber damit wird eben genau das erreicht, was ich im Text beschreibe. Nämlich dass der "freie Wille" nur die Art ist, wie es sich anfühlt, wenn man bewusst handelt.
02.08.10 @ 13:21

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Patrick Zimmerschied, geboren 1982 in Wetzlar. Zurzeit Student der Philosophie und der Politikwissenschaft, sowie studentische Hilfskraft an der TU Darmstadt.
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