| Der Sinn des Lebens » |
„Und die menschlichen Handlungen sind genauso frei und sinnleer wie die freien Bewegungen der Elementarteilchen.“
Michel Houellebecq, Gegen die Welt, gegen das Leben
Was soll es eigentlich bedeuten einen freien Willen zu haben? Bedeutet es bewusst entscheiden zu können? Doch was heißt „bewusst“? Und was heißt „entscheiden können“? Wo liegt der Unterschied, ob ich eine Münze werfe oder willentlich Kopf oder Zahl wähle?
Offensichtlich in dem Gefühl, welches die Handlung begleitet. Ich weiß bei einer zufälligen Wahl nicht was das Ergebnis sein wird, allerdings weiß ich es bei einer überlegten Entscheidung auch nicht. Jedenfalls nicht bevor ich mich zu ihr entschieden habe. Ich kann schließlich nicht entscheiden woran ich denke. Die Gedanken kommen wie sie wollen. Wie sollte es auch anders sein? Ich kann mich logischerweise ja nicht dafür entscheiden an etwas oder nicht an etwas zu denken, ohne eben gerade daran zu denken.
DENK JETZT NICHT AN EINEN ELEFANTEN!
Ist was ich tue also genauso zufällig, wie der Fluss meiner Gedanken? Es scheint nicht so zu sein. Es scheint da eine Qualität zu geben, die dem spontanen Auftreten des Bildes eines Elefanten fremd ist. Diese Eigenschaft ist es, welche dem Subjekt die Verantwortlichkeit für sein Handeln aufzwingt. Aber jedem Handeln liegt ein Gedanke zugrunde. Ja, die Handlung selbst ist eigentlich nichts weiter als ein ausgeführter Gedanke. Wie kann da also ein Unterschied existieren?
Beim Wort „Elefant“ werde ich immer an einen Elefanten denken. Zwangsläufig. Ich kann gar nicht anders. Darum hat man dabei nicht das Gefühl, entschieden zu haben woran man denkt. Es spielt keine Rolle, ob das Elefanten-Bild durch einen äußeren Reiz verursacht wird oder ob es mir einfach ganz plötzlich in den Sinn kommt. Beides ist gleichermaßen frei von einer Empfindung der Urheberschaft des Gedankens (kreative Menschen sprechen deshalb häufig davon, dass sie das Gefühl haben, die Ideen würden ihnen von einer fremden Quelle zufließen).
In einer bestimmten bewussten Entscheidungssituation werde ich allerdings nicht intuitiv denken. Das heißt, ich führe dann eine Tätigkeit nicht instinktiv oder gewohnheitsmäßig aus. Im Gegensatz etwa zu einem Engländer, der auf einer deutschen Straße versehentlich zum Geisterfahrer wird. Ihn mit den Worten „Er hätte eben besser aufpassen müssen“ zur Rechenschaft zu ziehen ist albern. Wenn er in diesem Moment hätte besser aufpassen können, dann hätte er es sicherlich getan.
Die Verschiedenartigkeit liegt darin, dass beim automatischen Ausführen von etwas, die Tätigkeit wie das Bild des Elefanten aufblitzt, ohne von uns gerufen worden zu sein, während wir beim geplanten Handeln darüber reflektieren. Der Grad der Komplexität nimmt also zu. Während bei Ersterem der handelnde Gedanke wie aus dem Nichts hervortritt, so hat man bei Letzterem schon vorher eine Vorstellung davon. Diese ist allerdings ebenfalls aus dem Nirgendwo gekommen und wird von weiteren Überlegungen begleitet, die zwar irgendwie mit dem Ursprungsgedanken verknüpft sind, aber wie genau und warum, bleibt ebenso im Dunkeln wie dessen Grund. Dennoch soll am Ende etwas entstehen, das das Individuum verantwortlich macht. Diese lange Kette von Gedanken müsste demnach eine andere Beschaffenheit aufweisen als ein einzelner Gedanke. Eine solche Emergenz scheint subjektiv durchaus zuzutreffen, doch wo verläuft die Grenze? Ab wann entscheide ich bewusst?
Die Antwort auf diese Frage läuft wohl letztendlich darauf hinaus, dass wir nie wissen, warum wir etwas tun. Und zwar aus dem gleichen Grund, aus dem wir nichts darüber sagen können, warum irgendetwas geschieht (sofern es überhaupt Gründe für Ereignisse gibt). Wir konstruieren uns Erklärungen von denen wir behaupten, sie bedürften keiner weiteren Begründung, obwohl durch sie eigentlich nichts klarer ist als zuvor. Wittgenstein hat das im Tractatus so formuliert:
„Der ganzen modernen Weltanschauung liegt die Täuschung zugrunde, daß die sogenannten Naturgesetze die Erklärungen der Naturerscheinungen seien.
So bleiben sie bei den Naturgesetzen als bei etwas Unantastbaren stehen, wie die Älteren bei Gott und dem Schicksal.“
Genauso bleibt der Alltagsverstand beim Willen stehen, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wie ich wollen kann was ich will. Wo ich keine Begründung mehr finde, da hört eben mein Wille auf, denkt man. Aber wieso sollte dies eine Auswirkung auf die Bewertung meiner Taten haben? Ich kann doch nur schuldig sein, wenn ich verantwortlich dafür bin, dass ich ich bin (und dann müsste ich auch die Schuld für diese Verantwortlichkeit tragen et cetera – ad infinitum), denn mein Wille, das bin ich.
Unser Hang zur Kausalität, die Illusion wir wüssten warum wir tun was wir tun, schürt den Gedanken an einen persönlich kontrollierten Willen. Doch schon Jesus Christus rief angeblich, als er ans Kreuz geschlagen wurde: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“.
Und das ist wahre Erkenntnis.
Nachträglicher Hinweis vom 05.08.2010: Da ich mir gerade „Inception“ im Kino angesehen habe und die Parallelen zu meinem Text fast schon unheimlich sind, möchte ich darauf aufmerksam machen, dass der Blog-Eintrag am 05.07.2010 entstanden ist. Also drei Tage vor der Weltpremiere des Films. Ich kann demnach nicht von ihm beeinflusst worden sein, außer eventuell durch außersinnliche Wahrnehmung, falls es so etwas gibt. Jedenfalls fand keine bewusste Inspiration statt.